Ein Thema war aus russischer Sicht für den jüngsten Besuch von Herrscher Wladimir Putin in Peking gesetzt: das Projekt einer weiteren Gaspipeline nach China. Wieder wurde nichts daraus, allen Freundschaftsschwüren zum Trotz. Was ist da los?Seit Jahren wirbt Wladimir Putin für das Gaspipelineprojekt Sila Sibiri 2. Warum?Russland sucht neue Absatzmärkte für sein Gas. Erst recht im Angriffskrieg gegen die Ukraine: Der europäische, jahrzehntelang wichtigste Absatzmarkt ist schon weitgehend verloren, mittlerweile gibt es einen EU-Fahrplan für einen völligen Ausstieg aus russischen Gasimporten. Die Haupttransitroute für russisches Pipelinegas durch die Ukraine ist gestoppt, ein Abkommen darüber lief Anfang 2025 aus. Es bleibt der Weg über die Schwarzmeerpipeline Turkstream in die Türkei, doch insgesamt verkauft Russland nur noch einen Bruchteil seiner einstigen Mengen an Pipelinegas an Kunden in Ländern wie Ungarn, der Slowakei und Serbien. China soll die Lücke füllen. Politisch geht es Putin darum, Handlungsspielraum zu demonstrieren und das ungleiche Kräfteverhältnis zum chinesischen Staatschef Xi Jinping zu seinen Gunsten zu korrigieren.Gelingt Putin das?Nein. In den Jahren vor dem Angriff auf die Ukraine von 2022 verkaufte Russland über den Konzern Gazprom, der ein Monopol auf den Export von Pipelinegas hat, bis zu 200 Milliarden Kubikmeter Gas an seine westlichen Kunden. Das kann China nicht ersetzen. Eine erste Pipeline namens Sila Sibiri (Kraft Sibiriens), die Gas aus Ostsibirien nach China liefert, nahm 2019 mit einer Kapazität von zunächst 38 Milliarden Kubikmetern im Jahr den Betrieb auf. Seit Dezember 2024 läuft die Pipeline unter voller Auslastung, 2025 flossen laut Gazprom knapp 40 Milliarden Kubikmeter Gas, 44 Milliarden im Jahr sollen es werden.Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete jüngst unter Berufung auf russische Regierungskreise, Moskau rechne damit, dass die Pipelinegasverkäufe nach China bis 2029 52,5 Milliarden Kubikmeter erreichen würden, auch dank eines Ausbaus einer Pipeline, um Gas vom Meeresgrund vor der Pazifikinsel Sachalin nach China zu liefern. Das wäre immer noch nur ein Bruchteil des einstigen europäischen Marktes. Dabei zahlt China viel weniger: In diesem Jahr laut Bloomberg durchschnittlich 258,80 Dollar für tausend Kubikmeter Gas, das liege mehr als 38 Prozent unter dem Preis für die europäischen Kunden.Wo würde Sila Sibiri 2 verlaufen?Die neue Pipeline würde von der Jamal-Halbinsel in Westsibirien, von wo aus bis 2022 vor allem Europa beliefert wurde, auf 2600 Kilometern durch den Osten der Mongolei bis in die chinesische Innere Mongolei führen. Da aber nichts abschließend vereinbart ist, kann man es nicht genau sagen.Was ist bisher beschlossen?Wenig. Bei Putins Besuch in Peking Anfang September 2025, der dem aktuellen voranging, feierte die russische Seite ein „rechtlich verbindliches Memorandum“. Die chinesische Seite bestätigte das nicht, berichtete bloß über „grenzüberschreitende Infrastruktur- und Energieprojekte“ zwischen Russland, China und der Mongolei, die „aktiv gefördert“ werden sollten. Gazprom-Chef Alexej Miller sagte, Sila Sibiri 2 solle eine Kapazität von 50 Milliarden Kubikmetern im Jahr haben. Der Rest ist unklar.Wie verhält sich China?Während Gazprom und Putin immer wieder Fortschritte in der Pipeline-Planung verbreitet haben, blieb die chinesische Seite meist still, blockte ab. Dabei ging es um das Risiko amerikanischer Sanktionen, aber auch um die Höhe der Gaspreise, die China drücken will. Im März dieses Jahres aber fand das Projekt Eingang in den neuen Fünfjahresplan Chinas. Darin heißt es jetzt, man wolle „die Vorarbeiten für die chinesisch-russische Gaspipeline Midstream vorantreiben“. So wird Sila Sibiri 2 in China genannt. Das ist weiterhin nicht konkret, liest sich aber, als wolle sich Peking die Optionen offenhalten. Langfristig plant der Machtapparat eine Reduzierung von Rohstoffabhängigkeiten aus dem Ausland, will sich nicht zu abhängig von einem einzigen Gaslieferanten machen, zumal aus Russland schon jetzt rund 20 Prozent des von China importierten Gases stammen.Ändert der Irankrieg Chinas Planungen?Viele Beobachter hielten wegen des Krieges und der Rohstoffpreishausse den Zeitpunkt für Putins Werben für Sila Sibiri 2 jetzt für günstiger als zuvor. Aber Peking sieht flexiblere Bezugsquellen für Gas derzeit offenbar eher in Australien oder Turkmenistan: Mitte März, kurz nach Ausbruch des Irankrieges, war der turkmenische Herrscher Gurbanguly Berdymuchamedow zu Xi gereist, Gaslieferungen seien ein Fokus des Treffens gewesen, hieß es in Chinas Staatsmedien. Am Mittwoch berichtete China zwar über rund 40 unterzeichnete Abkommen, erwähnte Sila Sibiri 2 aber nicht.Was sagt Putin?Wie immer bei Misserfolgen: nichts. In Peking erwähnte er Sila Sibiri 2 nicht. Dabei hatte der Kreml angekündigt, dass Putin und Xi über das Projekt sprechen würden. Putins Sprecher sagte, während der Verhandlungen habe der Präsident gesagt, „insgesamt gibt es grundlegende Parameter des Verständnisses zu Sila Sibiri 2“, sowohl zur Route als auch dazu, „wie das gebaut wird“. Es müssten aber noch „Nuancen“ erörtert werden, und Fristen zur Umsetzung gebe es noch nicht.