Der andere BlickDeutschlands geistige Erschlaffung: Politiker und Bürger haben die harte Sprache der Macht verlerntMit dem Fall der Mauer gönnten sich die deutschen Politiker zunehmend den Luxus, die Entwicklungen in der Welt entweder zu ignorieren, oder schönzureden. Nun muss das Land mühsam wieder lernen, strategisch zu denken.22.05.2026, 04.30 Uhr5 LeseminutenViel unterwegs, wenig Plan: Der deutsche Kanzler Friedrich Merz bei seinem Antrittsbesuch in Polen.Sean Gallup / GettyEs mangelt der deutschen Regierung nicht an Lippenbekenntnissen zur vielbeschworenen Zeitenwende. «Wir sind dieser Welt nicht ausgeliefert. Wir können sie gestalten», sagte der Kanzler Friedrich Merz unlängst an der Münchner Sicherheitskonferenz, verbunden mit dem Anspruch auf eine Führungsrolle in Europa. Doch wenn es darum geht, diese Worte in Taten umzusetzen, offenbart sich eine tiefe Kluft zwischen Rhetorik und Realität. Merz wirkt nicht gestaltungsfreudig, sondern wankelmütig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mal gilt China als systemischer Rivale, mal als unentbehrlicher Handelspartner. Mal rühmt sich Merz für sein gutes Verhältnis zum amerikanischen Präsidenten, mal rät er von Reisen in das Land ab. Anstatt auf eine möglichst geeinte Europäische Union hinzuarbeiten, flüchtet er sich in eine Vielzahl von Zweckbündnissen mit wechselnden Partnern.Es heisst deswegen oft, der Kanzler habe ein «Kommunikationsproblem». Doch diese Diagnose greift zu kurz, jedenfalls wenn es um seine Aussenpolitik geht. Dahinter steckt vielmehr eine grundsätzliche Schwäche.Das Wort «Interessen» ist verpöntDeutschland hat in den letzten Jahrzehnten verlernt, strategisch und vorausschauend zu denken. Das Wort «Interessen» ist inzwischen verpönt. Statt einer geopolitischen Gesamtstrategie zu folgen, lässt sich die Regierung von den internationalen Krisen treiben.Dabei mangelt es in Berlin nicht an Dokumenten, die das Wort «Strategie» im Titel tragen. Es gibt eine China-Strategie, eine Nationale Wirtschaftsschutzstrategie, eine Rohstoffstrategie, sogar eine Weltraumstrategie. Die Nationale Sicherheitsstrategie, die ihrer Ambition nach noch am ehesten das Fundament für eine echte geopolitische Strategie bilden müsste, erschöpft sich in einer generischen Lageanalyse. Aber was folgt daraus? Welche Ziele verfolgt die Regierung, und wie will sie diese erreichen? Diese Fragen bleiben unbeantwortet.Das war nicht immer so. Die politischen Eliten der Bundesrepublik haben dieses Denken einst beherrscht. Die jüngere deutsche Geschichte ist voll von brillanten strategischen Denkern.Während des Kalten Krieges waren kluge Abwägungen eine existenzielle Notwendigkeit. Angesichts einer potenten Armee auf der anderen Seite der Berliner Mauer und der permanenten Bedrohung durch einen Atomschlag konnte es sich die Bundesrepublik nicht leisten, planlos zu agieren. Die Bedrohung schärfte den Verstand.Kühler Realismus statt SentimentalitätenKonrad Adenauer setzte die Wiederbewaffnung des Landes und die konsequente Westbindung gegen eine kriegsmüde Gesellschaft und die Skepsis der Nachbarstaaten durch. Er liess sich dabei nicht von moralischen Sentimentalitäten leiten, sondern von kühlem Realismus. Kraft werde mehr respektiert als Recht, sagte er einst.Später bewies Helmut Schmidt ebenfalls seine Weitsicht in aussenpolitischen Grundsatzfragen. Er drängte auf die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Deutschland. Dahinter steckte eine nüchterne Abwägung: Wenn Europa angesichts sowjetischer Mittelstreckenraketen erpressbar würde, würden die USA dann wirklich Hamburg oder Frankfurt retten? Das, so das Kalkül, würden sie nur tun, wenn Amerika selbst von einer atomaren Eskalation betroffen wäre. Dafür nahm er die Spaltung seiner