Jemens Separatisten träumen weiter vom eigenen Staat – obwohl ihnen niemand mehr hilftIn letzter Zeit hat die südjemenitische Unabhängigkeitsbewegung schwere Rückschläge erlitten. Nun reist ihr letzter freier Vertreter allein um die Welt, um neue Verbündete zu suchen – auch für den Kampf gegen die Huthi-Miliz.21.05.2026, 15.33 Uhr4 LeseminutenTausende Anhänger des Südlichen Übergangsrats (STC) demonstrieren am 4. Mai 2026 auf dem Paradeplatz in Aden für einen eigenen Staat.APJemen zu regieren, sei wie ein Tanz auf Schlangenköpfen, sagte einst der langjährige Machthaber Ali Abdullah Saleh. Er meinte damit das ständige Balancieren zwischen rivalisierenden Stämmen, Fraktionen und Interessen. Seit dem Arabischen Frühling und Salehs Rücktritt 2012 ist die Situation im Land noch komplizierter geworden: Während die islamistische Huthi-Miliz weite Gebiete im Nordwesten des Landes beherrscht, hat sich die international anerkannte Regierung in die Hafenstadt Aden zurückgezogen, wo sie ohne wirkliche Macht vor sich hin darbt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jetzt scheint das von einem jahrelangen Bürgerkrieg zerrüttete Land noch weiter zu zersplittern. Anfang Mai versammelten sich Tausende Jemeniten in Aden, um für die Unabhängigkeit Südjemens zu demonstrieren. Zum neunten Jahrestag der Aden-Deklaration, die den Beginn der modernen südjemenitischen Separationsbewegung markiert, bekräftigten sie die Forderungen des Südlichen Übergangsrats (STC). Die politische Bewegung und Miliz will, dass sich der Süden vom Rest Jemens lossagt.«Unser Ziel ist, einen dezentralisierten demokratischen Staat in Südjemen zu schaffen», erklärt Amr al-Bidh, der Sonderbeauftragte des STC-Präsidenten, bei einem Gespräch in Genf. Dass der 42-Jährige dieses Ziel verfolgt, ist kein Zufall. Er ist der Sohn von Ali Salem al-Bidh, dem letzten Präsidenten der sozialistischen Demokratischen Volksrepublik Jemen, die 1967 in Südjemen gegründet, 1990 aber mit der Arabischen Republik Jemen vereinigt wurde. Der STC will diese Einheit rückgängig machen – doch seine Chancen stehen schlecht.Amr al-Bidh ist der Sonderbeauftragte des Südlichen Übergangsrats.PDDie Emirate unterstützen die Separatisten nicht längerIm Januar haben die südjemenitischen Separatisten ihre wichtigsten Unterstützer verloren. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) hatten dem STC ab seiner Gründung Waffen und Ausrüstung geliefert sowie dessen Kämpfer und Sicherheitskräfte finanziert. Abu Dhabi verfolgte damit das Ziel, seinen regionalen Einfluss auszuweiten, strategische Seewege unter seine Kontrolle zu bringen und islamistische Bewegungen zu bekämpfen – allen voran die von Iran unterstützten Huthi.Die Stammeskrieger aus dem äussersten Norden Jemens hatten 2014 weite Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Ab 2015 bekämpften die VAE und Saudiarabien die Huthi in einer grossen Militäroperation, konnten jedoch kaum etwas gegen die Miliz ausrichten. Nach jahrelangem Krieg, der eine der grössten humanitären Katastrophen weltweit zur Folge hatte, ermöglichte eine Annäherung zwischen Saudiarabien und Iran ab 2019 schliesslich auch einen Waffenstillstand in Jemen.Nun begann die saudisch-emiratische Koalition zu bröckeln: Während Saudiarabien sich als Schutzpatron der international anerkannten, aber schwachen Regierung verstand, unterstützte Abu Dhabi den STC. Im vergangenen Dezember eskalierte die Lage: Innerhalb weniger Tage überrannten die Separatisten weite Gebiete unter Kontrolle der Regierung. Für die Saudi war das ein Affront: Sie bombardierten Waffenlieferungen aus den VAE und halfen den Regierungstruppen, die verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Der STC-Vorsitzende Aidarus al-Zubaidi musste abtauchen. Wo er sich befindet, will sein Sonderbeauftragter Amr al-Bidh nicht verraten.Aidarus al-Zubaidi ist untergetaucht – in der Stadt Aden hat der Anführer der südjemenitischen Separatisten aber trotzdem noch Anhänger.Fawaz Salman / ReutersDie nächste Generation setzt den Kampf der Separatisten fortBidh ist zurzeit der Einzige, der die Interessen des STC auch international vertritt. Seine Mitstreiter sind ihm abhandengekommen: Anfang Januar war eine mehr als 50-köpfige Delegation der Miliz nach Saudiarabien gereist, um einen Kompromiss auszuhandeln. Doch nach mehreren Tagen Funkstille erklärte die Delegation in der saudischen Hauptstadt überraschend die Auflösung des STC – ohne dafür ein Mandat zu haben, wie Amr al-Bidh betont. Die Delegation ist bis heute nicht aus Saudiarabien zurückgekehrt. So ist Bidh der letzte Vertreter der Führungsebene, der sich noch frei bewegen kann.Ans Aufgeben denkt Amr al-Bidh trotzdem nicht – im Gegenteil. «Die Popularität des STC ist grösser als je zuvor», behauptet er. «Ich bin schon lange dabei und habe seit Beginn meiner Arbeit noch nie so viel Zuspruch erlebt.» Auch mit Blick auf die ausgedünnte Führungsriege zeigt er sich zuversichtlich: «Wir füllen dieses Vakuum.»Bereits Bidhs Vater hatte versucht, die Vereinigung des sozialistischen Südjemen mit dem konservativen, von Stammesstrukturen geprägten Nordjemen wieder rückgängig zu machen – ohne Erfolg. Der Konflikt mündete 1994 in einen Bürgerkrieg, den Nordjemen militärisch gewann.Die Südjemeniten wollen sich nicht mit den Huthi arrangierenHeute spreche noch viel mehr für die Abspaltung Südjemens, meint Amr al-Bidh. Er kritisiert die international anerkannte Regierung und ihre Unterstützer dafür, nicht entschlossen genug gegen die Huthi vorzugehen. Die Offensive des STC sei eine Reaktion auf ungehinderten Waffenschmuggel der Huthi gewesen, der unter den Augen der von Saudiarabien unterstützten Regierung stattgefunden habe.Ohne die Unterstützung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wird es dem STC allerdings kaum gelingen, die Huthi zu bekämpfen und sie in ihre Stammesgebiete im äussersten Norden Jemens zurückzudrängen. Deshalb ist Amr al-Bidh auf der Suche nach neuen Verbündeten und internationaler Unterstützung für den STC. So will er bei seiner Reise nach Genf etwa auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen, die seit der saudischen Intervention im Januar angeblich in Südjemen stattfinden.Für Amr al-Bidh ist es an der Zeit, das Experiment eines vereinigten Jemen nach dreieinhalb Jahrzehnten wieder zu beenden. «Schlimmer kann es ja nicht werden», meint er. Ob ein unabhängiges Südjemen überlebensfähig wäre, ist angesichts der miserablen Wirtschaftslage jedoch zweifelhaft. In Aden und in der Hafenstadt Mukalla, wo vergangene Woche ebenfalls Tausende Menschen für ein souveränes Südjemen auf die Strasse gingen, scheint sich aber die Überzeugung durchzusetzen, dass es einen Versuch wert wäre.Passend zum Artikel
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