Hinter der Headline

Bondbeben: Der Markt sendet Warnsignale, aber keine Schockwellen Die Anleiheninvestoren teilen den Optimismus an der Börse nicht. Sie rechnen mit mehr Inflation wegen des Krieges im Nahen Osten und einem Überangebot an Staatsanleihen. Doch bislang hält sich der Schaden der global steigenden Anleihenrenditen in Grenzen. Was den Krieg im Nahen Osten angeht, sind sich US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping grundsätzlich einig: Iran darf keine Atomwaffen haben und die Strasse von Hormuz soll frei passierbar sein. So steht es im Faktenblatt, dass die US-Regierung nach dem präsidialen Austausch von vergangener Woche aufgeschaltet hat.Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

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Bitte passen Sie die Einstellungen an.Darüber aber, wie China konkret den USA helfen will, schweigen beide Seiten. An der Situation am Golf ändert Trumps Reise nach Peking vorerst nichts. Iran zeigt kein Interesse an einem Deal, und Trump droht einmal mehr mit schwerwiegenden Folgen.Die Strasse von Hormuz bleibt de facto geschlossen. Von einer Entspannung am Energiemarkt kann keine Rede sein. Der Ölpreis notiert 60% über Vorkriegsniveau und heizt die Inflation an.An den Börsen findet diese heikle Entwicklung wenig Beachtung. Getrieben von spektakulären Unternehmensergebnissen in den USA und dem Boom rund um das Thema künstliche Intelligenz erklimmen viele Aktienindizes neue Höhen.Anleihenrenditen signalisieren InflationssorgenGanz anders ist die Situation am Anleihenmarkt. Die steigende Inflation schürt die Angst, dass die Zinsen hoch bleiben oder gar weiter anziehen könnten. Investoren stossen Staatsanleihen ab, mit der Folge, dass die Kurse fallen und die Renditen steigen.Die Rendite auf zehnjährige US-Treasuries ist am Montag kurz über 4,6% gestiegen, nachdem der Brent-Preis über 110 $ geklettert war. In Japan notieren die zehnjährigen Marktzinsen bei 2,7%, in Deutschland auf fast 3,2% und in Grossbritannien auf fast 5,2%. Im Zuge des Ausverkaufs sind sogar die Schweizer Zehnjahresrenditen über 0,5% gestiegen.In den USA waren die zehnjährigen Renditen im aktuellen Zinszyklus schon höher, für Deutschland bedeutet der jüngste Anstieg den höchsten Punkt seit 2011. Grossbritannien hatte zuletzt kurz vor der Finanzkrise 2008 so hohe Marktzinsen, Japan in den 1990er Jahren.Bei den Anleihen mit noch längerer Laufzeit ist die Situation extremer. Dreissigjährige US-Treasuries rentieren mittlerweile über 5,1%. Das ist mehr als 2023 und so viel wie zuletzt im Jahr 2008.Alles wird teurer, auch die HypothekenDas hat auch Folgen für den US-Immobilienmarkt, wo die meisten Häuser mit dreissigjährigen Festhypotheken finanziert werden. Ihr durchschnittlicher Zins ist auf 6,4% gestiegen. Die Finanzierungskosten lägen wohl noch höher, wenn die staatlichen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac nicht wie von der Regierung angeordnet mit Hypotheken hinterlegte Wertpapiere (Mortgage Backed Securities, MBS) erwerben würden.Die teureren Hypotheken verschärfen die Krise der Lebenshaltungskosten, die durch die Inflation der vergangenen Jahre ausgelöst wurde und inzwischen auch das Autofahren betrifft. Wegen des Irankriegs und der globalen Ölknappheit ist der Benzinpreis im landesweiten Mittel von unter 3 auf 4,5 $ pro Gallone gestiegen.Zinssenkungen adieu!Sollte die Inflation über den direkten Effekt der höheren Energiepreise hinaus anziehen und der Arbeitsmarkt sich weiterhin so robust zeigen, muss wohl auch die US-Notenbank die Zügel straffen. Von der Europäischen Zentralbank erwarten die Märkte schon kurz seit Ausbruch des Krieges eine oder mehr Zinserhöhungen. In den USA ging man bislang eher von Zinssenkungen aus.In den letzten Tagen haben die Erwartungen bezüglich des Fed aber gedreht. Kaum hat der neue Fed-Chef Kevin Warsh sein Amt angetreten, wird an den Märkten über eine Zinserhöhung spekuliert. Unterdessen gilt bereits ein Schritt im Dezember als wahrscheinlich.Das hat weniger mit der Personalie des Fed-Chefs zu tun, sondern mit der anhaltenden Patt-Situation am Golf und einer Reihe von neuen Inflationsdaten.Der Konsumentenpreisindex ist im April zum Vorjahr 3,8% gestiegen. Das ist der höchste Anstieg seit drei Jahren. Die Produzentenpreise schossen im Vergleich zum Vorjahr sogar um 6,4% in die Höhe.Die neuen Daten sind stark von den Energiepreisen geprägt. Doch selbst wenn man diese ausklammert, nimmt Teuerung tendenziell zu. Das vom Fed präferierte Inflationsmass, die Kernteuerung der persönlichen Konsumausgaben (Core Personal Consumption Expenditures, PCE), hat im März 3,2% erreicht und entfernt sich vom Inflationsziel von 2%.Immer weniger Marktteilnehmer gehen davon aus, dass der Inflationsdruck bald abflauen wird. Die aus den Swaps abgeleitete Inflationserwartung liegt über ein Jahr bei 3,4%, über zehn Jahre bei durchschnittlich 2,5%.Die Inflation ist die Hauptsorge am Bondmarkt, aber nicht die einzige.Emissionsflut trifft auf beschränkten AnlegerappetitDas Angebot an Anleihen ist eine weitere. Die meisten Staaten verzeichnen ein Haushaltsdefizit und geben folglich viele Anleihen aus, die der Markt absorbieren muss. Zudem laufen viele alte Bonds aus: In den USA zum Beispiel muss das Schatzamt in den kommenden zwölf Monaten Anleihen im Volumen von 9 Bio. $ erneuern. Bei zögerlicher Nachfrage führt diese Flut zu höheren Renditen.Hinzu kommt, dass Anleger für die Übernahme von Staatsschulden «angesichts der Deglobalisierung und der zunehmenden geopolitischen Fragmentierung» höhere Prämien verlangten, schreibt Apollo-Chefökonom Torsten Slok. Er ist überzeugt, dass die Zinsen länger hoch bleiben.Das hätte Konsequenzen über die Bonds hinaus. Hohe Zinsen bremsen die Investitionen und hemmen den Konsum. Zukünftiger Gewinn verliert durch das Abdiskontieren mit dem höherem Zins an Wert, was besonders Wachstumsaktien betrifft. Dafür sind Unternehmen mit wenig Schulden im Vorteil.Keine AnsteckungssymptomeBis jetzt sind die Finanzierungskosten für Unternehmen aber nicht in die Höhe geschnellt. Bei den Schuldnern mit guter Bonität (Investment Grade) sind die Renditen sogar weniger stark gestiegen als bei den Staaten, so dass der Renditeaufschlag (Spread) ein neues Rekordtief erreicht hat. Das passt zur Ruhe an den Aktienbörsen.Bonds gelten als langweilig. Nur wenn sie in Bewegung kommen, sorgen sie wie jetzt für Schlagzeilen. Für ein grösseres Zittern an den breiten Finanzmärkten reicht das aktuelle Beben aber noch nicht.