Die Insel Lesbos ist einer der wichtigsten Herstellungsorte für Feta in Griechenland. Doch seit März grassiert auf der Insel die Maul- und Klauenseuche. Kein Kilogramm Käse darf die Insel seitdem verlassen, knapp 28 000 Tiere wurden gekeult. Und die Bauern, deren Existenz an ihren Herden hängt, stehen vor dem Nichts.Franziska Grillmeier (Text), Philipp Hafner (Bilder), Lesbos17.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenUnter einer grossen, vom Wind gebeugten Eiche steht ein türkisfarbener Kanister mit Desinfektionsmittel. Dahinter läuft Nicky Parellis über das hellgrüne Gras, weg von ihrem Schafstall, in dem sie gerade 250 Schafe gemolken hat. An ihren Pullover gedrückt, den sie mit einem dünnen Strick über der Hüfte zusammengebunden hat, hält sie ein kleines Lamm. «Wir haben Glück», sagt sie. Auf ihrem Hof, der nahe einer Zufahrtstrasse zum Zentrum der ägäischen Insel Lesbos liegt, zeigt noch keines ihrer Schafe Symptome.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am 15. März hatte ein Tierarzt auf einem Hof im Norden der Insel eine Kuh bemerkt, die ungewöhnlich sabberte. Er liess die Herde testen und stiess auf die Maul- und Klauenseuche, eine hochansteckende Viruserkrankung, die Paarhufer, also auch Kühe und Schafe, befällt. Seitdem kam es zu knapp 80 gemeldeten Fällen. Auf den Inselstrassen wurden Posten eingerichtet, vor denen Einsatzkräfte in weissen Schutzanzügen stehen und die Autos besprühen, die durchfahren wollen. Zudem töteten staatliche Veterinärteams bis zum Ende der ersten Maiwoche knapp 28 000 Tiere.Auch Parellis’ Herde wurde vor drei Wochen auf das Virus getestet. Doch sie weiss noch immer nicht offiziell, ob ihre Tiere gesund sind. Vorsichtig setzt die 58-jährige Schäferin das Lamm auf den Boden. Es ist Sonntag, neun Uhr morgens. Eigentlich treibt Parellis um diese Zeit ihre Schafe aus dem Stall, über die Strasse und auf die umliegenden Felder, die sich in sanften Hügeln bis zum Horizont erstrecken. Doch heute darf kein Schaf die Strasse überqueren, um auf die Felder ringsum zu kommen. Autos könnten das hochansteckende Virus über ihre Reifen forttragen und so weitere Tiere infizieren. Ihre Schafe hätten deswegen viel weniger Futter, sagt Parellis.Nicky Parellis mit einem ihrer jüngsten Schafe. Noch dürfen ihre Tiere am Leben bleiben.Vor der Seuche hätten die Tiere rund 250 Liter Milch pro Tag produziert, jetzt seien es nur noch etwa 70 Liter. «Weniger Essen, weniger Milch», sagt Parellis. Doch es spielt sowieso keine Rolle: Die Milch, die früher in Käsefabriken zu Feta und anderem Hartkäse verarbeitet und von dort in die ganze Welt exportiert wurde, kann sie jetzt nur den wenigen Käsereien abgeben, die trotz der Exportsperre geöffnet haben. «Für so wenig Geld, dass es kaum für das Futter der Tiere reicht», so Parellis.Griechenland exportiert Feta im Wert von bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr. Es ist das einzige Land in der Europäischen Union, das seinen Salzlakenkäse «Feta» nennen darf. Und selbst innerhalb Griechenlands ist die Produktion eingeschränkt: Es gibt nur sieben Regionen, die Feta herstellen dürfen. Sechs davon liegen auf dem griechischen Festland. Die siebte ist Lesbos.Die Käseproduktion gehört zu den wichtigsten Einkommensquellen der Insel: Auf Lesbos leben 84 000 Einwohner und etwa fünfmal so viele Schafe. Viehbauern, Schlachthöfe, Käsereien und Transportunternehmen sind abhängig von den Tieren. Doch seit dem Ausbruch darf weder Milch noch Käse die Insel verlassen. Nicht weil der Verzehr gefährlich wäre, denn für Menschen ist das Virus harmlos. Sondern weil es sich an Verpackungen oder Lastwagen festsetzen und so die gesamte griechische Schaf- und Ziegenhaltung bedrohen könnte.In vielen Orten auf Lesbos werden die Schafe noch von Hand gemolken.Die gesamte Herde ist wegEine halbe Autostunde von Parellis’ Hof entfernt, im Hinterland, dort, wo man zwischen den hohen Grasbüscheln nicht einmal einen Feldweg erkennen kann, parkiert die 47-jährige Daphne Manolakis ihr Auto vor einem Gatter und steigt aus. Sie hält sich die Nase zu, die Luft riecht süsslich und faulig. «Schon jetzt stinkt es so», sagt sie, «dabei wurden sie erst gestern getötet.» Manolakis deutet auf einen Hügel, auf dem ein Hund mit den Vorderpfoten in der Erde gräbt.400 Tiere waren es. Ihre gesamte Herde. Die staatlichen Tierärzte, zuständig für die Keulung, das Töten der Schafe, seien unangekündigt gekommen. Knapp einen Monat wartete Manolakis, nachdem Anfang April das Virus in ihrer Herde nachgewiesen wurde. Eigentlich wollte sie die Kadaver verbrennen lassen. Doch