Einst waren die Huthi eine Erweckungsbewegung. Jetzt herrschen sie über ein halbes LandNach der Eskalation Anfang Juni drohen auch noch die Huthi aufseiten Irans in den Nahostkrieg einzugreifen. Dabei könnten sie grossen Schaden anrichten. Aber wer sind die Huthi eigentlich?13.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenEin Kämpfer der Huthi-Armee in Sanaa. Die Jemeniten sind möglicherweise bereit, an der Seite Irans in den Krieg einzutreten.Yahya Arhab / EPAWochenlang hielten sie sich zurück. Man habe den Finger am Abzug, donnerte Yahya Saree, der Huthi-Sprecher mit der randlosen Brille, dem roten Käppi und der schnarrenden Stimme, zwar immer wieder. In den Kampf zogen seine Brigaden aber nicht. Und dies, obwohl im Nahen Osten ein aus jemenitischer Sicht entscheidender Krieg tobte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Israel und Amerika – die beiden Mächte des absolut Bösen in der Huthi-Ideologie – hatten Iran angegriffen, den grossen Verbündeten. Bomben und Raketen gingen auf Teheran nieder, töteten hochrangige iranische Generäle und den Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei. Trotzdem rührten sich die Jemeniten nicht.Dabei waren sie sonst eigentlich keinem Krieg aus dem Weg gegangen. 2023 waren sie fast als einzige Araber für die bedrängten Palästinenser in Gaza ins Feld gezogen, hatten Israel beschossen, im Roten Meer Schiffe gekapert und sogar einem amerikanischen Strafbombardement widerstanden. Doch diesmal schienen die sonst so furchtlosen Krieger wie gehemmt.Noch wirken die Massnahmen symbolischBis jetzt. Denn am vergangenen Sonntag hatte das Warten in Sanaa offenbar ein Ende. Als der durch einen Waffenstillstand zwischen Washington und Teheran mehr schlecht als recht eingehegte Krieg wegen eines israelischen Angriffs auf Beirut noch einmal eskalierte und Iran den jüdischen Staat mit Raketen beschoss, waren die Jemeniten plötzlich mit an Bord.Man habe mehrere Raketen auf den Feind abgeschossen, verkündete Saree. Zudem habe man beschlossen, das Rote Meer für israelische Schiffe zu sperren. Noch wirken die Massnahmen der Jemeniten eher symbolisch. «Sollte Iran die Huthi aber darum bitten und diese ein Interesse daran haben, dann wäre ein Kriegseintritt möglich», sagt der Jemen-Experte Farea al-Muslimi vom Londoner Chatham House.Was würde so ein Kriegseintritt bewirken? Auf den ersten Blick sind die Huthi, deren bettelarmes Reich im tiefsten Süden der Arabischen Halbinsel liegt, zu weit weg, um etwas zu bewirken. Schon während des Gaza-Kriegs, als sie Israel immer wieder mit Raketen und Drohnen angriffen, richteten sie kaum Schaden an. Dass die Huthi-Streitkräfte diesmal effektiver sind, ist unwahrscheinlich.Die zur Staatsmacht mutierten ehemaligen Bergkrieger haben aber noch einen anderen Pfeil im Köcher. So können sie mit ihren von Teheran gelieferten Anti-Schiff-Raketen das Tor der Tränen blockieren – jene Meerenge, die vom Indischen Ozean ins Rote Meer und zum Suezkanal führt. Die Huthi hatten das 2023 schon einmal getan und damit die internationale Schifffahrt durcheinandergebracht.Auf Augenhöhe mit TeheranDiesmal wären die Folgen noch viel schlimmer. Weil der Persische Golf wegen der Sperrung der Strasse von Hormuz durch die Iraner faktisch zu einem Binnenmeer geworden ist, pumpt Saudiarabien sein Erdöl zwecks Verschiffung jetzt in den Hafen Yanbu am Roten Meer. Sollten die Huthi zur Tat schreiten, würde auch dieses Gewässer zur Sackgasse.Noch ist unklar, ob die Huthi so weit gehen werden. Sie sind zwar mit den Iranern verbündet und bekommen seit Jahren militärische Unterstützung aus Teheran. Doch im Gegensatz zum Hizbullah in Libanon oder zu den proiranischen Schiitenmilizen im Irak, welche die Iraner inzwischen fast schon per Fernsteuerung aktivieren können, sind die Huthi um einiges eigenständiger.Das liegt allein schon in der Religion begründet. Im Unterschied zu den iranischen Zwölfer-Schiiten gehören die Huthi der Gemeinschaft der Zaiditen an – einer Strömung innerhalb des schiitischen Islams, die in Jemen eine Minderheit bildet. Als solche fühlen sie sich Teheran nicht untergeordnet, sondern bis zu einem gewissen Grad ebenbürtig. Man sieht sich als Partner, nicht als Vasall.Dass die Huthi beinahe auf Augenhöhe mit den iranischen Revolutionswächtern agieren können – die inzwischen aber längst ihre Leute in der Huthi-Hauptstadt Sanaa sitzen haben und Einfluss auf die Entscheidungen dort nehmen –, haben sie auch ihrem eigenständigen Aufstieg zu verdanken. Dieser verlief fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit.Ein Huthi-Anhänger mit Amuletten von Abdulmalik al-Huthi. Der Führer der Bewegung gilt seinen Jüngern als Gottes Stellvertreter auf Erden.Mohammed Hamoud / GettyVerflucht seien die Juden, Sieg dem IslamAngefangen haben die Huthi