Der andere BlickAngela Merkel fehlte für langfristige Pläne oft der Wille – heute fordert sie sie ein. Glaubwürdig ist das nichtDie frühere deutsche Kanzlerin prägte eine Ära des Politikmanagements. Strategische Versäumnisse jener Zeit holen Deutschland nun ein.19.05.2026, 18.07 Uhr3 LeseminutenZu Angela Merkels Amtsantritt 2005 wird ihr Porträt in einer Berliner Kneipe aufgehängt.EPADie frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel gefällt sich dieser Tage in der Rolle der weisen Mahnerin der deutschen Politik. Besonders glaubwürdig ist sie dabei freilich nicht. So riet sie den Parteien, sich nicht immer indirekt über die in den Umfragen führende AfD zu definieren. «Was ist eigentlich unser Plan für dieses Land?», fragte die ehemalige CDU-Chefin am Dienstag an der Digitalkonferenz Republica.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ohne Frage hat Merkel hier recht. Deutschland muss sich neu erfinden. Russlands Feindseligkeit, die Entfremdung von Trumps Amerika und Chinas Wandel vom Absatzmarkt zum Konkurrenten zwingen dazu ebenso wie die Demografie des alternden und von Zuwanderung verunsicherten Landes. Nur die Schrauben nachzuziehen, genügt nicht mehr. Die deutschen Parteien sind hier also ohne Frage in der Pflicht, in einen Wettbewerb um die besten Ideen für die Zukunft zu treten. Allerdings ist Merkel kaum diejenige, die sie daran erinnern sollte.Planlosigkeit aus PrinzipIhre lange Kanzlerschaft war schliesslich die zum Prinzip erhobene Planlosigkeit. Als CDU-Chefin agierte sie nicht anders. Merkel perfektionierte mit Blick auf Meinungsumfragen und die Befindlichkeit des Koalitionspartners, was ging und gewünscht war. Einen über kurzfristiges Politik- und Krisenmanagement hinausreichenden Plan für Deutschland hatte sie hingegen nicht.Ein solcher schien angesichts des Wirtschaftswachstums und der Exportüberschüsse jener Jahre weder ihr noch der Bevölkerung nötig. Verschärft wurde dies noch durch Merkels sedierenden Politikstil.Wer Politik aber vor allem als Moderation von Stimmungen versteht, erzeugt zwangsläufig ein Vakuum an langfristiger Richtung. In diesem Vakuum sind Gegenbewegungen gediehen. Der Name der aus Protest gegen Merkels Euro-Rettungs-Politik 2013 gegründeten Alternative für Deutschland erinnert daran. Die AfD entstand nicht nur aus Protest gegen einzelne Entscheidungen, sondern aus dem Eindruck heraus, dass grundlegende Alternativen gar nicht mehr verhandelt wurden.Doch die strategische Kurzsichtigkeit der Merkel-Ära rächt sich jetzt bitter. Viele der heutigen Probleme Deutschlands haben ihren Ursprung in Versäumnissen und Fehlentscheidungen während jener Jahre.Unter Merkel war die Bundeswehr unterfinanziertDas zeigte sich zuerst im Bereich der Verteidigung. Schon kurz nach Merkels Abgang im Dezember 2021 wurde mit dem russischen Überfall auf die Ukraine Deutschlands militärische Blösse offenbar. «Die Bundeswehr ist blank», klagte der damalige Heereschef am Tag nach dem Angriff. Der Befund bringt die jahrelange finanzielle Vernachlässigung der deutschen Streitkräfte auf den Punkt. Die Abschaffung der Wehrpflicht und der Umbau der Bundeswehr zur Interventionsarmee trugen ihr Übriges zur Schwächung der deutschen Verteidigungsfähigkeit bei.Unübersehbar ist die Kurzsichtigkeit der Merkel-Jahre auch im Bereich der Infrastruktur. Unter ihrer Führung wurde nur unzureichend in Strassen, Brücken und Schienen investiert. So sank der Anteil der Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur am deutschen Bruttoinlandprodukt nach ihrem Amtsantritt 2005 deutlich und verharrte bis 2018 lange auf niedrigem Niveau. Mit gewaltigen neuen Schulden muss der Investitionsstau jetzt aufgelöst werden. Die Zinsen dafür werden dem Bundeshaushalt bald jeden Spielraum nehmen. Die damit verbundenen politischen Kosten werden hoch sein.Atomausstieg wider besseres WissenDie Kurzsichtigkeit der Merkel-Jahre wird auch im Bereich der Energieversorgung deutlich. Nach dem Atomunglück von Fukushima besiegelte Merkel aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung den endgültigen Ausstieg Deutschlands aus der Kernkraft. Sie nahm dem Industrieland damit wider besseres Wissen – schliesslich hatte ihre Regierung erst eine Laufzeitverlängerung beschlossen – eine verlässliche und günstige Quelle der Energieerzeugung.Die Nachfolgeregierung von Olaf Scholz beging die noch grössere Torheit und nahm 2023 die letzten verbliebenen Meiler vom Netz. Doch die Grundlage dafür legte Merkel. Der Wegfall einer klimaschonenden und zugleich grundlastfähigen Energiequelle und steigende Energiepreise sind die Folge. Der Produktionsrückgang nicht nur der energieintensiven Industrie seit 2018 ist von daher kein Zufall.All das zeigt: Merkel hat Politik als geräuschlose Verwaltung des Status quo betrieben. Weitsicht kann sie leicht einfordern. Doch der strategische Mangel, den sie beklagt, ist auch das Resultat der eigenen Ära, in der Richtungsfragen systematisch vertagt wurden.2 KommentareGerhard Treiber vor 9 Minuten1 EmpfehlungAlles komplett richtig. Andererseits, es lohnt nicht, sich an dieser Person weiter abarbeiten zu wollen - konsequentes Ignorieren all Ihrer Äusserungen wäre angezeigt bzw. adequat.