Seit Jahren tobt an Jemens Westküste ein kaum beachteter Krieg. Jetzt greifen die mit Teheran verbündeten Huthi-Milizen von dort aus die internationale Schifffahrt im Roten Meer an. Ein Besuch in einem wilden Land.24.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenZwischen ein paar Büschen und ärmlichen Verschlägen aus Holz machen sich Abdel Rawad und seine Männer bereit. Die Soldaten der jemenitischen Küstenwache waten durch das knöcheltiefe Wasser zu ihren Booten. Die heisse Luft legt sich über sie wie ein schwerer, nasser Lappen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die ehemaligen Fischer sind ein wilder Haufen – mit alten Kalaschnikows, hochgekrempelten Armeehosen und Flipflops an den Füssen. Manche klettern sogar barfuss an Bord ihrer Gefährte. Wie Militärangehörige sehen sie dabei nicht aus, eher wie Seeräuber.Wie jeden Tag brechen sie auch heute zu einer Patrouillenfahrt auf. Es ist zwar noch früh am Morgen. Trotzdem herrschen an der Westküste Jemens Temperaturen wie in einer Dampfsauna, als Rawads Steuermann den Aussenbordmotor anwirft.Teherans wichtigste TrumpfkarteWenig später brettern die drei Boote mit ihren schweren Maschinengewehren über das spiegelglatte Meer. Der Fahrtwind zerrt an Rawads Uniform. Alles wirkt friedlich. Doch der Eindruck täuscht. Die See hier könnte schon bald zum Kampfgebiet werden, zur neuen Front im Nahostkrieg zwischen Iran und Amerika.Denn nur ein paar Kilometer nördlich lauern die Huthi. Die Schiitenmiliz, die Teile Jemens kontrolliert und mit Iran verbündet ist, gilt derzeit als Teherans wichtigste Trumpfkarte im Kampf gegen die USA. Schon während des Gaza-Kriegs hatte sie die Schifffahrt im Roten Meer unsicher gemacht, indem sie Tanker und Containerschiffe mit Raketen beschoss.Angehörige der jemenitischen Küstenwache unterwegs im Roten Meer. Normalerweise jagen sie Schmuggler und Schlepper. Jetzt droht ihr Revier zum Kriegsgebiet zu werden.Die Küstenwache verfügt nur über wenige Boote. Dabei operiert sie in einer für den Welthandel extrem wichtigen Gegend.Rawad und seine Männer, welche der mit den Huthi verfeindeten, international anerkannten Regierung Jemens unterstehen, hielten dagegen: «Wir haben Huthi-Schmugglerboote gejagt und einige von ihnen auch gekapert.» Aber selbst die Amerikaner mit ihren Bomben konnten die zu Piraten mutierten Bergkrieger kaum aufhalten.Jetzt schlagen die Huthi wieder zu. In der Nacht auf Donnerstag haben sie zwei saudische Tanker attackiert. Angesichts der immer weiter eskalierenden Kämpfe mit den Amerikanern hatten die Iraner die Huthi kurz zuvor gebeten, das Rote Meer zu sperren. Damit will die Führung in Teheran die indirekte Kontrolle über die Wasserstrasse von Bab al-Mandab erlangen.«Wir brauchen mehr Unterstützung»Diese «Tor der Tränen» genannte Meerenge ist neben der Strasse von Hormuz die wichtigste Handelsroute im Nahen Osten. Nicht nur der Warenverkehr zwischen Europa und Asien führt hier durch, sondern auch ein Grossteil der saudischen Ölexporte. Eine Sperrung wäre für die Weltwirtschaft eine Katastrophe.«Wir tun alles, um das zu verhindern», sagt Rawad. Er und seine Männer sollen auch diesmal helfen, den im Süden ihres Operationsgebietes liegenden Wasserweg zu schützen. Doch das ist schwer: Die Gewässer rund um das Tor der Tränen, wo das Rote Meer in den Indischen Ozean übergeht, sind ein Paradies für Schmuggler, Schlepper und Piraten.Blick durch das Fenster eines Patrouillenbootes auf das südliche Rote Meer. Hier geht die in Nordjemen beheimatete Huthi-Miliz schon bald wieder gegen Handelsschiffe vor.Auch die jemenitische Marine kreuzt in den Gewässern vor Bab al-Mandab. Die «Tor der Tränen» genannte Meerenge ist ins Blickfeld Irans