Samsung droht der folgenreichste Streik in der Geschichte des Unternehmens – mit Folgen für die Chip-LieferketteSamsungs Gewerkschaft und das Management können sich nicht auf die Boni einigen. Nun könnte ein grosser Streik die Engpässe bei Speicherchips verschärfen.Martin Kölling, Tokio20.05.2026, 14.22 Uhr4 LeseminutenEin Mann mit Regenschirm geht am Samsung-Laden im Stadtviertel Gangnam in Seoul vorbei. Sollte es tatsächlich zum Streik beim Tech-Riesen kommen, würde dies die gesamte südkoreanische Wirtschaft treffen.Ahn Young-joon / AP48 000 Mitarbeiter im Ausstand, 18 Streiktage, ein potenzieller Schaden von bis zu 17,6 Milliarden Euro: Samsung Electronics steht nach den Rekordgewinnen seiner Sparte für Speicherchips vor einem Arbeitskampf. Es könnte der folgenreichste in der Geschichte des Unternehmens werden. Die Lage an den ohnehin angespannten globalen Märkten für Speicherchips könnte sich dadurch weiter zuspitzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Mittwoch scheiterte ein Mediationsversuch der Regierung: Nach zweieinhalb Tagen intensiver Verhandlungen lehnte das Samsung-Management einen Kompromissvorschlag der Unterhändler ab. Mehr als 400 000 Euro an zusätzlichen Zahlungen standen für jeden Mitarbeiter der Speicherchipsparte im Raum. Für die Belegschaft anderer Konzernsegmente war es deutlich weniger.Daraufhin kündigte die Gewerkschaft an, wie geplant am 21. Mai für 18 Tage in den Streik zu treten. Der Aktienkurs von Samsung fiel um fünf Prozent auf 264 500 Won (151.50 Euro), erholte sich danach aber wieder. Dabei ist noch offen, ob es überhaupt zum Streik kommen wird.Die Regierung könnte den Streik per Notverordnung stoppenMinisterpräsident Kim Min-seok hatte bereits im Vorfeld signalisiert, wegen des möglichen volkswirtschaftlichen Schadens eine «Notfallregelung für Arbeitskampfmassnahmen» zu aktivieren. Diese würde es der Regierung erlauben, den Streik für bis zu 30 Tage auszusetzen, um den Tarifparteien mehr Zeit für eine Einigung zu verschaffen.Die Sorge der Regierung ist begründet. Analysten von JP Morgan schätzen, dass der Betriebsgewinn in diesem Jahr durch den Streik um 21 bis 31 Billionen Won (12 bis 17,6 Milliarden Euro) geringer ausfallen könnte. Das entspräche bis zu zehn Prozent der erwarteten Gewinne.Aber noch schwerer wiegen für Seoul die möglichen gesamtwirtschaftlichen Verwerfungen: Die Bank of Korea hat nach Medienberichten berechnet, dass der geplante Streik mitsamt seinen Folgen 0,5 Prozentpunkte des Wirtschaftswachstums kosten könnte. Bisher sagt die Notenbank für 2026 ein Wachstum von zwei Prozent voraus. Das zeigt, wie wichtig die Chipindustrie für Südkorea ist.Warum Samsung und die Chipindustrie so wichtig sindIm ersten Quartal machten die Exporte von Halbleitern 35 Prozent von Südkoreas Ausfuhren aus. Samsung und sein Lokalrivale SK Hynix dominieren gemeinsam den globalen Markt für Speicherchips – einem Produkt, das in der Ära der Künstlichen Intelligenz (KI) zur Mangelware geworden ist.Im Mittelpunkt stehen sogenannte HBM-Chips (High Bandwidth Memory), die für KI-Anwendungen unentbehrlich sind. Deren Preise steigen bereits jetzt, weil die Hersteller die Nachfrage nicht befriedigen können.Das Ergebnis sind Rekordgewinne, die bis vor kurzem kaum für möglich gehalten wurden – und die sich nun als zweischneidiges Schwert erweisen. Samsung verbuchte im ersten Quartal einen Gewinn von umgerechnet 33 Milliarden Euro. Anleger trieben den Aktienkurs auf neue Rekordhöhen. Gleichzeitig entfachte der Boom einen Streit darüber, wie die Belegschaft daran beteiligt werden soll.Gewinne der Chipriesen gefährden Koreas ArbeitsfriedenDas Management erklärte sich bereit, die Bonuszahlungen einmalig zu erhöhen und die bisherige Deckelung der Boni aufzuheben. Die Gewerkschaft aber forderte eine vertragliche Festschreibung der Boni auf 15 Prozent des Gewinns. Dabei berief sie sich auf ein Vorbild aus der Chipindustrie: Der Rivale SK Hynix hatte 2025 eine feste Gewinnbeteiligung von zehn Prozent vereinbart und damit im Arbeitgeberlager für erhebliche Unruhe gesorgt.Andere Unternehmer fürchten seither, ihre Gewerkschaften würden Ähnliches fordern – und damit die Profitabilität drücken sowie die Flexibilität des Managements einschränken. Samsung wird nun zum ersten grossen Testfall für Koreas Wirtschaft.Nach Angaben der Regierungsunterhändler hatten sich beide Seiten in den vergangenen Tagen in fast allen Punkten geeinigt. Zuletzt sei nur noch die Gewinnbeteiligung der Mitarbeiter ausserhalb der Speicherchipsparte umstritten gewesen. Das Unternehmen erklärte dazu in einer Pressemitteilung, es habe die Forderungen der Gewerkschaft weitgehend berücksichtigt, diese bestehe jedoch «weiterhin auf einem unangemessen hohen Vergütungspaket für defizitäre Geschäftsbereiche».Das verdeutlicht die Komplexität des Falls: Samsung ist nicht nur Chiphersteller, sondern ein globaler Mischkonzern, der auch bei Smartphones, Fernsehern, Displays und Haushaltsgeräten zu den Weltmarktführern gehört. Einige dieser Sparten schreiben kaum oder keine Gewinne. Das Management befürchtet, dass der Gewerkschaftsvorschlag das System leistungsabhängiger Vergütung untergräbt.Anleger bleiben optimistischAn den Märkten richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Auswirkungen für Samsung selbst. Zwar ist der Aktienkurs seit seinem Höchststand von 300 000 Won (171.83 Euro) am 14. Mai gefallen. Doch am Mittwoch lag er zum Börsenschluss mit 276 000 Won (158.08 Euro) noch immer fast ein Viertel über dem Niveau von Ende April, als Samsung seine Quartalsbilanz veröffentlicht hatte – und mehr als 400 Prozent über dem Kurs vor einem Jahr.Hinter dem gehobenen Niveau stehen weiterhin optimistische Analystenprognosen. Häuser wie Kyobo, Yujin, Mirae und Daol Securities haben ihre Kursziele für die Samsung-Aktie auf 330 000 bis 360 000 Won (189.01 bis 206.20 Euro) erhöht – ein Aufwärtspotenzial von mindestens einem Viertel gemessen am aktuellen Kurs. Die Analysten rechnen damit, dass die enorme Nachfrage nach KI-Chips und steigende Preise die Risiken eines Streiks mehr als ausgleichen werden.Passend zum Artikel