Interviews sind für Journalisten eigentlich eine gewohnte Situation. An diesem Vormittag aber sitzt man plötzlich auf der anderen Seite. Sonst stellt man selbst die Fragen, heute muss man antworten: Was bedeutet Pressefreiheit? Inwiefern haben Sie als Journalistin etwas mit Demokratie zu tun? Haben Sie auch schon mal ihre eigene Meinung in die Zeitung geschrieben?Die Interviewer sitzen an einem Tisch im Klassenzimmer und sind keine Journalisten, sondern Fünftklässler. Seit Beginn des aktuellen Schuljahres sind die „Demokratie-Detektive“, wie ein neues Projektfach am Christian-Ernst-Gymnasium (CEG) in Erlangen heißt, auf der Suche nach Antworten. Sie wollen wissen, was Demokratie ausmacht, wie Politik funktioniert und wieso es so wichtig ist, sich selbst einzubringen. Ihre Erkenntnisse wollen sie zum Ende des Schuljahres in einem Podcast präsentieren.Politische Bildung spiele am CEG allgemein eine große Rolle, sagt Johannes Uschalt, stellvertretender Schulleiter. Man sei zum Beispiel Botschafterschule des Europäischen Parlaments. Die Strukturen seien aber bisher vor allem auf ältere Schüler ausgerichtet, für jüngere habe es eine Lücke gegeben. Der Politikunterricht etwa startet erst in der zehnten Klasse. Doch auch Kinder wollen über Politik sprechen, das haben Uschalt und sein Kollege Wolfgang Dorn schon öfter festgestellt. Vor allem bei aktuellen Ereignissen wie der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten oder beim Krieg in Nahost gebe es häufig Gesprächsbedarf. Denn die Kinder seien bereits in der fünften und sechsten Klasse in einer sensiblen Phase bei der Sozialisierung.Das Interesse am neuen Projektfach ist größer als anfangs erwartet, sagt Uschalt. 36 Schüler beschäftigen sich jetzt ein Mal pro Woche eine Doppelstunde lang mit Demokratie. Im Unterricht lernen sie unter anderem, auf welchen Ebenen politische Entscheidungen getroffen werden, vom Stadtrat bis hin zum EU-Parlament. Und sie erfahren, wie man selbst aktiv werden kann.Um auch Eindrücke aus der politischen Praxis zu bekommen, dürfen die Kinder zusätzlich regelmäßig Menschen interviewen, die sich für die Demokratie engagieren – vom ehemaligen Erlanger Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) über Helena Neubert aus dem Jugendparlament bis hin zu Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU).Ihre Erkenntnisse wollen die Schüler in einem Podcast präsentieren. Sie lernen deshalb auch, wie man Audiodateien schneidet. Foto: Christian-Ernst-Gymnasium ErlangenNicht alles, was die Schüler dabei lernen, ist völlig neu für sie. Dass Demokratie im Kleinen anfängt, wissen viele von ihnen schon. Jonas etwa stimmt in seiner Familie darüber ab, wohin die gemeinsamen Ausflüge gehen sollen. Nicht immer gefalle ihm das Ergebnis, räumt er ein. Aber so ist das eben bei einer demokratischen Entscheidung, das ist ihm bewusst. Viele der Fünftklässler kommen aus Familien mit ausgeprägter Diskussionskultur, erzählen sie. Mehrere haben Richter als Eltern oder Bekannte, manche lesen Kinderzeitungen, andere waren in der Grundschule Klassensprecher.Die junge Generation sei nicht unpolitisch, sagt auch Uschalt, im Gegenteil: „Ich glaube, es ist grundsätzlich politisches Interesse da bei Kindern.“ Dass man ihnen durchaus auch zutrauen kann, komplexe Themen zu verstehen, hat er im Projektfach schon öfter beobachtet. Als sie beispielsweise den Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur am Beispiel Ecuadors besprochen haben, starteten die Schüler eine lange Diskussion über das politische System des südamerikanischen Landes.Nicht nur für die Lehrer hält das Projektfach Überraschungen bereit, auch die Schüler selbst erleben Momente, mit denen sie nicht gerechnet haben. Vor allem die Interviews mit bekannten Persönlichkeiten begeistern sie. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir bis zu Ilse Aigner kommen“, sagt Finn. Die Landtagspräsidentin sei auch noch sehr nett gewesen und habe sich Zeit für die Kinder und ihre Fragen genommen.Abitur in Bayern:„Ich denke, jede Generation hat ihr Päckchen zu tragen“Am Mittwoch haben die Abiprüfungen in Bayern begonnen – erstmals wieder im G- 9-Modus. Wie geht es den Schülerinnen und Schülern zum Start der Prüfungen und was planen sie danach?Fast schon nebenbei entwickeln die Kinder in der Vorbereitung eines solchen Interviews auch Medienkompetenz. Wer gute Fragen stellen will, muss sich schließlich vorbereiten. Dass man sich bei der Recherche nicht auf künstliche Intelligenz verlassen kann, lernten die Schüler schnell, erzählt Uschalt: Die KI schrieb beispielsweise einmal einer Erlanger Stadträtin zu, gleichzeitig Kuratorin in einem Frankfurter Museum für angewandte Kunst zu sein. Es handelte sich aber um zwei verschiedene Frauen mit dem gleichen Namen.Das Projektfach soll die Fünftklässler nicht nur passiv für Politik begeistern, sondern auch aktiv. Vielleicht, so Uschalt, denke der eine oder die andere später darüber nach, selbst für den Stadtrat zu kandidieren oder eine NGO zu gründen. Im Unterricht können die Kinder sich jedenfalls schon über die Möglichkeiten der Partizipation informieren, von der Schulgemeinschaft über das Jugendparlament bis hin zur EU. Letzteres mag weit weg klingen, „aber nicht so weit, wie man denkt“, sagt Uschalt. Eine ehemalige Schülerin aus Erlangen arbeite mittlerweile an einer Schnittstelle zum EU-Parlament.Wolfgang Dorn und Johannes Uschalt sind immer wieder beeindruckt, wie engagiert die Kinder im Unterricht sind. Foto: Anna-Maria SalmenEin Ziel der beiden Lehrer ist es auch, den Kindern zu vermitteln: Politik hat ganz direkt mit ihnen zu tun, demokratische Prozesse haben auch Auswirkungen auf ihr eigenes Leben. Einige der Schüler sehen da noch Verbesserungspotenzial bei großen Entscheidungsträgern: „Die Politik könnte Kinder mehr berücksichtigen“, sagt Sofia. „Es geht ja um unsere Zukunft.“In dieser Zukunft wird politische Bildung immer wichtiger, sagt Lehrer Dorn. „Eine Gesellschaft, die sich über Politik keine Gedanken macht, kein Fachwissen hat und mit Medien nicht umgehen kann, ist eine Gesellschaft, in der die Demokratie in Gefahr ist.“ Auch die Kinder selbst haben erkannt, warum sie sich mit Politik auseinandersetzen sollten. Irgendwann seien sie selbst dran und dürften wählen, sagt Valentina. „Dann dazustehen und nichts zu wissen, wäre ja blöd“, sagt Finn. Sich politisch zu engagieren, sei außerdem unabhängig vom Alter, findet Malina: „Jeder Mensch ist gleich viel wert. Wir sind zwar Kinder, aber wir haben trotzdem das Recht mitzubestimmen.“