Das Brügglifeld als Kultstadion und Leidensort: Ist der FC Aarau «unaufsteigbar»?Aarau spielt seit elf Jahren zweitklassig, immer wieder scheitert der Fussballklub im Saisonfinish. In der Barrage gegen GC will er endlich sein Aufstiegstrauma überwinden.17.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenImmer wieder Frust im Brügglifeld: Die Spieler des FC Aarau nach dem verpassten Direktaufstieg am Freitagabend.Urs Flüeler / KeystoneTotenstille, Schockstarre und dieser eine Gedanke: nicht schon wieder. Als der Aufstiegs-Showdown im Aarauer Brügglifeld zu Ende ist, schauen sich die Zuschauer ungläubig an. Als ob das alles gar nicht wahr sein kann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.8450 Menschen sind am Freitagabend ins ausverkaufte Stadion gepilgert, eine ganze Stadt, eine ganze Region, vereint im Brügglifeld. Auf Ricardo gab es Tickets für 600 Franken, die Restkarten im Gästesektor waren innert zwölf Minuten vergriffen. Alle wollten sie dieses Fussballspiel gegen Yverdon-Sport erleben, dabei sein, wenn der FC Aarau nach elf Jahren Zweitklassigkeit endlich wieder in die Super League aufsteigen würde.Doch nach dem Schlusspfiff herrscht auf dem Brügglifeld Konsternation. Wieder einmal. Fassungslosigkeit über das Unvermögen des FC Aarau, der den direkten Aufstieg nach dem 2:2 gegen Yverdon am letzten Spieltag der Challenge League wieder nicht geschafft hat. Und erneut in die Barrage muss, wie schon im letzten Jahr.Viele Kinder im Brügglifeld weinen. Und es passiert noch viel Tragischeres: Ein Zuschauer auf der Haupttribüne erleidet nach dem Abpfiff einen Herzinfarkt, später stirbt er im Spital. Der Aarau-Trainer Brunello Iacopetta sitzt nach dem Gang zu den Fans minutenlang regungslos auf der Spielerbank, sein Blick geht ins Leere. Trauert er der riesigen Chance nach, die seine Mannschaft da vergeben hat? Seine Familie auf der Haupttribüne muss ihn lange trösten. Später sagt Iacopetta: «Ich habe den Spielern gesagt, dass wir die 36. Runde sauber zu Ende spielen müssten. Das ist uns nicht gelungen, deshalb ist die Enttäuschung nun riesengross.»Ach, Brügglifeld, ach, FC Aarau! Immer diese Aufstiegsdramen.Eine unendliche Geschichte?Dabei war die Ausgangslage für Iacopettas Team so gut gewesen. Am Montag, nach dem 2:1 im Spitzenspiel gegen den FC Vaduz, waren die Aarauer erstmals seit November an die Tabellenspitze zurückgekehrt. Ein Punkt Vorsprung vor der letzten Runde – der FCA hatte den direkten Aufstieg in den eigenen Füssen. Um sicherzugehen, musste gegen Yverdon allerdings ein Sieg her.Danach sieht es zunächst auch aus. Spätestens als Leon Frokaj in der 42. Minute zum 2:0 trifft, ist das Brügglifeld im Ausnahmezustand. Die Fans liegen sich in den Armen, Ekstase, Vorfreude auf die Aufstiegs-Party. Nun kann doch wirklich nichts mehr schiefgehen.Nun ja, nach einer Stunde steht es 2:2, Antonio Marchesano ist der Party-Crasher. Danach rennt das Heimteam unermüdlich an, aber das erlösende Goal gelingt den Aarauern nicht mehr. Deshalb: Schockstarre im Brügglifeld, Ernüchterung statt Freinacht. Schon wieder.Weil der FC Vaduz seine Aufgabe beim 3:1 in Wil souverän erledigt, hat er 81 Punkte und Aarau nur 80. Damit steigt der Klub aus Liechtenstein zum vierten Mal in die Beletage auf. Ein Klub, den dort in den vergangenen fünf Jahren wahrlich niemand vermisst hat.Dem FC Aarau hingegen scheint die Promotion partout nicht zu gelingen. Seine Zweitklassigkeit