geraten.Mit ihren wenigen Booten können die jemenitischen Soldaten schon in Friedenszeiten nur wenig ausrichten. «Gegen die Huthi wird es noch schwieriger», sagt Rawad, während er seine kleine Flotte weiter aufs Meer hinaus steuert. «Sie werden von Iran unterstützt und verfügen über Helikopter und Anti-Schiff-Raketen.»Zwar haben Briten und Saudi die Küstenwache sowie die ebenfalls schwachbrüstige jemenitische Marine aufgerüstet und mit zusätzlichen Booten versorgt. Trotzdem bleibt es ein ungleicher Kampf. «Wir brauchen unbedingt mehr Unterstützung», sagt Rawad.Die Anti-Huthi-Krieger bekämpfen sich gegenseitigSchuld an der misslichen Lage ist aber nicht nur das Fehlen von Stärke zur See, sondern auch das Chaos zu Lande. Im von Sandstürmen heimgesuchten jemenitischen Küstengebiet tobt seit zehn Jahren ein Bürgerkrieg zwischen den Huthi und der international anerkannten Regierung Jemens.Der nördliche Abschnitt der Küste mitsamt der Hafenstadt Hodeida gehört zum Einflussbereich der Huthi, die 2015 in der fernen Hauptstadt Sanaa die Macht an sich gerissen haben. Im südlichen Teil, von wo aus auch Rawad mit seinen Booten in See sticht, stehen hingegen Kämpfer im Dienst der vor den proiranischen Milizionären geflohenen Regierung.Berge im Westen Jemens. In dieser einsamen Gegend südlich der Hafenstadt Hodeida verläuft die Front zwischen den Huthi und den jemenitischen Regierungstruppen.Ein Geländewagen von Anti-Huthi-Kämpfern im Frontgebiet. Viel zu sagen hat die international anerkannte Regierung hier nicht. Die Soldaten unterstehen dem Militärführer Tarek Saleh.Trotz Hilfe aus Saudiarabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gelang es der schwachen Regierung bisher nicht, die Huthi zu besiegen. Anstatt gemeinsam gegen den Feind zu kämpfen, bekriegen sich die Anti-Huthi-Truppen oft gegenseitig. Ihre Chefs sind Kriegsherren und Stammesführer, die das Land nach Gutdünken ins Chaos stürzen.An der Westküste stehen die Kämpfer unter dem Kommando von Tarek Saleh, einem Neffen von Ali Abdullah Saleh. Jemens ehemaliger Präsident und Langzeitherrscher war 2017 in den Wirren des Krieges von den Huthi getötet worden. Seine Männer flohen daraufhin aus der Hauptstadt Sanaa ans Rote Meer. Von hier aus bekämpfen sie seither die Mörder ihres einstigen Chefs.Ein menschenleeres NiemandslandWer von der ehemaligen britischen Kronkolonie Aden aus am Tor der Tränen vorbei ins Einsatzgebiet der Saleh-Truppe fährt, durchquert ein fast menschenleeres Niemandsland mit Checkpoints voller finsterer Milizionäre. Immer wieder ziehen endlos scheinende Strände am Autofenster vorbei. Nur hin und wieder tauchen ein paar ärmliche Fischersiedlungen auf.Die Front verläuft durch eine trockene Ebene, die vom Meer bis an den Fuss pechschwarzer Berge reicht. Einer von Salehs Offizieren, ein schnauzbärtiger Mann namens Abdelnasr al-Mamluh, erklärt die Lage. Vor wenigen Wochen habe es hier heftige Kämpfe gegeben. «Die Huthi wollten ein paar Bergkuppen erobern. Aber wir haben sie zurückgeschlagen.»Ein Kontrollposten der Regierungstruppen während eines Sandsturms. Jemens Westküste ist ein wildes, schwer zu kontrollierendes Land.Abdelnasr al-Mamluh ist der Sprecher der lokalen Anti-Huthi-Kräfte in Mocha. Früher diente er als Offizier in der jemenitischen Armee in der Hauptstadt Sanaa.Dutzende Männer wurden bei den Gefechten getötet. Ausserhalb Jemens nahm kaum jemand Notiz davon. Warum auch? Das Land, in dem in den vergangenen zehn Jahren Hunderttausende Menschen ums Leben kamen, gilt als hoffnungsloser Fall. Weder den Saudi und ihren Verbündeten noch den Amerikanern war es gelungen, es zu befrieden.Stattdessen herrscht in Jemen ein international kaum beachteter Krieg. Salehs Männer, die auch die Küstenwache kontrollieren und wie fast alle Anti-Huthi-Verbände von Riad unterstützt werden, haben sich eingegraben. Ihre Pick-ups stehen unter Büschen oder neben halbfertigen Gebäuden. Die Soldaten dösen in Verschlägen aus Stroh. Statt Kampfstiefeln und Uniformen tragen sie T-Shirts und Sandalen.