Vielleicht waren es die schmale Nase und die mit dunklem Stift tief gezogenen Augenbrauen. Trotzdem mag nicht jeder Tobias Meyer, dem ehemaligen Starauktionator von Sotheby’s zustimmen, dass eine fast kugelförmige, abstrahierte Kopfskulptur des rumänischen Bildhauers Constantin Brancusi aus dem Jahr 1913 große Ähnlichkeit mit dem statuarischen Gesicht Nicole Kidmans aufweist.Die australische Hollywood-Schauspielerin tanzt in einem von Christie’s in Auftrag gegebenen Werbefilm zu David Bowies „Golden Years“ um Brancusis vergoldete „Danaïde“ aus der Sammlung des 2017 verstorbenen Medienmoguls S.I. Newhouse, der sich von Meyer in Kunstangelegenheiten beraten ließ. Das Video soll Meyers Idee gewesen sein. Bei einem Besuch der laufenden Brancusi-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin kann man selbst den Vergleich mit ähnlichen Skulpturen anstellen.Am Hollywood-Star allein lag es nichtDas Marketing-Theater zahlte sich aus – oder die Kunst, ihre Rarität und Provenienz sprachen für sich: Die „Danaïde“ erzielte bei der Abendauktion „Masterpieces: The Private Collection of S.I. Newhouse“ von Christie’s in New York den zweithöchsten Preis, der je bei einer Versteigerung für eine Skulptur bewilligt wurde. Nach etwa einem halben Dutzend Geboten fiel der Hammer bei 93 Millionen Dollar für eine von sechs bekannten Versionen des Werkes. Inklusive Gebühren fallen für den anonymen Käufer 107,6 Millionen Dollar an, ein Brancusi-Rekord. Die Erwartung lag bei 100 Millionen Dollar. Newhouse zahlte 2002 bei Christie’s etwas mehr als 18 Millionen, damals den höchsten Auktionspreis für eine Skulptur.Zuschlag bei 157 Millionen Dollar: Auktionator Adrien Meyer verkauft bei Christie’s in New York Jackson Pollocks „Number 7A, 1948“Christie’sDas teuerste Los der prestigeträchtigen Auktionsserie mit moderner und zeitgenössischer Kunst war allerdings ein anderes Werk aus der Sammlung Newhouse: „Number 7A, 1948“, das größte noch in Privatbesitz befindliche „drip painting“ Jackson Pollocks, stieg nach mehr als sechzig Geboten von mindestens fünf Bietern auf 157 Millionen Dollar. Das sind 181,2 Millionen Dollar mit Gebühren und mehr als das Doppelte des bisherigen Rothko-Rekords von 61 Millionen Dollar, aufgestellt 2021. Das Gemälde zählt nun zu den teuersten Kunstwerken, die jemals versteigert wurden.Der Umsatz inklusive Gebühren für die 16 Werke der Sammlung Newhouse belief sich auf 630,8 Millionen Dollar, mehr als 30 Millionen über der oberen Erwartung. Damit steigt der Gesamterlös von Christie’s aus vier über mehrere Jahre verteilten Auktionen mit Tranchen der Newhouse Collection auf über eine Milliarde Dollar. Sie ist nun die zweitteuerste Privatsammlung der Auktionsgeschichte nach der des Microsoft-Mitgründers Paul Allen.Bei Christie’s zum Rekordpreis von 98,4 Millionen Dollar brutto versteigert: Mark Rothko, „No. 15 (Two Greens and Red Stripe)“, 1964Christie’s/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Auf die Newhouse-Auktion folgte bei Christie’s am gleichen Abend der „20th Century Evening Sale“, dessen Gesamtumsatz von 490,3 Millionen für 46 verkaufte Lose (von 48 im Angebot) dem Erwarteten entsprach. Eine Papierarbeit von Pollock blieb liegen. Angeführt wurde die Versteigerung von Mark Rothkos Gemälde „No. 15 (Two Greens and Red Stripe)“, das viele Jahre im Wohnzimmer der Sammlerin und ehemaligen Präsidentin des Museum of Modern Art in New York, Agnes Gund, hing. Der Hammer fiel etwas oberhalb der Taxe bei 85 Millionen Dollar. Mit einem Preis von 98,3 Millionen inklusive Gebühren verfehlte das Los allerdings die angestrebte 100-Millionen-Dollar-Marke. „Anxious Girl“ (Taxe 40 bis 60 Millionen Dollar) aus Roy Lichtensteins „Girl“-Serie der Sechzigerjahre blieb mit 46 Millionen inklusive Aufgeld weit unter der Rekordmarke des Popartkünstlers von 95 Millionen Dollar, aufgestellt 2015 mit dem Gemälde „Nurse“ aus der gleichen Serie.Preisverfall bei Warhol, Stabilität bei RichterDer Einlieferer von Andy Warhols „Double Elvis (Ferus Type)“ (25/35 Millionen), der das Bild 2018 bei Christie’s für 37 Millionen Dollar kaufte, musste nun bei einem Hammerpreis von 23 Millionen Dollar einen herben Verlust hinnehmen. Es befand sich einst in der Sammlung des in Ungnade