Grafik der Woche

Die Bondzinsen erreichen die kritische Grenze Die anhaltenden Inflationssorgen wegen des Iran-Kriegs belasten die Bondmärkte. Das erhöht den Druck auf die US-Regierung, eine Lösung zu finden. Gleichzeitig nimmt die Gefahr für die Aktienmärkte zu. «Wenn es so etwas wie Reinkarnation gibt, dann will ich nicht als Präsident, Papst oder Baseballstar wiedergeboren werden, sondern als Bondmarkt. Vor ihm fürchten sich alle». Die berühmten Worte stammen vom US-Politberater James Carville, der in den Neunzigerjahren dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton zur Seite stand.Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

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Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er meinte damit, dass die Anleiheninvestoren enorme Macht über die Politik haben, indem sie bei Unzufriedenheit Bonds verkaufen und die Zinsen in die Höhe treiben können. Zu Beginn von Clintons erster Amtszeit kletterten die zehnjährigen US-Treasury-Renditen von 5,2 auf über 8% und zwangen die Regierung zur fiskalischen Zurückhaltung.Immer wieder hat der Bondmarkt den Politikern die Grenzen aufgezeigt. Etwa 2022 in Grossbritannien, als die damalige Premierministern Liz Truss das sogenannte «Mini-Budget» vorstellte, das ein riesiges Loch in die Staatskasse zu reissen drohte. Der Bondmarkt reagierte so scharf, dass Truss zuerst zurückkrebsen und dann zurücktreten musste.Oder im April des vergangenen Jahres, als US-Präsident Donald Trump die reziproken Zölle vorstellte, worauf die Börsen kollabierten und die US-Staatsanleihen trotz ihrer Safe-Haven-Qualitäten massiv unter Druck kamen.Dreissigjährige über der «Maginot-Linie»Die Revolte des Bondmarktes veranlasste Trump, die Zölle für neunzig Tage auszusetzen. Seither gilt die Marke einer Rendite von 4,5% bei den zehnjährigen US-Staatsanleihen als Schmerzgrenze, ab der Trump nachzugeben bereit ist. Auch das Akronym Taco, für «Trump always chickens out», stammt aus jener Zeit.Viel bis zum sensiblen Punkt fehlt nicht mehr. Zehnjährige Treasuries rentieren 4,46%, so viel wie seit einem Jahr nicht mehr und etwa auf dem Niveau von vor der Finanzkrise 2008/09.Die Dreissigjährigen haben die 5%-Marke erreicht, die der Bank-of-America-Stratege Michael Hartnett als «Maginot-Linie» bezeichnet, weil es bei einem Überschreiten sehr schnell nach oben gehen und in einem Bond-Crash münden könnte. Die Maginot-Linie, das in der Zwischenkriegszeit gebaute französisches Bunkersystem, galt als sicherer Verteidigungswall, wurde aber von den Deutschen umgangen.In Kombination mit der grossen US-Staatsverschuldung sind die hohen Zinsen Gift. Schon jetzt gibt der Staat 17% der Gesamtausgaben für den Schuldendienst aus. Ausserdem wird es für Durchschnittsamerikaner noch schwieriger, ein Eigenheim zu finanzieren, wenn die Hypothek mehr als 6% kostet.Inflation bindet Fed die HändeGrund für die steigenden Langfristzinsen ist die Inflation und die Sorge der Marktteilnehmer, dass die Teuerung wegen der Energieverknappung anzieht und die Notenbanken die Leitzinsen erhöhen müssen.Im April ist die US-Inflation wegen der Energiepreise auf 3,8% gestiegen. Auch die Inflationserwartungen wurden nach oben angepasst, vor allem die kurzfristigen. Über längere Zeit sind die Erwartungen etwas stabiler. Die den inflationsgeschützten US-Staatsanleihen implizite Inflation liegt bei durchschnittlich 2,47%. Vor Kriegsausbruch betrug sie 2,25%.Das beste Mittel gegen die steigenden Preise wäre eine Lösung im Iran-Krieg, sodass Öl und Gas wieder durch die Strasse von Hormuz gelangen und sich die Energiepreise normalisieren. Deshalb erhöht jeder weitere Basispunkt an Renditeanstieg die Chance, dass Trump einen Deal mit Iran eingeht oder zumindest etwas in diese Richtung verkündet.Auf Hilfe der Notenbank Fed kann sich der Markt nicht verlassen. Auch unter dem designierten neuen Vorsitzenden Kevin Warsh wird sie nicht einfach die Zinsen senken können, solange die Inflationsgefahr nicht gebannt ist.Weltweites PhänomenDer Auftrieb bei den Langfristzinsen ist ein weltweites Phänomen, doch nirgendwo sonst hat er so grosse Auswirkungen wie im weltgrössten Bondmarkt der USA.In Deutschland sind die zehnjährigen Bundesrenditen auf 3,1% geklettert, dem höchsten Niveau seit 2011. In Japan verläuft der Anstieg unterdessen schon fast parabolisch. In Grossbritannien sind die zehnjährigen Gilt-Zinsen auf dem höchsten Punkt seit 2008. Bei den Dreissigjährigen muss man sogar bis 1998 zurückgehen, um noch höhere Renditen als die aktuellen 5,8% zu finden. Selbst in der Schweiz rentieren zehnjährige Bundesanleihen nun wieder fast 0,5%.Steigende Anleihenrenditen sind in erster Linie ein Problem für Bond-Anleger. Doch eine Erschütterung am Anleihenmarkt würde auch an den Aktienbörsen nicht spurlos vorbei gehen, zumal sie vielerorts sehr teuer bewertet sind. Besonders die wachstumsstarken Tech-Aktien, deren fern in der Zukunft erwarteten Gewinne die Bewertungen besonders stark prägen, sind anfällig.Als Carville 1994 die furchteinflössende Stellung des Anleihenmarkts beschrieb, hatte er in erster Linie die Politik im Visier.Aber unterdessen ist klar: Nicht nur die Regierenden müssen sich vor dem Bondmarkt in Acht nehmen, auch Aktienanleger. Denn der Bondmarkt hat wegen seiner Grösse auch das Potenzial, die Party an den Börsen zu verderben.