PfadnavigationHomeICONISTModeGucci unter DemnaZurück zum HumorVeröffentlicht am 25.09.2025Lesedauer: 3 MinutenGucci: La FamigliaQuelle: GucciDie italienische Luxusmarke Gucci kämpft seit Jahren mit sinkenden Umsätzen und schwindender Relevanz. Nun hat ihr neuer Kreativdirektor Demna seine ersten Entwürfe vorgestellt. Und die zeigen: Man muss Mode nicht neu erfinden. Was macht er anders?Die Beinpressmaschinen in italienischen Fitnessclubs werden in den kommenden Monaten heiß umkämpft sein, denn dem großen Gesäßmuskel (Gluteus Maximus) steht ein ebenso großer Auftritt bevor. Am 22. September gab Gucci das erste ernst zu nehmende Lebenszeichen seit Langem von sich.Einige Tage vor Beginn der Fashion Week in Mailand veröffentlichte das Haus die ersten Looks, die der neue Kreativdirektor Demna verantwortet – die noch dazu in ausgesuchten Boutiquen direkt zu kaufen sind. Unter dem Titel „La Famiglia“ hat die Künstlerin Catherine Opie Prototypen des Gaga-Hedonismus präsentiert, für den die Marke in ihren erfolgreichen Tagen stand.Lesen Sie auchDa gibt es den Rubacuori (Herzensbrecher) in einem lässig geschnittenen Smoking mit überlangen Beinen, das It-Girl in einem halbtransparenten Logo-Kleid mit Marabufedern, die das Dekolleté und die Füße umspielen, La Principessa in einem hochgeschlossenen, fließenden rosa Kleid und der Bastardo in einer knappen Badehose, die an der Seite geschnürt wird. Und was wäre italienischer, also gucciesker, als diese Badehosen, mit denen Männer jeder Körperform im kniehohen Mittelmeer stehen? Der kecke Knoten ist ein Wink an die Antike und einen Entwurf von Tom Ford, aber auch an Demnas Handtuch-Kleid bei Balenciaga (Stichwort: ironische Adelung des Banalen). Vor allem aber sind seine Familienporträts ein Hinweis, dass er seinen Humor wiedergefunden hat. Das ist keine kleine Leistung, denn am Erfolg von Gucci wird sich das Schicksal des von schlechten Zahlen geplagten Mutterkonzerns Kering entscheiden. Seine erstaunlich geschmeidige Strategie: ein Remix aus seinem eigenen disruptiv-expressiven Stil, dem Gucci-90s-Glamour und der gestörten Romantik von Alessandro Michele.Die „La Famiglia“-Bilder werden in seltsamen Rahmen präsentiert, wie in einem Palazzo, in dem die Bewohner hoch verschuldet sind und die Kunstwerke zur Hälfte gefälscht. Was hier passiert, ist genau das, wovon Mode- und Medienwelt ständig sprechen: Storytelling. Noch dazu eine Story, die wie aus dem Ärmel geschüttelt wirkt. Und doch einen soziologischen Punkt macht. Während unserer Gesellschaft oft eine Überindividualisierung attestiert wird, sagt Demna: Wir handeln mit Klischees und Stereotypen. Das kann man leugnen – oder seinen Spaß damit haben.Am nächsten Tag folgte die Premiere des dreißigminütigen Filmes „The Tiger“ von Spike Jonze und Halina Reijn mit Demi Moore, Edward Norton, Elliot Page und Ed Harris. Es geht um die Geburtstagsparty der Gucci-Erbin, die mittlerweile den Bundesstaat Kalifornien gekauft hat. Und um neue psychoaktive Tropfen, Außerirdische und irgendwie auch um Mode. Und in diesem elegant-sinnfreien Kammerspiel versteckt Demna eine Botschaft, wie er mit seiner gewaltigen Verantwortung als Imperienretter umzudenken gedenkt: Wie ein Mensch, der sich in einem Raum mit einem Tiger befindet: Er lässt sich auffressen – und wird so Teil des Tigers. Aber vielleicht ist der Film einfach auch nur ein teurer Spaß. Die glasklare Uneindeutigkeit war schon immer Teil von Demnas Spiel. Nach einer Folge der Disney-Plus-Serie „Call My Agent Berlin“ habe ich noch einmal das französische Original auf Netflix angeschaut. Da wird mit archaischen Stereotypen gearbeitet: die Assistentin, die ihren unattraktiven und viel älteren Chef anhimmelt. Oder der feige, durchtriebene und frustrierte Schwule. Aber die Diven sind absolut sehenswert: die arbeitssüchtige Isabelle Huppert, die erratische Beatrice Dalle, die sexwütige Monica Bellucci, die für ihren Agenten zu kochen verspricht, aber nicht mal Teewasser erhitzen kann. In dieser Serie perlen Champagner und Selbstironie, weil die Protagonistinnen gemeine und doch liebenswerte Karikaturen ihrer selbst spielen.Sich selbst nicht zu ernst zu nehmen und gerade deswegen den großen Auftritt hinzukriegen, ist eine Kunst, die es wiederzubeleben gilt. Wer in den nächsten Monaten nicht als Miss Aperitivo zur Party kommt, dem ist wirklich nicht zu helfen.