Partei, Massendemonstrationen und letztlich das Ende seiner Kanzlerschaft in Kauf.Und schliesslich Helmut Kohl: Als geschickter Machtpolitiker nutzte er das historische Zeitfenster, das sich ihm bot, entschlossen für die Wiedervereinigung. Er schaffte es, die skeptischen Nachbarstaaten davon zu überzeugen, dass von einem geeinten Deutschland im Herzen Europas keine Gefahr mehr ausgeht.Was diese Kanzler einte, war, dass sie den Mut hatten, sich grosse Ziele zu setzen, die Geistesgegenwart, zu erkennen, wann die Chance zum Handeln gekommen war, und das Format, ihre Politik gegen massive Widerstände durchzusetzen.Eine zunehmend moralisch denkende ÖffentlichkeitDoch mit dem Fall der Mauer setzte in der deutschen Aussenpolitik nicht nur das vermeintliche «Ende der Geschichte» ein, sondern auch eine geistige Erschlaffung. Sie zeigte sich aussenpolitisch vornehmlich dadurch, dass Politiker sich zunehmend den Luxus gönnten, die Entwicklungen in der internationalen Politik entweder zu ignorieren oder schönzureden.Flankiert wurde das durch eine zunehmend moralisch denkende Öffentlichkeit, die realistisches Denken abkanzelte. Man denke nur an den Bundespräsidenten Horst Köhler, der zurücktrat, weil er es gewagt hatte, auf deutsche Interessen im Afghanistan-Krieg hinzuweisen.Diese gesamtgesellschaftliche Geisteshaltung hatte ihren Preis. Durch diese Denkfaulheit konnten die fatale energiepolitische Abhängigkeit von Russland und eine tiefe Verwundbarkeit in den Lieferketten gegenüber China überhaupt erst entstehen. Aber auch die Partner wurden im Stich gelassen. Deutschland gab den sicherheitspolitischen Trittbrettfahrer, der die Garantien der USA schamlos ausnutzte. Die Europapolitik der letzten Jahre verkam zu einem Flickwerk.Nirgends offenbart sich diese Geisteshaltung deutlicher als im Koalitionsvertrag von Union und SPD aus dem Jahr 2013. Dort findet sich ein Satz, der rückblickend an politischer Lethargie kaum zu übertreffen ist: «Wir stehen bereit, wenn von unserem Land Beiträge zur Lösung von Krisen und Konflikten erwartet werden.» Meldet euch gern, wenn es brennt, so lautet die Botschaft – aber stört uns im Übrigen bitte nicht bei der Verwaltung unseres Wohlstands.Diese kollektive Verweigerungshaltung hält bis heute an. Und sie betrifft längst nicht nur die Politik. Noch immer herrscht in weiten Teilen der Bevölkerung der Irrglaube vor, Deutschland könne sich aus den Konflikten der Welt einfach heraushalten, obwohl der Krieg schon längst nach Europa zurückgekehrt ist.Interessen kann man auch friedvoll durchsetzenDoch es ist eine gefährliche Illusion, zu glauben, man könne alles Schlechte der Welt durch Nichtstun von sich fernhalten. Das Gegenteil wird der Fall sein: Wenn Deutschland weiter passiv bleibt, werden die Krisen das Land früher oder später unvorbereitet überrollen.Sicher, es gibt gute Gründe dafür, sich als Deutscher davor zu scheuen, die eigenen Interessen allzu energisch durchzusetzen. Der deutsche Gestaltungswille hat den Kontinent im vergangenen Jahrhundert zweimal ins Verderben gerissen. Aber diese historische Furcht beruht auf einem Missverständnis: Wer strategisches Denken wirklich beherrscht, muss seine Interessen nicht mit Gewalt durchsetzen. Im Gegenteil: Eine kluge, interessengeleitete Aussenpolitik wird in erster Linie friedvoll sein, schon allein, weil Diplomatie und Abschreckung günstiger sind als jeder Krieg.Es heisst in der derzeitigen Debatte oft, die deutschen Diplomaten müssten besser ausgebildet, ihr Denken geschärft werden. Das ist natürlich wünschenswert. Aber es greift zu kurz: Die Deutschen müssen ihr Denken schärfen, und sie müssen wieder lernen, in die Abgründe zu blicken, die sich vor ihnen auftun.1 KommentarUdo Maier vor 11 MinutenWir sind von Freunden umgeben.