Am Ende ihrer harten Verhandlungen können der Chefunterhändler von Samsung Electronics und der Gewerkschaftsführer doch noch Hand in Hand in Siegerpose vor die Kameras treten. Noch kurz vorher hatte die Arbeitnehmervertretung mit einem Streik gedroht, der die ganze südkoreanische Wirtschaft hätte treffen können. 48.000 Mitarbeiter des größten Speicherchip- und Handyherstellers der Welt hätten von diesem Donnerstag an für 18 Tage ihre Arbeit niederlegen sollen. Die Zentralbank hatte schon durchgerechnet, dass ein solcher Ausstand das Wirtschaftswachstum des gesamten Landes für dieses Jahr um 0,5 Prozentpunkte hätte bremsen können.Doch am späten Mittwochabend fanden die beiden Seiten dann doch noch eine Einigung, die nach Angaben koreanischer Medien Lohnerhöhungen um 6,5 Prozent sowie leistungsabhängige Boni für die Beschäftigten vorsehe. Gestritten hatten Arbeitnehmer und Konzern bis zuletzt vor allem darüber, in welchem Maße die Beschäftigten an den derzeit durch den KI-Boom außergewöhnlich hohen Gewinnen beteiligt werden. Durch eine bisherige Deckelung der Boni fühlten sich die Angestellten benachteiligt.Bis zu 340.000 Euro für jeden Chip-MitarbeiterIm Rahmen der nun erzielten vorläufigen Vereinbarung wird Samsung einen speziellen Halbleiter-Leistungsbonus in Höhe von 10,5 Prozent des Geschäftsergebnisses ohne Obergrenze bereitstellen. Die Sonderboni sollen teilweise in Unternehmensaktien über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren ausgezahlt werden. Voraussetzung sind bestimmte Ziele für die Chip-Sparte: mehr als 200 Billionen Won jährlichen Betriebsgewinn in den Jahren 2026 bis 2028 und 100 Billionen Won in den Jahren 2029 bis 2035. Basierend auf Prognosen, wonach Samsungs Betriebsgewinn im laufenden Geschäftsjahr 300 Billionen Won (171 Milliarden Euro) erreichen könnte, könnte die Vereinbarung Bonuszahlungen von bis zu 600 Millionen Won für jeden der 28.000 Mitarbeiter (je bis zu 340.000 Euro) in der Chip-Sparte bedeuten.Das gemeinsame Streikkomitee der Gewerkschaften verkündete nur eine Stunde vor dem geplanten Beginn des Streiks, dass der Arbeitsausstand „bis auf Weiteres“ ausgesetzt werde. Die Gewerkschaftsmitglieder sollten nun bis zum 28. Mai über den gefundenen Lohnabschluss abstimmen.An der Börse in Seoul legten die Aktien am Donnerstag daraufhin kräftig zu. Mit einem Plus von bis zu 7 Prozent machten sie die Verluste wieder wett, die sie in den vergangenen Tagen erlitten hatten, als die Gefahr des Streiks immer größer wurde. Beim ebenfalls koreanischen Chiphersteller SK Hynix legten die Aktien sogar um knapp elf Prozent zu, was auch an den besser als erwarteten Geschäftszahlen von dessen wichtigen Abnehmer Nvidia gelegen haben dürfte. Der gesamte koreanische Leitindex Kospi stieg zeitweise um 7,5 Prozent.Arbeitsminister „wirklich dankbar“Wegen der großen Bedeutung Samsungs für die koreanische Wirtschaft hatte die Regierung auf eine friedliche Einigung gepocht. Der koreanische Arbeitsminister Kim Young-hoon begrüßte die vorläufige Einigung und sagte, er sei „wirklich dankbar“, dass Management und Arbeitnehmer durch Verhandlungen zu einem Abschluss gekommen seien. Das Unternehmen dankte seinerseits der Regierung und den Mitarbeitern für ihre Hilfe beim Abschluss der Verhandlungen. Das Unternehmen entschuldigte sich für die entstandene Besorgnis und gelobte, eine „reifere und konstruktivere Arbeitsbeziehung“ aufzubauen.Ganz behoben ist der Streit um die Bezahlung der Mitarbeiter allerdings noch nicht. Zum einen müssen die Beschäftigten noch zustimmen. Zum anderen protestieren nun Aktionärsvertreter gegen die Einigung. Am Donnerstag versammelten sich Mitglieder des Korea Shareholder Action Headquarters laut koreanischen Medienberichten in der Nähe des Wohnsitzes von Samsung-Verwaltungsratschefs Lee Jae-yong und kündigten rechtliche Schritte gegen die Einigung an.Nach ihren Angaben erhöht die überarbeitete Bonusformel den Topf für die variablen Vergütungen von derzeit 1,5 auf dann rund 12 Prozent des operativen Gewinns. Die Aktionärsgruppe argumentiert, die Formel sei problematisch, weil sie auf dem operativen Gewinn vor Steuern basiere – also bevor Steuern, Investitionszuweisungen und von den Aktionären genehmigte Gewinnverteilungen festgelegt werden. „Die Vereinbarung, zwölf Prozent des operativen Gewinns vor Steuern anzusammeln und auszuschütten, ist illegal“, erklärte die Gruppe in einer Stellungnahme. „Ohne Zustimmung durch einen Beschluss der Hauptversammlung ist sie rechtlich unwirksam.“