Die Huthi ziehen für Iran an allen Fronten in den KriegDie islamistische Miliz attackiert saudische Infrastruktur sowie Schiffe im Roten Meer und schiesst auf die Truppen der international anerkannten Regierung in Jemen. Die Bewegung will die Schwäche Saudiarabiens ausnutzen – doch könnten die Huthi ihre eigenen Kräfte überschätzen.13.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Huthi sind wieder im Krieg: In der jemenitischen Hauptstadt Sanaa protestieren Anhänger der islamistischen Bewegung gegen Saudiarabien.Yahya Arhab / EPADer Brennpunkt des Kriegs am Golf verschiebt sich: Seit einigen Tagen sind es vor allem die Huthi, die mit immer heftigeren Attacken von sich reden machen. Am Dienstag töteten die jemenitischen Islamisten bei einem Angriff auf einen Frachter im Roten Meer sechs Menschen. Erstmals seit Beginn des Iran-Kriegs hat ein Huthi-Angriff auf ein Schiff Todesopfer gefordert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Attacken auf die Schifffahrt sind allerdings nur ein Teil einer gross angelegten Offensive der einstigen Rebellen aus den jemenitischen Bergen. Die Gotteskrieger hatten vor wenigen Tagen mit einem Drohnenangriff die Jazan-Raffinerie des saudischen Ölkonzerns Aramco lahmgelegt. Ausserdem schiessen sie Raketen und Drohnen auf die Kämpfer der von Riad unterstützten, international anerkannten Regierung Jemens – der Bürgerkrieg in dem bettelarmen Land in Südarabien flammt wieder auf.Innert weniger Wochen haben die Huthi Saudiarabien in die Zange genommen. Sie erhöhen den Druck auf das ohnehin schon angeschlagene Königreich. Die Attacken der Huthi dürften mit Iran koordiniert sein, doch haben die Stammeskrieger auch ihre eigenen Gründe für den Vorstoss an allen Fronten.Saudiarabiens DilemmaExperten sind sich einig, dass die Huthi die Schwäche Saudiarabiens wittern und die Gelegenheit beim Schopf packen wollen, um von dem Königreich Zugeständnisse zu erpressen. «Saudiarabien hat den Angriffen wenig entgegenzusetzen und derzeit keinen Appetit auf Luftangriffe gegen die Huthi, die in der Vergangenheit nicht viel gebracht haben», sagt Sebastian Sons vom Carpo-Institut in Bonn im Gespräch. Von 2015 bis 2022 überzog Riad die Huthi mit massiven Luftangriffen, nur um sich an den Bergkriegern die Zähne auszubeissen.Der Iran-Krieg hat die Wüstenmonarchie in eine tiefe Krise gestürzt. Das saudische Wirtschaftswachstum ist im zweiten Quartal 2026 um fast sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen. Die Huthi blockieren mit ihren Angriffen am Roten Meer die wichtigste Alternativroute für saudische Erdölexporte. Viel wichtiger: Die Attacken sind Gift für Investitionen, die der junge Kronprinz Mohammed bin Salman unbedingt anziehen will.Die Huthi wollen das ausnutzen, um ihre Forderungen zu erfüllen: ein Ende der saudischen Blockade gegen das von ihnen beherrschte Gebiet und saudische «Kompensationen» – also direkte Zahlungen an die zur Staatsmacht mutierten Rebellen. Riad versucht derzeit mit den Huthi hinter den Kulissen über den Vermittler Oman zu verhandeln, doch scheint die islamistische Bewegung bis anhin zu keinen Konzessionen bereit zu sein.Die Huthi-Offensive stürzt Saudiarabien in ein Dilemma. Luftangriffe dürften den Krieg nur verschärfen. Und die kriegsbedingte Krise hat die Zahlungsbereitschaft an die erpresserischen Islamisten aus Jemen verringert. «Der Krieg verschärft die ökonomischen Probleme, die Saudiarabien schon davor hatte», sagt Sebastian Sons. «Das Portemonnaie sitzt jetzt nicht mehr so locker wie einst.»«Vollständig mit Iran koordiniert»Die saudische Schwäche haben nicht nur die Huthi, sondern auch Iran erkannt. Wie schon zu Beginn des Kriegs versucht Teheran mit Angriffen auf die mit den USA verbündeten Golfstaaten den Druck auf Donald Trump zu erhöhen. Riad hatte in der Vergangenheit schon in Washington interveniert, um einen Grossangriff auf Iran zu verhindern.