«Wir kämpfen für die ganze Welt, nicht nur für uns selbst»Ihr Hauptquartier haben sie im Küstenstädtchen Mocha aufgeschlagen. Der triste Ort voller ungeteerter Strassen und kleiner Hütten liegt direkt am Meer. Mit Geld aus den Golfstaaten liessen sie eine Landepiste bauen, einen Hafen ausbaggern, mehrere Strassen asphaltieren und einen Betonklotz mit dem Namen «Golden Star Hotel» aus dem Wüstenboden stampfen.Der Kontrollturm des Flugplatzes von Mocha. Die Hafenstadt dient den regierungstreuen Truppen als logistisches Zentrum im Kampf gegen die Huthi.Jugendliche spielen Billard in Mocha. Viel zu bieten hat die winzige Provinzstadt nicht. Stattdessen herrschen Arbeitslosigkeit und Armut.Dominic Nahr / NZZMocha war bis zum 18. Jahrhundert als Umschlagplatz für Kaffee weltberühmt. Es gab unter anderem der Kaffeesorte Mokka ihren Namen, ehe es in der Bedeutungslosigkeit versank. Heute betteln Kinder zwischen den zerfallenden Häusern in der Altstadt. Turbantragende Männer auf Motorrädern kurven durch die Strassen. Nachts sitzen Afrikaner am Strand und kauen Kat, die halluzinogene Nationaldroge der Jemeniten.Salehs Soldaten träumen davon, das triste Exil zu verlassen. Jetzt bekommen sie vielleicht die Chance dazu. Denn nach den jüngsten Angriffen auf saudische Schiffe könnte Riad die Kämpfer in Mocha bei einer neuen Offensive unterstützen. «Wir brauchen Waffen und Luftunterstützung», sagt der Offizier Mamluh. «Die Leute müssen verstehen, dass wir für die ganze Welt kämpfen – und nicht nur für uns selbst.»Während Mamluh den Krieg bis zum Sieg weiterführen will, haben viele Einwohner von Mocha genug. Man brauche vor allem Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung, sagen die Männer des Gemeinderats, die im drückend heissen Rathaus sitzen, wo immer wieder die Klimaanlage ausfällt. «Zwar haben Salehs Leute viel Geld investiert. Trotzdem liegt die Wirtschaft hier komplett am Boden.»Das Städtchen Mocha war früher bekannt für seinen bedeutenden Hafen. Inzwischen ist es ein ärmlicher Ort.Faris Mohammed (links) neben seinem älteren Bruder (rechts), dem eine Mine beide Beine weggerissen hat. Die Zivilbevölkerung leidet seit Jahren unter dem Krieg.Tausende wurden getötet oder verstümmeltWie schlimm die Lage wirklich ist, zeigt sich draussen auf dem Land. In der staubigen Wüste hinter Mocha leben viele Menschen in bitterster Armut. Die Häuser in den winzigen Dörfern bestehen aus ein paar Zweigen und Brettern. Kinder spielen im Dreck, dürre Ziegen knabbern an vertrockneten Sträuchern.Faris Mohammed lebt hier mit seiner Familie. Der Bauer verdient sich mit seinem Motorrad als Transporteur ein wenig Geld dazu. Doch das reicht nirgendshin. «Wegen des Krieges wird alles teurer, vor allem das Benzin», sagt er. Zudem verlor sein älterer Bruder beide Beine, als er vor einigen Jahren auf eine Huthi-Mine trat. So wie er wurden Tausende hier verstümmelt oder gar getötet.Der Bruder hat wegen der Verletzung den Verstand verloren. Entrückt lächelnd schiebt er seinen nackten Torso durch den Staub vor seiner Hütte. Es ist ein grausames, herzzerreissendes Bild. «Was sollen wir tun?», fragt Mohammed, umringt von traurig dreinblickenden Kindern. «Er braucht unbedingt psychologische Betreuung. Aber die gibt es hier nicht.»Ein Schmugglerschiff liegt vor der Küste von Mocha. Das Boot ist von der jemenitischen Küstenwache beschlagnahmt worden.Passend zum Artikel