droht genauso zur unendlichen Geschichte zu werden wie der seit einem Vierteljahrhundert verzögerte Stadionneubau. Am Anfang dieses Jahrtausends sollte in Schafisheim eine neue Arena entstehen, später konzentrierten sich die Pläne auf das Areal Torfeld Süd. Hier soll dereinst die neue Heimstatt des FC Aarau mit Platz für 10 000 Zuschauer entstehen. Doch immer wieder verhindern Einsprachen und politische Hürden, dass dort endlich gebaut werden kann.So spielt der FC Aarau mindestens bis 2033 weiter im aus der Zeit gefallenen Brügglifeld. Das viel zu seinem Status als Kultklub beiträgt. Und in den vergangenen Jahren so manches Drama erlebt hat; immer wieder erlitt der FC Aarau hier Rückschläge im Saisonfinish. Ist der Klub «unaufsteigbar»? Die Wendung «veraarauern» macht jedenfalls nicht erst seit dem Freitag die Runde.Am Anfang des Aarauer Aufstiegstraumas stand die Barrage 2019. Damals gewann der FCA das Hinspiel gegen Xamax 4:0, ehe er im Rückspiel auf dem Brügglifeld 0:4 unterging und das Penaltyschiessen verlor.Dann war da die Saison 2021/22, als Aarau die Challenge League vor dem letzten Spieltag anführte, nach dem 1:2 gegen Vaduz auf dem Brügglifeld aber sogar noch den Barrage-Platz verpasste. Oder die Saison danach, in der der FCA den Direktaufstieg und den Barrage-Platz mit zwei Unentschieden in den letzten zwei Partien vergab.Und dann war da natürlich noch die Barrage im letzten Jahr, da platzten die Aarauer Aufstiegsträume bereits im Hinspiel: 0:4 gegen GC. Das 1:0 im Brügglifeld war danach bedeutungslos.Kurze VorbereitungszeitDie Aarauer wollen die Rückkehr in die Super League nun via Umweg schaffen, der Torhüter Marvin Hübel sagt, jetzt gelte es, den Frust so schnell wie möglich in Energie umzuwandeln. Und der Verteidiger Serge Müller ergänzt: «Es kann auch eine Chance sein, dass wir sofort wieder ein Spiel haben.»Der FC Aarau ist bereits am Montag zurück auf dem Brügglifeld, wieder spielt er gegen die Grasshoppers. Das Rückspiel findet am Donnerstag im Letzigrund statt. Ursprünglich waren die Barrage-Spiele auf Mittwoch und Samstag terminiert. Doch weil der Letzigrund wegen des Metallica-Konzerts am 23. Mai besetzt ist und GC kein Ausweichstadion fand, hat die Liga die Partien vorverschoben.Für die Spieler des FC Aarau bedeutet das: Sie haben weniger Zeit zur Erholung als ihr Gegner. Der GC-Trainer Peter Zeidler konnte seine Stammspieler im sportlich irrelevanten letzten Ligaspiel in Lausanne schonen, er schickte stattdessen einen Teil der U-21-Auswahl auf den Platz. Diese konnte wegen Spielermangels nicht zum eigenen Meisterschaftsspiel antreten – die 0:3-Forfaitniederlage nahm der Rekordmeister in Kauf.Das verärgerte nicht nur den Gegner der U 21, den FC Courtételle, sondern auch den FC Aarau. Wettbewerbsverzerrung? Müller sagt: «Unverständlich ist es auf jeden Fall, dass es am Montag gleich weitergeht und der Challenge-League-Klub dadurch einen Nachteil hat. Aber wir müssen es akzeptieren und das Beste daraus machen.»Absichtlich erfolgte der Liga-Entscheid wohl nicht, aber es ist schon eine Ironie: Der Rekordmeister zieht sogar noch einen Vorteil daraus, dass er die Stadionsuche verschlafen hat. Doch die Aarauer wollen keine Ausreden suchen, sondern schleunigst aus dem eigenen Albtraum aufwachen. Indem sie gegen GC die Rückkehr ins Oberhaus schaffen. Und so endlich ihr Aufstiegstrauma überwinden.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel