Mehr völkisch als humanitär – ein Historiker wirft ein neues Licht auf ein Schweizer Hilfsprojekt für Donauschwaben um 1950Im Auftrag von Swissaid, Caritas Schweiz, dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk und Solidar Suisse hat Peter Hug ein Buch mit dem Titel «Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher» geschrieben. Es ist so gründlich wie kritisch.18.05.2026, 14.44 Uhr5 LeseminutenNach dem Weltkrieg vertriebene Donauschwaben warten im Mai 1951 in Genua auf die Weiterreise nach Brasilien.Margrit Bäumlin / Photopress / Keystone«Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher»: Der Autor des heute erschienenen Buches, Peter Hug, zieht in seinem Buchtitel ein hartes Fazit. Sein Thema betrifft ein singuläres Projekt aus der Nachkriegszeit. Die damalige Schweizer Europahilfe, eine Dachstruktur von vier grossen Hilfswerken, hatte mit Rückhalt des Bundes die Auswanderung von vertriebenen Donauschwaben aus dem Zufluchtsland nach Brasilien unterstützt. Geplant war der Aufbau einer geschlossenen agroindustriellen Siedlung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Versuch einer neuen Form von Flüchtlingshilfe überforderte die verantwortlichen Organisationen und wurde unter Zeitdruck mangelhaft vorbereitet und geführt. Die Kolonie in Entre Rios (Paraná) litt unter wirtschaftlichen Problemen. Dazu kamen persönliche Bereicherung einzelner Beteiligter, interne Konflikte und bald auch Abwanderung. Später gelangte sie aber als agroindustrieller Komplex zu grossem Erfolg.Das Ganze mag als Kuriosum oder als Lehrstück in der Geschichte der Ausland- und späteren Entwicklungshilfe erscheinen. Die Tatsache, dass viele Donauschwaben – seit Ende des 17. Jahrhunderts vor allem aus dem südwestlichen Deutschland in den Balkan gezogene Bauern und Handwerker – während der deutschen Besetzung in der Waffen-SS im Einsatz gestanden waren, führte aber damals in der Europahilfe weder zu Diskussionen noch zu Vorkehrungen bei der Auswahl der Siedler.Auch in späteren Darstellungen wurde sie nicht tiefer untersucht. Erst 2023, 75 Jahre nach Gründung der Europahilfe, reagierte die aus ihr hervorgegangene Nachfolgeorganisation Swissaid alarmiert. Sie hatte einen konkreten Hinweis auf einen ehemaligen Waffen-SS-Kämpfer unter den begünstigten Kolonisten erhalten. Der Historiker Peter Hug (früher unter anderem für die Bergier-Kommission, ferner als SP-Sekretär tätig) wurde mit einer Aufarbeitung beauftragt – und diese ist so gründlich wie kritisch ausgefallen.Im Krieg in der Waffen-SSUnter den rund 2500 Siedlern von 1951/52 hat Hug 16 ehemalige Angehörige der Waffen-SS identifiziert; die Dunkelziffer sei wahrscheinlich gross, schreibt er. Zwei – davon einer, der zum Obersturmführer (Oberleutnant) aufstieg – waren zum Beispiel in der Division «Prinz Eugen» eingeteilt, die dafür bekannt war, im Kampf gegen die Partisanen in Jugoslawien besonders grausam gegen die Zivilbevölkerung vorzugehen. Ohne persönliche Beteiligung an Kriegsverbrechen, vermutet der Autor, sei eine Mitwirkung in solchen Einheiten nicht möglich gewesen.Das Hilfsprojekt stand im Kontext seiner Zeit. Auch in Österreich kam die Entnazifizierung zu Beginn des Kalten Krieges 1948 «nahezu zum Stillstand», wie Hug schreibt. Insofern hatte das Auswanderungsprojekt offenbar nicht die Wirkung, eigentliche Fluchthilfe zu leisten und Tatverdächtige dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden zu entziehen. Die Siedlungsaktion wurde mit der Perspektivlosigkeit der Vertriebenen begründet, die angeblich in Lagern eine elende Existenz fristeten. Hug hält hingegen fest: «Die Brasilienaktion hatte wenig bis nichts mit humanitärer Hilfe zugunsten der tatsächlich Bedürftigsten zu tun.» Bei der Auswahl der Siedler standen berufliche und andere Eignungskriterien im Vordergrund.Auswanderer an Bord des Passagierdampfers «Provence». Die Auswanderung wird mithilfe der Schweizerischen Europahilfe, der späteren Swissaid, ermöglicht.Margrit Bäumlin / Photopress / KeystoneTatsächlich hatten nur 15 Prozent von ihnen, eher privilegiert, in Lagern gelebt. Laut mehreren Quellen entwickelte sich damals in der österreichischen Landwirtschaft, aber auch im Bauwesen ein Arbeitskräftebedarf, der die Eingliederung vorankommen liess. An einer gemeinsamen Auswanderung nach Südamerika waren Donauschwaben am ehesten interessiert, wenn sie wieder eine selbständige Existenz anstrebten und sich dabei als Gruppe abgrenzen wollten.Germanophiles katholisches NetzEiner der Protagonisten des Projekts war Michael Moor. Er hatte zuletzt in Kroatien eine Handelsgenossenschaft geleitet, die ganz im Dienst der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft stand. Nach der Flucht betrieb er in der Steiermark ein grosses Gut, strebte aber die Gründung einer Agrargenossenschaft in Brasilien an. Unter der Ägide der Europahilfe verschaffte er sich entscheidenden Einfluss auf die Auswahl der Siedler und wurde dann Präsident der «Agrária» in Entre Rios. Diese leitete er sehr autoritär, bis er später zum Rücktritt gezwungen wurde.Moor hatte mit dem aus Kroatien stammenden Salzburger Flüchtlingsseelsorger Josef Stefan kooperiert, der sich für die Bewahrung der donauschwäbischen Kultur engagierte. Nachdem er vergeblich versucht hatte, Siedlungen in der Region zu gründen, suchte Stefan nach Möglichkeiten im Ausland. Gefördert wurde er dabei von Erzbischof Andreas Rohracher, der über gute Kontakte zur schweizerischen Caritas verfügte. Deren Direktor, Giuseppe Crivelli, amtete zugleich als Sekretär der neu belebten Caritas Internationalis, war so weltkirchlich vernetzt.Crivelli hatte bereits vor dem Krieg Emigrationsprojekte für schweizerische Arbeitslose lanciert. Nun wollte er im Dienst des «christlich-germanischen Kulturideals» konfessionell homogene Siedlungen für Flüchtlinge ermöglichen und setzte sich intensiv für das Vorhaben der Donauschwaben ein. Bald sah er die Caritas damit finanziell überfordert und suchte 1949 eine Lösung bei der Europahilfe. Als Mittelsmann fungierte ein Mitarbeiter des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH), der seinerseits seiner Chefin ein Auswanderungskonzept vorlegte.Die «unkritische» Zustimmung des SAH beschreibt Hug als rätselhaft: Die Geschäftsführerin des Hilfswerks, Regina Kägi-Fuchsmann, war Jüdin und Sozialdemokratin, und viele SP-Vertreter lehnten das Engagement entschieden ab. Offenbar war sie aber, wie ihr Mitarbeiter und Vertrauter, der Ansicht, die vielen Flüchtlinge in Deutschland und Österreich könnten als Faktor der «Überbevölkerung» zur Gefahr werden. Hinzu kam möglicherweise die Hoffnung, im Gegenzug von der Caritas die Unterstützung für SAH-Projekte zu erhalten. Das Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) opponierte erfolglos, vor allem wegen der kommerziellen Seite, und das Rote Kreuz hatte sich faktisch aus der Europahilfe zurückgezogen.Deren Präsident, Carl Ludwig (Verfasser des Flüchtlingsberichts von 1957), gehörte zu den Befürwortern. Entscheidend war für das Projekt schliesslich auch die Unterstützung des Bundes, die vorerst hauptsächlich aus einer Garantie bestand. Es gab zwar auch kritische Stimmen, doch so, wie die Aktion dargestellt wurde, passte sie gut zum aussenpolitischen Ziel von Bundesrat Max Petitpierre. Der Aussenminister wollte die neutrale Schweiz nach der Isolation im Krieg als humanitär und international nützlich zu profilieren. Ein weiteres Argument war, dass die vertriebenen «Volksdeutschen» von der damaligen Flüchtlingsorganisation der Uno (IRO) keine Hilfe erhielten.Hilfswerke: ein dunkles KapitelPeter Hugs Fazit: Die Europahilfe unterstützte die Umsetzung eines völkisch-rassistischen Konzepts, indem sie führenden Personen dazu verhalf, ihre Vision aus dem Nazireich doch noch zu realisieren. Ausdruck deren Überlegenheitsideologie war besonders die Ausgrenzung der bisherigen Landbevölkerung, die allenfalls als Arbeiter in Entre Rios weiterleben konnte, während die Grossgrundbesitzer vom Staat Realersatz erhielten. Hinzu kommt das kultivierte Selbstbild der Donauschwaben als Opfer kommunistisch-jugoslawischer Verfolgung, das die vorangegangenen Greuel des «Dritten Reichs» ausblendete. Man kann aber auch festhalten, dass die Identitätspflege in der Isolation – und ohne grossdeutsch-politische Dimension – relativ harmlos blieb.Die Präsidenten der damals beteiligten Hilfswerke oder deren Nachfolgeorgnisationen schreiben im Vorwort des Buchs von einem «dunklen Kapitel», wie es heute nicht mehr möglich wäre. Die «schrecklichen Ereignisse» verstehen sie auch als «Warnung, zivilgesellschaftliche Organisationen für aussen- und innenpolitische Zwecke zu instrumentalisieren».Peter Hug: Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher. Zur Errichtung einer völkischen Siedlerkolonie in Brasilien, 1949–1952/59.Passend zum Artikel