Die Huthi drohen mit einer Seeblockade: Eröffnet Iran eine zweite Front am Roten Meer?Die islamistische Miliz reagiert damit auf Angriffe Saudiarabiens in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Die Eskalation könnte die Weltwirtschaft in eine noch tiefere Krise stürzen.21.07.2026, 16.44 Uhr4 LeseminutenWird auch hier bald kein Schiff mehr durchfahren können? Ein Fischerboot nördlich der Strasse von Bab al-Mandab in jemenitischen Gewässern.Abdulnasser Alseddik / APEs ist kein schnelles Ende der Kämpfe am Golf in Sicht. Am Dienstag führten die USA den zehnten Tag in Folge Angriffe auf Iran durch. Teheran antwortete mit Attacken auf Kuwait und Bahrain. Zwar traf der iranische Innenminister Eskandar Momeni ebenfalls am Dienstag den pakistanischen Premierminister in Islamabad, was die Hoffnungen auf neue Verhandlungen erhöhte. Doch gleichzeitig zeichnen sich neue Angriffe im Süden der Arabischen Halbinsel ab, die die Weltwirtschaft besonders belasten könnten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zu Beginn der Woche hat die jemenitische Huthi-Miliz angekündigt, eine Seeblockade gegen Saudiarabien zu verhängen. Sollten die Gotteskrieger aus Jemen Schiffe am maritimen Nadelöhr von Bab al-Mandab angreifen, wäre neben der Strasse von Hormuz auch die wichtigste Alternativroute für saudisches Erdöl in Gefahr. Durch das sogenannte Tor der Tränen werden sieben Prozent der weltweiten Ölexporte verschifft.Der Ankündigung der Huthi war in der vergangenen Woche ein Angriff auf den Flughafen der jemenitischen Hauptstadt Sanaa vorausgegangen. Zwar hatte die schwache, aber international anerkannte Regierung Jemens offiziell die Verantwortung für die Attacke auf die Landebahn übernommen. Doch Beobachter gehen davon aus, dass Saudiarabien dahintersteckt. Für die Saudi ist der Einfluss Irans im eigenen Hinterhof offenbar zu gross geworden. Teheran unterstützt die Huthi-Miliz seit Jahren, die Gruppe gilt als Verbündeter Irans.Iran hat eine rote Linie überschrittenDie Raketen schlugen in Sanaa ein, als gerade ein Flugzeug aus Teheran dort hätte landen sollen. An Bord befand sich eine Huthi-Delegation, die an den pompösen Trauerfeierlichkeiten für den getöteten iranischen Revolutionsführer, Ayatollah Ali Khamenei, teilgenommen hatte. Der Pilot musste auf den Flughafen in Hodeida ausweichen.«Der Flughafen in Sanaa ist ein neuralgischer Punkt», sagt Sebastian Sons vom Carpo-Institut in Bonn. «In Saudiarabien sieht man die Gefahr, dass Iran mit den Huthi noch stärker zusammenarbeiten könnte – diese Luftverbindung ist dafür ein Symbol.»Riad geht mit dem Angriff ein Risiko ein: Seit 2022 besteht zwischen Saudiarabien und den Islamisten in Jemen ein Waffenstillstand. Damit wurde ein sieben Jahre andauernder Bürgerkrieg beendet, in dem die saudische Luftwaffe gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten versucht hatte, die jemenitische Regierung wieder an die Macht zu bomben. Doch trotz der massiven Intervention biss sich die Golfmonarchie an den leidgeprüften Huthi die Zähne aus.In den vergangenen Jahren wählte Riad daher einen anderen Weg: Verhandlungen und laut Gerüchten auch immense Geldzahlungen an die Huthi-Führung, um sich Ruhe an der Südgrenze zu erkaufen.Das maritime Nadelöhr von Bab al-Mandab: Seit der Blockade der Strasse von Hormuz wird ein Grossteil der saudischen Ölexporte über das Rote Meer verschifft.Gallo Images / GettyDoch mit einer Luftbrücke zwischen Sanaa und Teheran wäre für die Golfmonarchie eine rote Linie überschritten: Die iranischen Revolutionswächter unterhielten dann eine Direktverbindung in die Stadt, die nur 200 Kilometer von der saudischen Grenze entfernt liegt. Um dieses langfristige Bedrohungspotenzial auszuschalten, war Riad offenbar sogar gewillt, kurzfristig seine nunmehr wichtigste Exportroute zu gefährden. Derzeit transportiert Saudiarabien rund vier Millionen Barrel Erdöl pro Tag über seine Ost-West-Pipeline an den Hafen von Yanbu, um es dort über das Rote Meer zu verschiffen.Teheran zieht im Hintergrund die StrippenZwar sind die Huthi seit Jahren ein Teil der sogenannten Achse des Widerstands – des regionalen Netzwerks von Milizen, das Teheran im Nahen Osten unterhält. Im Gegensatz zum libanesischen Hizbullah hatten sich die Stammeskrieger in Jemen allerdings immer eine gewisse Autonomie bewahrt.Einiges deutet aber darauf hin, dass bei der angekündigten Blockade Iran im Hintergrund die Strippen gezogen hat. «Der Zeitpunkt scheint eng mit der allgemeinen regionalen Strategie Irans verbunden zu sein, insbesondere angesichts des zunehmenden Drucks der USA auf Teheran», sagt Ahmed Nagi, Jemen-Experte der International Crisis Group. «Aus Sicht Irans erhöht die Ausweitung der Druckpunkte in der Region dessen Verhandlungsmacht.»Sebastian Sons vom Carpo-Institut weist darüber hinaus auf die eigenen Beweggründe der Huthi hin. «Bei den neuerlichen Angriffen geht es der Bewegung auch um die Macht in Jemen – das hat nicht nur etwas mit Saudiarabien und Iran zu tun.»In den vergangenen Wochen sind wieder Kämpfe zwischen den Huthi und Truppen der international anerkannten Regierung Jemens in der Region um Hodeida ausgebrochen. Die Huthi begründeten ihre angekündigte Blockade vor allem mit der anhaltenden saudischen «Belagerung» Jemens. So dürften sich die Islamisten auch für den Schritt entschieden haben, um Stärke zu markieren und Legitimität zu erlangen.Wie geht es weiter?Die saudisch geführte Militärkoalition gegen die Huthi teilte am Montag mit, sie werde entschlossen auf Bedrohungen der Huthi gegen die Schifffahrt im Roten Meer reagieren. Bisher haben die Huthi noch keine Angriffe durchgeführt, und die Miliz liess offen, wie genau sie die Blockade gegen Saudiarabien durchführen wird.«Saudiarabien dürfte mit einer Kombination aus Druck und Diplomatie reagieren», sagt Sebastian Sons. Ein neuerlicher Luftkrieg sei unwahrscheinlich, denn eigentlich brauche Riad Ruhe und Stabilität. «Neben möglichen gezielten Schlägen werden die Saudi auch auf Geldzahlungen und Verhandlungen setzen sowie den Huthi möglicherweise eine politische Anerkennung anbieten.»So sind zunächst unruhige Tage im Süden der Arabischen Halbinsel zu erwarten. Und selbst wenn der ganz grosse Krieg ausbleibt, ist das keine Entwarnung: Es reicht schon eine abgeschossene Rakete oder Drohne am «Tor der Tränen», damit die Reedereien ihre Schiffe erst einmal stoppen.Passend zum Artikel