einst als lokale, religiöse Erweckungsbewegung im kargen Norden Jemens. Dort legten sie in den neunziger Jahren den Grundstein ihrer Macht. Angeführt von ihrem Gründer, dem 2004 getöteten Prediger Hussein al-Huthi, bekämpften sie erst sunnitische Salafisten, die sich in ihrer Nachbarschaft ausbreiteten, und später die korrupte jemenitische Zentralregierung.Dabei bezogen sich die Kämpfer, die sich selbst «Ansar Allah», also «Helfer Gottes» nennen, auf die mythische Vergangenheit Jemens, wo jahrhundertelang ein gottgleicher, zaiditischer König geherrscht hatte. Die Monarchie war zwar 1962 untergegangen. Doch viele Huthi-Anhänger wünschen sie sich zurück und sehen Hussein und dessen Nachfolger Abdulmalik al-Huthi als Gottes neue Stellvertreter auf Erden.Als 2012 der jemenitische Diktator Abdullah Saleh infolge des Arabischen Frühlings seine Macht verlor und das Land im Chaos versank, witterten die Huthi ihre Chance. Sie stiegen aus ihren Bergen herab in die Hauptstadt Sanaa und übernahmen dort 2015 die Macht. Dass sich ihnen dabei der geschasste Saleh anschloss, machte sie noch stärker. Denn gemeinsam mit dem – später von den Huthi selbst getöteten – Diktator liefen auch Teile der Armee über.Seither haben die Huthi in Nordjemen ihren eigenen De-facto-Staat errichtet: mit einer strammen Ideologie, die den Kindern in der Schule eingeimpft wird, Massenversammlungen, bei denen Tausende fanatische Anhänger dem Führer Abdulmalik zujubeln, und einem Motto, das auf der offiziellen Flagge der Bewegung prangt: «Gott ist gross. Tod Amerika. Tod Israel. Verflucht seien die Juden. Sieg dem Islam.»Gott bestimmt die GeldpolitikZwar schafften es die Huthi nicht, Jemen komplett unter ihre Kontrolle zu bekommen – in der südlichen Hafenstadt Aden behauptet sich eine von den Saudi unterstützte, international anerkannte Regierung. Doch alle Versuche, sie zurück in ihre Bergprovinz zu bomben, scheiterten. Weder Riad und seinen arabischen Verbündeten, die nach 2015 in den Kampf zogen, noch den Amerikanern und Israeli gelang es, die Huthi entscheidend zu schwächen.Trotz schweren Bombardements, bitterer Armut und der wirtschaftlich desaströsen Lage in ihren Herrschaftsgebieten können die Huthi ihre Macht in Teilen des von einem Bürgerkrieg zerstörten Jemen behaupten. «Sie herrschen mit unfassbarer Härte», sagt Muslimi. «Sie haben die längst kaputte Gesellschaft durchdrungen und kontrollieren alles. Es ist der Bevölkerung unmöglich, sich ihnen zu widersetzen.»Mitunter treiben die bizarre Ideologie und der mit Paranoia gepaarte Fanatismus der Huthi seltsame Blüten. So haben sie nicht nur sämtliche Hilfsorganisationen sowie die Uno wegen Spionageverdachts aus ihrem Herrschaftsgebiet verbannt. Laut einem Bankangestellten aus Sanaa richten sie auch ihre Geldpolitik nach Gott aus – und interpretieren etwa günstiges Wetter als Zeichen seiner Zustimmung für ihre Zinspolitik.Für die Iraner sind die Huthi trotz oder gerade wegen ihrer brutalen Herrschaftsmethoden ein idealer Partner. Dank ihnen kann Teheran das konkurrierende Saudiarabien jederzeit in die Zange nehmen. Und dank den auf das Tor der Tränen gerichteten Huthi-Raketen verfügt es – neben Hormuz – nun über eine zweite Trumpfkarte im Wirtschaftskrieg gegen Donald Trump.Über der jemenitischen Hauptstadt Sanaa steigt nach einem Luftangriff im Sommer 2025 Rauch auf. Zuvor hatten israelische Kampfjets hier angebliche Huthi-Ziele attackiert.Yahya Arhab / EPADie Luftangriffe haben den Huthi trotzdem zugesetztAllerdings ist fraglich, ob die Huthi tatsächlich bereit sind, für Teherans Interessen in einen grossen Krieg zu ziehen. Iran ist im Gegensatz zur palästinensischen Sache in Südarabien alles andere als beliebt. «Die Huthi machen sich damit bei den Jemeniten nicht viele Freunde», sagt Muslimi. Zudem dürften die Huthi trotz aller Ideologie und allem Fanatismus auch auf ihr eigenes Überleben bedacht sein.Denn die amerikanischen Luftangriffe vom letzten Jahr haben den Herrschern in Sanaa schwer zugesetzt. Zudem steht ihnen im Süden Jemens, wo sich die Anti-Huthi-Kämpfer in den letzten Jahren vor allem gegenseitig bekämpft hatten, inzwischen eine geeinte, von Saudiarabien geführte Front gegenüber. Zuvor hatte Riad seine zu Konkurrenten gewordenen Verbündeten aus den Emiraten von dort vertrieben.Auch deshalb hätten sich die Huthi bisher wohl zurückgehalten, sagt Muslimi. Der Experte glaubt aber, dass ein Krieg wahrscheinlich ist. «Spätestens wenn der Krieg zwischen Iran, Amerika und Israel zu Ende ist, werden es die Israeli möglicherweise auf die Huthi absehen», sagt er. Zumindest ideologisch scheinen die Huthi dafür gewappnet. Denn geht es nach ihrer Überzeugung, dann werden sie am Ende der Zeiten sowieso Jerusalem erobern.Passend zum Artikel
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