Die Börsen feiern Rekorde – doch der Markt für Staatsanleihen sendet Alarmzeichen ausDie Investoren verlieren das Vertrauen in die langfristige Finanzierbarkeit vieler Staaten. Das Zusammentreffen von Krieg, Inflation und hohen Defiziten sorgt für Nervosität.20.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSind die Probleme mit der Erdölversorgung nur temporärer Art? Die Zweifel mehren sich.Etienne Laurent / ReutersAn den Finanzmärkten existieren momentan zwei verschiedene Welten. Da ist zum einen die Welt der Aktien. Dort herrscht eine aufgeräumte Stimmung, man freut sich über die jüngsten Quartalsabschlüsse der amerikanischen Technologiekonzerne, und die Kurse liegen nahe ihren Rekordwerten. Da ist zum anderen aber auch die Welt der Staatsanleihen. Und dort zeigt sich ein anderes – und ziemlich düsteres – Bild.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Starker Anstieg der RenditenSo haben jüngst zahlreiche Investoren rund um den Globus ihre Staatsanleihen abgestossen. Am Markt ist bereits von einem «Global Bond Freakout» die Rede. Das mag zugespitzt sein. Doch Tatsache ist: Die Kurse für staatliche Schuldpapiere sind stark gesunken. Und wenn am Anleihenmarkt die Kurse sinken, dann steigen die Renditen, also jene Zinsen, die Investoren verlangen, um einem Staat Geld auszuleihen.Für Finanzminister wird es denn auch teurer, sich am Kapitalmarkt zu finanzieren. Sie müssen die Geldgeber höher entschädigen. Das zeigt sich vor allem bei Schuldpapieren mit langer Laufzeit. So ist die Rendite für eine US-Staatsanleihe mit 30-jähriger Laufzeit in der vergangenen Woche über die Marke von 5 Prozent geklettert. Am Dienstag notierte sie auf dem höchsten Niveau seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007.Das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit des Staates schwindet aber nicht nur in den USA. Noch stärker trifft das auf Grossbritannien zu. Dort ist die Rendite für eine 30-jährige Staatsanleihe mit 5,8 Prozent auf den höchsten Wert seit 1998 gestiegen. In Japan erreichte der Schuldschein gleicher Laufzeit mit über 4 Prozent sogar ein Allzeithoch. Und auch Frankreich registriert Renditeniveaus, die man zuletzt in der Finanzkrise gesehen hatte. Die Zinsanstiege sind ein weltumspannendes Phänomen.Höhere Militär- und Energieausgaben«Momentan kommen diverse negative Entwicklungen zusammen», begründet René Hermann, Experte für Länderbonitäten beim Zürcher Analysehaus Independent Credit View. «Aufgrund des Nahostkonflikts und höherer Energiepreise ziehen die Inflationserwartungen an», sagt er. Und dieser Inflationsdruck impliziert, dass die Zentralbanken ihre Leitzinsen wohl länger hoch halten oder sogar erhöhen werden.Höhere Leitzinsen bedeuten steigende Finanzierungskosten. Und dies vor dem Hintergrund bereits hoher Defizite und Schuldenquoten von teilweise über 100 Prozent des Bruttoinlandprodukts. «Erschwerend kommt nun dazu, dass die Regierungen nicht nur die Rüstungsausgaben erhöhen müssen. Viele subventionieren derzeit auch die gestiegenen Energiekosten, um die Auswirkungen für Firmen und Privathaushalte abzufedern», sagt Hermann. Das erhöht die Defizite zusätzlich.Während vieler Jahre galt bei den Zinsen das Motto «lower for longer». Die Staaten richteten sich darauf ein, dass das so bleibt. Entsprechend gering war der Anreiz, die Defizite zu reduzieren. «Jetzt hat sich die Situation fundamental verändert», sagt Hermann. «Aufgrund des Inflationsdrucks bleiben die Leitzinsen hoch. Und neben den Zinskosten steigen auch die Ausgaben im Militär- und Energiebereich, wodurch der Druck auf die Staatshaushalte weiter zunimmt.»«Das zehrt an den Nerven»An den Anleihenmärkten steigt die Skepsis. Die Anleger blicken auf Schuldenberge, die vielerorts schneller wachsen als die Wirtschaft. Also verlangen sie eine höhere Risikoprämie, um solche Staaten langfristig zu finanzieren. Verflogen ist die Gutmütigkeit, mit der in Frankreich lange Zeit die Reformunfähigkeit, in Grossbritannien die politische Instabilität und in den USA das hohe Defizit verharmlost wurde.Was den Gesinnungswandel ausgelöst hat, ist schwer zu sagen. Eine negative Überraschung waren vergangene Woche aber die in den USA veröffentlichten Inflationsdaten. Sie zeigen, dass die Teuerung im April unerwartet stark auf 3,8 Prozent gestiegen ist. Das ist der höchste Wert seit drei Jahren. Der Hauptgrund für den Inflationssprung: der Konflikt in Nahost und die damit verbundenen Preissteigerungen für Energie.Die kriegsbedingte Inflation nur als kurzzeitiges Phänomen zu sehen, wird immer schwieriger. «Anfänglich sind die meisten Investoren davon ausgegangen, dass der Iran-Krieg und der Ölpreisanstieg nur temporär sein werden», sagt Karsten Junius, Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin. «Doch jetzt merken wir, dass das Temporäre schon sehr lange andauert und keinerlei Lösung erkennbar ist. Das zehrt an den Nerven.»Mehr Realitätssinn bei InvestorenJe länger der Krieg anhält, desto stärker verfestigt sich die Inflation in der Gesamtwirtschaft. Dass diese Ausbreitung bereits stattfindet, zeigt beispielsweise der von der New Yorker Fed erhobene Index für globale Lieferkettenprobleme. Der Index ist jüngst stark gestiegen. «Das macht deutlich, dass sich die Lieferengpässe nicht nur beim Erdöl, sondern auch bei vielen Folgeprodukten verschärfen», sagt Junius.Für hochverschuldete Staaten kann dies willkommen sein. So war es schon immer eine verlockende Option, Staatsschulden über hohe Inflation wegzubringen. Doch an den Märkten verlangen die Anleger für diese Gefahr eine höhere Risikoprämie. Der Anleihenspezialist René Hermann sieht darin auch Positives: «Der Markt ist erwacht. Die Anleger beurteilen die Risiken hoher Staatsschulden wieder realistischer.»Doch wie erklärt sich das Nebeneinander taumelnder Anleihemärkte und euphorischer Aktienbörsen? «Der Kreditmarkt ist oft ein Vorläufer des Aktienmarkts», sagt Hermann. Während Aktien stärker durch «animalische Instinkte» angetrieben würden, orientierten sich Anleiheninvestoren stärker an Fundamentaldaten und langfristiger Schuldentragfähigkeit. Zumal das Gewicht institutioneller Anleger grösser und die investierten Mindestsummen höher seien.Doch das ist keine Gesetzmässigkeit. Dem Ausverkauf bei Anleihen muss nicht ein Ausverkauf bei Aktien folgen. Wenn indes Anleiherenditen steigen, spüren das über steigende Hypothekar- und Konsumkredite auch die Haushalte. Höhere Kreditzinsen verteuern zudem die Investitionen der Firmen. Zwischen den beiden Welten gibt es also Überschneidungen, was für den Aktienmarkt nichts Gutes verheisst.Passend zum Artikel
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