PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftTischkulturBesteck aus Edelmetall – Verscherbeln Sie nicht Ihr Tafelsilber!Von Jochen OverbeckVeröffentlicht am 24.12.2025Lesedauer: 8 MinutenSanfter Glanz: Das Besteck Pott 35 aus dem Jahr 1979 in SterlingsilberQuelle: Conrad BauerSilberbesteck ist in vielen Haushalten vertreten, doch ruht meist in irgendeiner Schublade. Eine deutsche Manufaktur setzt jetzt auf sein Comeback – und auch bei anderen Firmen lohnt sich ein genauerer Blick.Beinahe hatte man vergessen, wie schön sich Silberbesteck anfühlt. Angenehm liegt es in der Hand, wärmer als Edelstahl. Das Messer hat Gewicht, und die Gabel? Ach, man möchte sofort alles aufspießen, was sich in Reichweite befindet.Seit Jahren umgibt Silberbesteck der Ruch des Altmodischen. Zwar ist es in vielen Haushalten vertreten, doch ist sein angestammtes Habitat meist irgendeine Schublade. Da schläft es dann, bequem gebettet auf dunkelgrünem oder burgunderfarbenem Filz, und wartet auf den ersten Weihnachtsfeiertag, Ostern oder ein besonderes Familienfest.Kann man dieses Klischee durchbrechen? Ja, sagt man bei Pott. Ein Abend im Berliner Restaurant „Pars“. Sieben verschiedene Silberbestecke der Traditionsfirma liegen auf den Tischen, bereit für ihren Einsatz. Denn diese sieben Modelle gibt es jetzt serienmäßig in 925-Sterling-Silber. Bisher verkaufte die für hochwertiges Edelstahlbesteck bekannte Firma silberne Besteckteile in erster Linie im Rahmen der Nachkaufgarantie: Wer sein altes Pott-Besteck ergänzen wollte, bekam auf Anfrage das, was er benötigte. „Wenn Sie zum Beispiel von einem selten bestellten Modell eine Bratengabel wollen, werden Sie diese bekommen – sie wird eigens für Sie produziert“, erklärt Geschäftsführer Johannes Seibel.Die Geschichte von Pott-Silberbesteck ist eng mit jener der jungen Bundesrepublik verknüpft: 1948 entwarf der Architekt und Gestalter Hermann Gretsch Pott 81, das erste Silberbesteck der Marke, erst 40 Jahre später wurde es auch in Edelstahl hergestellt. Es zeigte sich formal zurückhaltend, ohne Ornament – und war damit radikal modern für eine Zeit, in der die Modelle der Konkurrenz häufig noch groß, schwer und im klassischen Faden- oder Spatenmuster mit den typischen breiteren Griffenden daherkam. Ein Jahr später folgte die Anfrage aus Bonn: Der Amtssitz des Bundespräsidenten, die Villa Hammerschmidt, sollte mit Pott 81 ausgestattet werden, inklusive graviertem Bundesadler. Es blieb nicht bei diesem einen repräsentativen Auftrag: Zu Zeiten Ludwig Erhards wurden neben dem Kanzleramt auch nahezu alle deutschen Botschaften mit Pott ausgestattet. Das vielfach ausgezeichnete Besteck war aus dem Bauhaus, dem Werkbund und der Idee industrieller Moderne heraus abgeleitet und nahm damit den wichtigsten Punkt in der Tradition der Firma auf: Carl Pott hatte in den 30er-Jahren den 1904 gegründeten Veredlerbetrieb übernommen. Er war Modernist durch und durch, zeichnete für viele Entwürfe selbst verantwortlich, verpflichtete aber in den Wirtschaftswunderjahren auch große Gestalter wie Wilhelm Wagenfeld oder Josef Hoffmann.Pott ist heute Teil des Mettmanner Besteckunternehmens Mono. Auch dieses folgt einer Formensprache, die in der deutschen Nachkriegsgestaltung verwurzelt ist. Johannes Seibel sieht zudem eine Marktlücke: „Reduziertes, zeitloses Design aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, funktional und in Sterling. Das kombiniert kaum jemand. Vielleicht gibt es vereinzelt ein modernes Modell, aber niemand macht das in dieser Konsequenz.“ Von Vorteil ist dabei, dass bei Pott keine großen Investitionen nötig sind. Silber läuft auf denselben Produktionsmaschinen wie das Edelstahlbesteck. Ein wenig mehr Zuwendung benötigt es aber doch, vor allem wenn es an die Schlussbehandlung geht: „Gerade reduzierte Formen sind im Finish deutlich anspruchsvoller als solche mit Ornamenten, weil Fehler einfach viel schneller auffallen würden. Jede Fläche und jede Kante benötigt also mehr Aufmerksamkeit. Das macht die Einfachheit zur Herausforderung.“Erhältlich sind die Bestecke jeweils in mattiert und in poliert. Die mattierten Modelle folgen der Zurückhaltung bundesdeutschen Designs. Doch auch der Glanz hat seinen Reiz. Dieser zeigt sich vor allem dann, wenn es skulpturaler wird, etwa beim recht massiven Pott 35 aus dem Jahr 1979 oder bei Ljubisa Misics versöhnlich auf die Postmoderne blickenden Pott 40. Diesen Entwurf aus dem Jahr 1990 gibt es übrigens ausschließlich in Silber: Aus Edelstahl ließe sich die Form mit den runden Griffen schlichtweg nicht produzieren.Lesen Sie auchNun bleibt da ein Problem: Silber wurde in den vergangenen Jahren immer teurer, im Verlauf von 2025 stieg der Preis erstmals über die Marke von 60 US-Dollar je Unze. Gegenüber dem Jahresanfang entspricht das mehr als einer Verdoppelung. Bei Pott beginnt das günstigste Besteckset aus vier Teilen (Tafelgabel, -messer, -löffel und Kaffeelöffel) bei 1430 Euro. Zum Vergleich: in Edelstahl bei etwa 200 Euro. Das Kerngeschäft sieht Seibel vielleicht auch deshalb dort: „Wir sind nicht materialromantisch“, sagt er. „Edelstahl bleibt wichtig – aber wir wünschen uns, dass Sterlingsilber neue Freunde findet und die Geschichte weitergetragen wird.“Silbermarkt ist eine NischeEin Anruf in Flensburg. Robbe & Berking stellt seit mehr als 150 Jahren Silberbesteck her. Auch wenn das Unternehmen in Auftritt wie Kollektion traditioneller wirkt als Pott, ist eines seiner interessantesten Bestecke ebenfalls eng mit der Wirtschaftswunderzeit verknüpft. Es trägt den Namen Metropolitan: „Dieses Muster ist ein Entwurf meines Vaters Robert“, sagt Geschäftsführer Oliver Berking. Der Entwurf, der der Pott-Sachlichkeit eine fließende Grazilität entgegensetzt, wurde 2024 ebenfalls neu aufgelegt. „Für uns ist Zeitlosigkeit wichtig“, sagt Berking. „Wir haben aber trotzdem das Gefühl, dass dieses Besteck wieder im Trend liegt.“ Auf eines legt er indes Wert: Der Silbermarkt ist eine Nische.Und diese Nische wird eher enger, wurde doch der gesamte Tisch-und-Tafel-Bereich in den letzten Dekaden empfindlich gerupft. Nicht nur verzichten heute die meisten auf besonderen Zwecken zugeschriebene Bestecke wie Bratengabel, Fischmesser, Kompottlöffel und Spargelheber, die auch bei Robbe & Berking zur Kollektion gehören. Auch die klassischen Serviceteile werden seltener nachgefragt: „Früher war die Weihnachtszeit die, auf die es ankam. Da kauften die Leute Silberbesteck. In den letzten acht Wochen entschied sich, ob es ein gutes Jahr war“, sagt Berking. Doch derlei Privatkäufe hätten nachgelassen, wichtiger sei dieser Tage das Objektgeschäft, also die Ausstattung von Hotels, Restaurants oder Kreuzfahrtschiffen.In Sachen Design aus dem 20. Jahrhundert lohnt auch ein Blick ins europäische Ausland, hin zu Meistern wie dem Finnen Tapio Wirkkala (für Hämeenlinna) oder dem Schweden Henning Koppel (für Georg Jensen). Gio Ponti, der wichtigste Gestalter Italiens, entwarf unter anderem 1958 eine atemberaubende Kollektion für Reed & Barton, die