gefallenen Kasino-Moguls Steve Wynn. Christie’s setzte mit beiden Auktionen an einem Abend 1,1 Milliarden Dollar um. Der „21st Century Evening Sale“ ein paar Tage später spielte dem Auktionshaus mit 30 verkauften Losen 136,8 Millionen Dollar in die Kassen, 42 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.Da fiel der Hammer schon bei 30 Millionen Dollar: Gerhard Richter, „Kerze“, bei Christie’sChristie’sVon Gerhard Richter kamen sieben Gemälde aus dem Nachlass der New Yorker Galeristin Marian Goodman zum Aufruf. Für Richters „Kerze“ ließ die Auktionatorin Yü-Ge Wang ihren Hammer allerdings schon bei 30 Millionen Dollar auf das Rostrum knallen. Die Erwartung lag bei 35 bis 50 Millionen. Inklusive der angeschlossenen Auktion mit Minimalismus aus der Sammlung Henry S. McNeil Jr. wurden an einem Abend 162,7 Millionen Dollar umgesetzt, das höchste Ergebnis für einen Zeitgenossen-Abend bei Christie’s in fünf Jahren.Junge Künstler im AufwindBei Phillips setzte der „Modern & Contemporary Evening Sale“ 115,2 Millionen Dollar um, deutlich mehr als die vorab anvisierten 84,2 Millionen Dollar und mehr als das Doppelte der 52 Millionen, die im Mai 2025 erzielt wurden. Sämtliche 41 Lose fanden Käufer. Werke lebender Künstler, die auf dem Primärmarkt schwer zu ergattern sind, ließen ihre Taxen weit hinter sich. Ob das eine Erholung im Markt für jüngere Malerstars signalisiert, ist schwer zu sagen.Stieg bei Sotheby’s weit über den Schätzpreis hinaus auf 51,5 Millionen Dollar netto: Henri Matisse, „La Chaise Lorraine“, 1919Sotheby’sUm Joseph Yaegers Gemälde einer Hand mit einem brennenden Streichholz, „There Is a Light and It Always Goes Out“ (60.000/80.000) aus dem Jahr 2021, dass sich auf ein Lied der britischen Band The Smiths aus dem Jahr 1986 bezieht, wetteiferten fast ein Dutzend Bieter. Es stieg auf 370.000 Dollar. Auch bei Phillips fuhr ein Warhol-Einlieferer Verluste ein: Das Toplot, Warhols „Sixteen Jackies“ (15/20 Millionen) war 2023 bei Christie’s für 25,9 Millionen Dollar brutto verkauft worden. Nun fiel der Hammer bei 13,5 Millionen. Viele Künstlerinnen erzielten dagegen Preise um oder über ihren oberen Taxen. Die vergoldete Textilarbeit „Umbra E“ (600.000/800.000) der Kolumbianerin Olga de Amaral, entstanden 2015, stieg auf 1,3 Millionen. Die Fondation Cartier richtete ihr vor zwei Jahren eine Ausstellung aus.Beinahe ein zweiter Rothko-RekordBei Sotheby’s lief die New Yorker Frühjahrssaison ebenfalls sehr gut an. Das Unternehmen machte seinen Saisonauftakt mit elf Werken aus der Sammlung des im Dezember verstorbenen Bankiers und Galeristen Robert Mnuchin. Die Auktion stellte auch fast einen neuen Rekord für Rothko auf, als „Browns and Blacks in Reds“ (70/100 Millionen) bei 74 Millionen zugeschlagen wurde: 85,8 Millionen Dollar mit Aufgeld liegt knapp unter dem bisherigen Rothko-Rekord. Mnuchin kaufte das Werk 2003 bei Christie’s für 6,7 Millionen Dollar.Zuschlag bei 74 Millionen Dollar, brutto 85,8 Millionen: Mark Rothko, „Browns and Blacks in Reds“ bei Sotheby’sSotheby’s/VG Bild-Kunst, Bonn 2026Im Anschluss folgte bei Sotheby’s die „The Now & Contemporary Evening Auction“ mit 44 Losen, von denen vier unverkauft blieben. Warhol reüssierte hier mit bekannter Provenienz: Das grüne Siebdruck-Porträt von Brigitte Bardot aus dem ehemaligen Besitz ihres Ehemanns Gunter Sachs (14/18 Millionen) stieg auf 21 Millionen Dollar. Beide Auktionen zusammen setzten 433,1 Millionen Dollar um. Das sind 132 Prozent mehr als bei dem Termin im vergangenen Frühjahr.Der „Modern Evening Auction“ bei Sotheby’s fehlte ein wenig die Energie, obwohl 303,9 Millionen Dollar eingefahren wurden – 63 Prozent mehr als im Vorjahr. Einen starken Preis erzielte Henri Matisses marktfrisches Werk „La Chaise Lorraine“ aus dem Jahr 1919, eingeliefert aus der Sammlung Barbier-Mueller. Es sollte mehr als 25 Millionen Dollar einspielen. Am Ende wurden 41,5 Millionen bewilligt, 48,4 Millionen brutto – der zweithöchste Auktionspreis für Matisse. Die meisten der 42 Werke waren mit unwiderruflichen Geboten abgesichert, zwei vor der Auktion zurückgezogen worden, daher blieb nur ein Werk unverkauft.Die Erholung des Marktes findet bisher hauptsächlich im obersten Segment statt und wird von Trophäen getragen.