«Die Intervention der Huthi ist vollständig mit Iran koordiniert», sagt Ahmed Nagi, der Jemen-Experte der International Crisis Group, im Gespräch. In der Vergangenheit sei aus iranischer Sicht eine Beteiligung der Huthi nicht notwendig gewesen. «Aber nach dem Scheitern des Waffenstillstands wollte Teheran den Amerikanern zeigen, dass es durch die Huthi noch mehr Druck ausüben kann.»Soldaten der jemenitischen Regierung patrouillieren in der Nähe der Strasse von Bab al-Mandab im Roten Meer – die Huthi haben hier ihre Angriffe auf die Schifffahrt intensiviert.Abdulnasser Alseddik / AP«Die zeitliche Abfolge der Huthi-Angriffe deutet auf eine koordinierte Eskalation hin», sagt auch Marieke Brandt, die bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zur Huthi-Bewegung forscht. «Mit der Blockade von Bab al-Mandab und Angriffen auf saudische Öl- und Schiffsinfrastruktur versuchen die Huthi einen zweiten Druckpunkt neben der Strasse von Hormuz zu schaffen und so Teherans Verhandlungsposition gegenüber Washington zu stärken.» Seit Jahren erhalten die Huthi militärische und logistische Unterstützung aus Iran.In Jemen führen die Huthi einen PräventivkriegAnders als etwa der libanesische Hizbullah sind die Huthi jedoch keine reinen Erfüllungsgehilfen Teherans. Irans Bedürfnisse überlappen mit den Eigeninteressen der Bewegung – was die Eskalation der Angriffe in Jemen erklärt. Derzeit beschiessen die Huthi Stellungen der jemenitischen Regierung in der Nähe ihres Einflussgebiets. Bei den Attacken wurden bereits Dutzende Menschen getötet, bei einem Huthi-Angriff auf die Hafenstadt Mocha zu Beginn der Woche verloren sieben Menschen ihr Leben.Experten gehen davon aus, dass die Huthi im eigenen Land eine Gefahr erkannt haben, der sie zuvorkommen wollen. Die Truppen der international anerkannten Regierung haben sich mit saudischer Unterstützung offenbar auf eine Offensive vorbereitet. «Die Huthi versuchen mit präventiven Angriffen, das Zeitfenster und die Initiative zu bestimmen, bevor die Gegenseite selbst angreift», sagt Marieke Brandt. Die offizielle Regierung Jemens ist nahezu vollständig von Saudiarabien finanziert und kontrolliert.Anders als in der Vergangenheit nimmt die schwache jemenitische Regierung die Attacken der Huthi allerdings nicht einfach nur schulterzuckend hin. «Wir haben in den letzten Tagen etwas Neues gesehen», sagt Ahmed Nagi von der Crisis Group. «Die Regierung hat durch die saudische Unterstützung mehr militärische Möglichkeiten und antwortet auf die Angriffe.» In den vergangenen Tagen meldete Jemens Regierung mehrere Attacken auf mutmassliche Huthi-Stellungen.Sollte Saudiarabien die Regierungstruppen aus der Luft unterstützen, könnten die Soldaten der jemenitischen Regierung in flachen Gebieten sogar Terrain gewinnen, meint Nagi. «Dort sind die Huthi schwächer als in den Bergen, wo sie sehr kampferprobt sind.»Gegenüber Saudiarabien haben die Huthi bis anhin noch die Oberhand, doch könnten die Islamisten ihre Kräfte auch überschätzen. Obwohl die Bombardierungen der Saudi, der Israeli und auch der Amerikaner im vergangenen Jahr sie nicht in die Knie gezwungen haben, wurde die Miliz trotzdem geschwächt. Jetzt stossen die Huthi erstmals seit langer Zeit auf Gegenwehr am Boden.Kurzfristig dürfte der verworrene Konflikt in Südarabien weiter eskalieren, da eine Verhandlungslösung in weiter Ferne ist. Doch die Huthi werden «die Schwelle zu einem grösseren Krieg nicht überschreiten, der ihre eigene Existenz gefährden könnte», meint Marieke Brandt. Ebenso wird Saudiarabien kaum ein Interesse daran haben, wieder eine riskante und teure Grossoffensive in Jemen zu starten. Kleinere Scharmützel am Boden und gezielte Provokationen der Huthi dürften allerdings andauern.Für die Menschen vor Ort ist der schwelende Bürgerkrieg eine Katastrophe. Schon jetzt hat laut der Uno rund die Hälfte der Jemeniten in dem von der Regierung kontrollierten Gebiet nicht genug Nahrungsmittel. «Nach all diesen Jahren, in denen weder Krieg noch Frieden herrschte, fühle ich keine Angst mehr», schreibt eine junge Frau aus der Hafenstadt Aden zu Beginn der Woche per Textnachricht. «Wir Menschen in Jemen sind komplett erschöpft.»Händler entladen Gemüse in der jemenitischen Hafenstadt Aden: Rund die Hälfte der Menschen in Jemen hat nicht genügend zu essen.Dominic Nahr / NZZPassend zum Artikel
Warum gehen die Huthi gerade jetzt an allen Fronten in die Offensive?
Die islamistische Miliz attackiert saudische Infrastruktur sowie Schiffe im Roten Meer und schiesst auf die Truppen der international anerkannten Regierung in Jemen. Die Bewegung will die Schwäche Saudiarabiens ausnutzen – doch könnten die Huthi ihre eigenen Kräfte überschätzen.