nur noch auf dem Sekundärmarkt erhältlich und entsprechend teuer ist. Der Postmodernismus der 1980er- und 90er-Jahre zeichnete ebenfalls für einige interessante Modelle verantwortlich, allen voran die an der Memphis-Bewegung geschulten Entwürfe Mardi Joe Cohens.Lesen Sie auchNun sind Mid-Century und Memphis zwar immer noch (oder schon wieder, hier divergieren die Meinungen) angesagt – aber zeitgenössische Designströmungen sind sie nicht mehr. Es gibt jedoch auch heute Gestalter, die dem Material eine erstaunliche Gegenwärtigkeit verleihen. Da ist zum Beispiel Leo Costelloe. Bei Costelloe wird das Metall zu fragilen, bisweilen eigenartig lebendig wirkenden Formen, die an der Schnittstelle zwischen Design und Kunst sitzen. Die Löffel und Gabeln wirken wie lose verknotete Bänder, und doch bleibt ihr Zweck erkennbar. „In meinen Stücken steckt viel von meiner Jugend im ländlichen Australien. Dieses etwas Unheimliche in ihnen kommt daher.“ Costelloe wuchs zunächst auf dem Land und dann in den Suburbs auf. „Es ist nicht so, dass unsere Familie arm war. Aber so etwas wie Silber gab es bei uns nicht. Das habe ich erst kennengelernt, als ich nach Großbritannien zog.“Silber kann man einfacher zum Leben erweckenVier Jahre lang war Costelloe als Assistent eines Floristen beschäftigt, es folgte ein Studium am Central Saint Martins College Of Art. „Erst mit 25 habe ich angefangen, mich mit Silber zu beschäftigen. Ich denke, dass ich viel von dem, was ich mit Blumen gemacht habe, einfach in die Arbeit mit dem Material übersetzt habe. Damals war Silber auch noch nicht so teuer, sodass man viel mehr experimentieren konnte. Es war ein sehr offener Prozess.“ Costelloe liebt an dem Material vor allem die Vielseitigkeit: „Man fängt ja meistens mit Messing oder Kupfer an. Das ist finanziell nicht so riskant. Damit tat ich mich aber schwer. Silber ist weicher, man kann es viel einfacher zum Leben erwecken. Man kann Dinge wieder verwerfen, vor allem wenn man mit der Hand arbeitet. Das hat mir gefallen.“Die Preise für Costelloes Arbeiten beginnen bei etwa 380 Euro. Dafür bekommt man dann einen Teelöffel. Viele Kunden würden aber durchaus ganze Bestecksets bestellen: „Wir reden hier über sehr wohlhabende Leute. Manche haben bei mir für Events oder Hochzeiten eingekauft, sie wollen einfach etwas Besonders haben.“ Andere würden die Stücke indes nur über ihren ästhetischen Wert begreifen. „Ich mache ja auch Kunst und finde es deshalb lustig, wenn ein Löffel oder eine Gabel gerahmt und aufgehängt wird. Schließlich dienen sie eigentlich einem konkreten Zweck.“ Die Vorstellung, wie jemand mit einem dieser wundersam verschlungenen Löffel etwa eine Erbsensuppe verzehrt, ist in der Tat schöner: In einer Zeit, in der die Welt in Flammen steht, möchte man doch wenigstens von einem schönen Löffel essen.Fünf Pflegetipps:Im Alltag nutzen: „In den Händen halten, spülen, abtrocknen – das ist eine konstante Mikropolitur“, sagt Johannes Seibel. Sanfte Pflege: Kurz unter Verwendung eines milden Mittels abspülen, sanft antrocknen – so bleibt der Glanz erhalten. Feuchtigkeit fördert hingegen Anlaufen.Lieber nicht in die Spülmaschine: Hitze, Salz, Chloride und aggressive Tabs stressen das Material und fördern dunkle Flecken.Gut betten: Am besten in weichen Stoffhüllen oder Schubladen mit Filzeinlage aufbewahren.Schonend polieren: Das Silber ist trotzdem angelaufen? Anlaufflecken mit Silberpoliertuch oder mildem Silbermittel entfernen; Hausmittel wie Alufolie-Salz-Bäder lieber meiden.