in dem privaten Krematorium, im Zentrum der Insel, sei kein Platz mehr gewesen.Mit zitternden Händen zieht Manolakis den Kragen ihrer Jacke höher. «Es ist gefährlich, wie die Schafe getötet werden», sagt sie. Manolakis heisst eigentlich anders. Doch weil sie über Umwelt- und Gesundheitsgefährdungen spricht, will sie ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie zeigt auf den kleinen Bach, gleich neben dem Grab, das mitten auf ihrem Hof gegraben wurde. «Das kann nicht gesund sein.»Seit Wochen kursieren Bilder in den Lokalnachrichten, die zeigen, wie sich rosa Schaum an der Oberfläche der Erde sammelt. Die Kadaver der Schafe, die in den ersten Wochen auf den Höfen hastig verscharrt wurden, quellen unter der Oberfläche auf, eine Mischung aus Blut und Verwesung dringt an die Oberfläche.Eigentlich, so erklärt es der ehemalige staatliche Tierarzt Giannis Tsakiris, müsste man ein etwa acht Meter tiefes Loch graben, Kalkpulver einschütten, dann die Tiere darauflegen, sie wieder mit Kalk bestreuen und mindestens drei Meter bis zur Oberfläche Platz lassen. Doch der Boden auf Lesbos besteht an vielen Stellen aus Vulkangestein. «Die Erde ist buchstäblich steinhart», sagt Tsakiris. Da brauchte es so etwas wie Dynamit, um so tief zu kommen. In der Folge seien viele Löcher nur wenige Meter tief.Die Schafe auf Lesbos dürfen nicht mehr auf die Strasse gehen, aus Angst, Autoreifen könnten den Virus mittragen.Griechenland hat ein 8 Millionen Euro schweres Soforthilfeprogramm für Käsereien gestartet. Dazu kommen noch etwa 70 Euro, die Bauern pro gekeultem Schaf erhalten können. Auch Zuschüsse zu Futter oder dem fehlenden Milchverkauf wurden angekündigt. Noch am gleichen Tag füllt Manolakis die Dokumente für die Kompensation aus, obwohl sie daran zweifelt, dass die Entschädigung rasch kommt. Wie viele andere Bauern auch, traut sie der Regierung nicht. «Und selbst wenn das Geld ankommt, reicht es nicht, unsere Existenz zu sichern», sagt sie.Manolakis will in Zukunft keine Schafe mehr halten. Was die Zukunft bringt, das weiss sie nicht. Gestern, als sie auf ihren Hof zurückkam, da habe sie ihren Mann weinen sehen. Sie nahm ihn mit an die Küste, weit weg von dem Schlamm auf ihrem Hof, in dem auch heute noch die Hufspuren ihrer Herde zu sehen sind. «So etwas kann man kein zweites Mal ertragen.»Töten statt ImpfenNicky Parellis stellt ihre Gummistiefel vor einem kleinen Container ab, den sie neben dem Schafstall für die kalten Wintertage aufgestellt hat, setzt sich an den Küchentisch und zündet sich eine Zigarette an. Sie sagt, dass das Warten auf die Ergebnisse die Tage ineinanderfliessen lässt. Sie könne kaum mehr schlafen, und auch das Essen schmecke ihr nicht mehr. Bis jetzt lebe sie von ihren Ersparnissen, doch wie lange diese reichen, das weiss sie nicht.Mitte April fuhr sie mit anderen Bauern in die Hafenstadt Mytilini. Sie schütteten Milch ins Hafenbecken und blockierten die Einfahrt von Fracht-Lkw, die Käse und Fleisch brachten. Waren, die sonst von der Insel selbst stammen. Supermarktregale blieben leer, in den Tavernen gingen die Vorräte aus. Die Bauern verlangten höhere Entschädigungen und Impfungen gegen die Seuche. Doch das Landwirtschaftsministerium in Athen lehnte die Impfungen bisher ab.Die Begründung: Mit Impfungen könne man die Seuche nicht besiegen, da die Tiere – trotz Impfung – die Krankheit weitertragen können. Ausserdem könne Griechenland sein EU-Gütesiegel «seuchenfrei ohne Impfung» verlieren, was Voraussetzung für den Export in viele Drittländer ist, darunter die USA, Grossbritannien und den Nahen Osten. Stattdessen werden ganze Herden getötet.Ein Schafbauer auf Lesbos. Bisher mussten etwa 28 000 Tiere gekeult werden.Was es bedeute, falls Parellis’ Herde erkrankt sei, will sie sich gar nicht vorstellen. Die Herde sei «ihr Leben», sagt Parellis. Rund zwanzig Jahre ist es her, dass sie die Herde ihres Mannes nach seinem Tod übernahm. In ihrem Leben habe sie viel durchgemacht, doch dies sei eine der schwersten Krisen, die sie je erlebt habe. «Was hilft uns ein Zertifikat, wenn all unsere Tiere tot sind?»Zum ersten Mal konnte vergangene Woche wieder Käse unter strikten Massnahmen auf das Festland gebracht werden. Doch für viele Bauern ist es bereits zu spät. Wenige Tage nach den ersten Exporten veröffentlichten Lokalnachrichten Drohnenbilder eines Massengrabs im Nordwesten der Insel. 4500 Schafe wurden auf einmal begraben.Wenige Tage nach unserem Besuch erhält Nicky Parellis endlich Ergebnisse aus Athen: Ihre Tiere sind vorerst offiziell gesund.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel