Zunächst klangen die Drohungen nur nach Säbelrasseln und Selbstüberschätzung. Jetzt entwickeln sie sich zu einem echten Problem. Erst am Montag hatte die Huthi-Miliz im Jemen eine Seeblockade im Roten Meer ausgerufen und allein damit schon für Panik an den Märkten gesorgt: Würden die islamistischen Kämpfer es schaffen, die Meerenge von Bab al-Mandab – das Tor der Tränen – tatsächlich zu sperren, es wäre nach der Straße von Hormus bereits der zweite kritische Engpass für den Welthandel in kurzer Zeit.Und in der Tat: Der Drohung folgten diese Woche Taten. 70 Seemeilen vor der Küste von Al-Schukaik in Saudi-Arabien haben die Huthis einen Tanker des Königreichs beschossen. Die rund 350.000 Kämpfer umfassende Miliz spricht mittlerweile sogar von zwei angegriffenen Schiffen. Mit Drohnen und Raketen habe man die „Encelia“ und die „Layla“ attackiert, teilte die Miliz mit. Diese hätten ihre ausgerufene Seeblockade verletzt. Sechs Schiffe seien dazu bereits vorher an der Durchfahrt gehindert und zur Umkehr gezwungen worden.Aus der angedrohten entsteht nun eine echte Schlinge. Offensichtlich. Nur wie und warum gerade jetzt?Liveblog Rubio kritisiert Iran – „Nicht wirklich an Vereinbarung interessiert“ Live-BlogZum Teil haben die Angriffe mit einem Aufruf der iranischen Alliierten zu tun. Teheran will mithilfe seiner Verbündeten den Druck im Krieg gegen die USA erhöhen. Von Anfang des Konflikts an verfolgte Iran mit Angriffen auf die benachbarten Golfstaaten die Strategie, sich asymmetrisch gegen die überlegenen US-Streitkräfte zur Wehr zu setzen. Auch just im Moment fliegen die Iraner Angriffe auf US-Basen und Verbündete in der gesamten Region. Etwa auf Stützpunkte in Jordanien.Jetzt wird mit den Huthi zusätzlich einer der letzten verbleibenden militärisch einsatzfähigen Proxys aktiviert, um US-Präsident Donald Trump die Folgen seiner Angriffe aufzuzeigen.Die Huthis als eigenständiger SpielerEs geht allerdings um mehr als das. „Die Huthis handeln nur, wenn es ihnen strategische Vorteile einbringt“, sagt Jens Heibach vom Giga-Institut in Hamburg. Den aktuellen Kampfhandlungen ordnet der Nahost-Experte neben dem Aufruf der Iraner zwei weitere zentrale Handlungsmotive zu.Das zwischenzeitliche Abkommen zwischen den USA und Iran gilt als ungeschickt formuliert und erlaubte es Iran, einen regionalen Anspruch auf die Straße von Hormus zu interpretieren. Die Huthis versuchen diesen Anspruch jetzt ebenfalls auszuleben, indem sie Druck im Roten Meer aufbauen. Dadurch können sie sich als Akteur in der Region stärken. Und ihre Dominanz festigen.Bereits seit mehreren Jahren will man mit Riad ein für die Huthis politisch wie wirtschaftlich vorteilhaftes Abkommen abschließen, was sich wegen Gaza (und zuletzt dem Irankrieg) verzögert hat. Die Blockade saudischer Schiffe ist somit auch ein Druckmittel zur Durchsetzung ureigener Interessen, die unabhängig von Iran gelten.Überraschend ist der geballte Aktivismus aus dem Jemen deshalb, weil die Huthi eigentlich lange Zeit als geschwächt galten.Die USA haben in den vergangenen Jahren mehrfach Stellungen der Miliz bombardiert. Etwa mit Angriffen auf Abschussvorrichtungen für Raketen, Kommandozentralen und Munitionsdepots Anfang 2024. Oder ein Jahr später, als Donald Trump die Großoffensive „Rough Rider“ mit Luft- und Seeangriffen auf Stützpunkte, Raketenabwehrstellungen und Führungsmitglieder der Huthi befahl.Neue Stärke im VerborgenenNun zeigt sich, dass diese Operationen weniger effektiv waren als gedacht. „Die Huthis waren zweifelsohne geschwächt, mussten aber im Zuge von Rough Rider kaum Verluste auf der Führungsebene hinnehmen“, sagt Heibach. Seitdem blieb genug Zeit für die Kämpfer, erneut mit der Wiederbewaffnung zu beginnen.Handelsschiffe Prämien beinahe vervierzigfacht – Straße von Hormus wird zum Versicherungs-Albtraum Das Risiko für Schiffe in der Straße von Hormus steigt wieder – und damit die Versicherungsprämien. Eine Grenze der Versicherbarkeit wird deutlich. von Nele HusmannDazu kommt: Es braucht kaum Aufwand, um das Rote Meer zu kontrollieren. Somalische Piraten haben es am Ende der Nullerjahre auf dem Golf von Aden und im Indischen Ozean vorgemacht. Jetzt nutzen auch die Huthis Schnellboote und Drohnen für dezentrale maritime Angriffe. Allein deren Ankündigung kann ausreichen, um Reedereien davon abzubringen, die Meerenge großräumig zu umfahren – zumal die Versicherungspolicen in die Höhe schießen.Nicht nur sind die Kämpfer laut Experten dabei technisch versierter geworden, auch können sie mehr als genug Material über Land- und Seewege in die eigenen Lager schmuggeln und dort zusammenbauen. „Inzwischen sind sie so weit, dass sie wahrscheinlich schon selbst Waffen liefern, die gerade am Horn von Afrika heiß begehrt sind“, sagt Heibach.