Sehr wichtig ist für Journalisten, was die Leser denken. Denn die sollen ja auch künftig noch Leser sein wollen. Wichtig ist aber auch, was andere Journalisten denken. Denn erstens sind die auch Leser. Und zweitens sind sie Kollegen, die mit professionellem Auge erkennen, wie ein Produkt gemacht ist. Deswegen laden sich manche Redaktionen andere Journalisten zur Blattkritik ein. So auch die Wochenzeitung „Das Parlament“, die der Bundestag herausgibt.Mit Pralinen: Blattkritik leicht gemachtFriederike HauptSie ist ein Unikum in der deutschen Medienlandschaft. Erstens, weil sie sich beinahe ganz der Berichterstattung über das parlamentarische Geschehen im Bundestag widmet; und zweitens, weil sie strikt neutral bleibt. Es gibt keine Leitartikel, in denen die Redaktion Position bezöge, und keine Porträts, in denen Politiker als machthungrig, überfordert oder einfallsreich charakterisiert würden. Die Zeitung möchte einen „Beitrag zur politischen Bildung leisten“, wie es in ihrer Selbstbeschreibung heißt. Größte Gefahr: die Leser zu langweilen.

Dienstag, 11 Uhr, im Jakob-Kaiser-Haus, hier haben viele Abgeordnete ihre Büros. Aber auch die Mitarbeiter vom „Parlament“; sie sind bei der Bundestagsverwaltung beschäftigt. In einem Konferenzraum treffen sie sich, zur Blattkritik wurde die F.A.S. geladen. Der Chefredakteur der Gastgeber, Frank Bergmann, hat extra Erdbeeren, Butterkekse und Pralinen in Form von Meeresfrüchten auf den Tisch gestellt, dazu eigenhändig aufgesprudeltes Wasser, weil er wusste, dass das Catering an diesem Morgen Eingang in diesen Text finden könnte. Üblicherweise wird hier zur Blattkritik nichts serviert, öffentlicher Dienst, „Sie verstehen“, da spart man sich das Naschwerk.Dann kommt doch noch der Moment zum EssenDas kann die F.A.S. natürlich nur gutheißen. Schon allein deshalb, weil die Person, die die Blattkritik macht, sowieso keine Zeit zu essen hat. Sie muss ja sprechen. Die aktuelle Ausgabe vom „Parlament“ bietet genügend Anlass: Einen Themenschwerpunkt widmet sie dem einjährigen Bestehen der Regierungskoalition; in typischer Ausgewogenheit. Kein saftiger Essay, der Kanzler und Konsorten die Leviten liest, sondern die Zusammenfassung der Parlamentsdebatte zu dem Thema hat es auf die Titelseite geschafft. Aber auch ein Interview mit dem AfD-Abgeordneten Kay Gottschalk findet sich im Blatt. Schließlich doch ein Kommentar, nein, sogar zwei: ein Pro und Kontra zu der Frage, ob die Koalition besser sei als ihr Ruf, verfasst von zwei Gastautoren. Ausgewogen.Und dann ergibt sich doch noch Gelegenheit, bei den Pralinen zuzugreifen. Es entspinnt sich nämlich ein Gespräch zwischen Kritikerin und Redakteuren. Und von Politikern weiß man, dass das der Moment fürs Essen ist. Das Zeitfenster schließt sich schnell wieder, dann muss man zum nächsten Termin. So geht es auch der F.A.S. Abschied unter Kollegen: Wir lesen uns!