PfadnavigationHomeICONISTTrendsInnovative WerkstoffeMagic Mushrooms – eine neue Pilz-Kultur erobert die DesignweltVeröffentlicht am 29.08.2025Lesedauer: 6 MinutenIhre Schale besteht aus Myzel-Hanf-Komposit – Debütkollektion von AifunghiQuelle: Aifunghi/Robin NoordamDer erste große Hype um Myzel-Materialien, die Leder und Kunststoffe ersetzen sollten, verpuffte. Doch inzwischen gibt es neue Anwendungsmöglichkeiten für Werkstoffe, die aus dem Wurzelgeflecht von Pilzen bestehen.Es sieht aus wie naturfarbenes Rindsleder, das in den 1980er-Jahren so beliebt für Taschen und Schulranzen war, vielleicht etwas matter und gelblicher. Ein bisschen ähnelt es auch dickem Papier. Doch bei dem Stoff, aus dem die Tasche, die Leuchten und der Paravent gefertigt sind, die im Juni während des Designfestivals „3 Days of Design“ in Kopenhagen in einer kleinen Galerie ausgestellt sind, handelt es sich weder um Leder noch um Papier – sondern um ein Myzel-Material. Aus dem Wurzelgeflecht von Pilzen besteht es. Sein Hersteller, das amerikanische Unternehmen MycoWorks, hat es „Reishi“ genannt. Schon einmal galten solche schnell nachwachsenden Materialien als der letzte Schrei in Sachen nachhaltiger Werkstoff-Innovation – eine Alternative zu tierischen Produkten und zu Kunststoffen –, auch in der Luxusindustrie. Genauso schnell wurde es wieder ruhig um die Lederalternativen. Das hatte mit Qualität, Verfügbarkeit und Kosten zu tun. Doch jetzt zeigen einige kleinere, feinere Projekte, wie auch in Kopenhagen zu sehen, einen Weg auf: So kann das nachhaltige Material innovativ eingesetzt werden, es ist nach dem ersten – und folgenlosen – Hype keinesfalls aufgegeben. Was aber machen die aktuellen Entwickler, die nun eine Myzel-Kultur der neuen Generation entwerfen, anders? Und wie geht man überhaupt mit dem Werkstoff um? 2021 war das Jahr der hoffnungsfrohen Ankündigungen in Sachen Myzel-basierte Lederalternativen. Unter großem Medienecho hatte das französische Luxushaus Hermès im März jenes Jahres eine Version seiner Victoria-Tasche mit Seitenteilen aus dem Myzel-Material „Sylvania“ vorgestellt. Sylvania war eine gemeinsame Entwicklung mit den Myzel-Pionieren von MycoWorks – ein „Fine Mycelium“ wie Reishi. Die Tasche schaffte es allerdings nie in den Verkauf. Bei Hermès äußert man sich auch auf Nachfrage nicht zu den Gründen sowie zum Stand der Kooperation: „Aktuell liegen uns dazu keine Informationen vor“, lässt die PR-Abteilung verlauten. Und auch MycoWorks antwortet nur blumig-neblig. So sind die einzigen Produkte mit Pilz-Bezug im Hermès-Sortiment derzeit drei Briefbeschwerer und ein Handtaschenanhänger in Pilzgestalt. Aus Leder.Lesen Sie auchAuch andere bekannte Marken präsentierten im selben Jahr Produkte aus einem ganz ähnlichen Material: Mylo hieß es, ein Myzel-Leder des ebenfalls US-amerikanischen Biotech-Unternehmens Bolt Threads, mit dem auch der Luxuskonzern Kering (Gucci, Saint Laurent) kooperierte. Adidas stellte im April 2021 eine Version des Turnschuh-Klassikers Stan Smith aus Mylo vor. Es blieb beim Konzept.Stella McCartney lancierte im Oktober 2021 in Paris „die allererste aus Mylo gefertigte Luxushandtasche“: die Frayme, eine halbrunde schwarze Umhängetasche, die ab Ende Mai 2022 vorbestellt werden konnte. Auf der Website ist die Tasche (Preis: 1995 Euro) nach wie vor aufgeführt – jedoch mit dem Vermerk „nicht vorrätig“.Mylo-Hersteller Bolt Threads hat die Weiterentwicklung und Produktion seines Myzel-Leders Mitte 2023 eingestellt. Man lege den strategischen Fokus inzwischen auf innovative biotech-getriebene Inhaltsstoffe für die Beautyindustrie. Wettbewerber MycoWorks hingegen, 2013 vom Künstler Phil Ross und zwei Partnern gegründet, hat 2023 eine große Fabrik in South Carolina eröffnet, wo die „Häute“ gezüchtet werden. Mit einer Niederlassung in Paris sucht man die Nähe zur europäischen Mode- und Luxusindustrie. Reishi ist nicht billig: Ein Blatt im Format 60 x 90 Zentimeter kostet 278 Euro.Erst experimentiert, dann geklebt statt genähtDie dänische Designerin Cecilie Manz, die für das Reishi-Projekt in Kopenhagen eine Tasche entworfen hat, ist zwar überzeugt, dass Potenzial in dem Material steckt, hinsichtlich der Verarbeitung sei es aber nötig, Hersteller, die bereit seien, Produkte aus Myzel zu fertigen, in den weiteren Entwicklungsprozess einzubinden. Manz, die Möbel, Leuchten und andere Dinge für Unternehmen wie Fritz Hansen, Bang & Olufsen oder Vibia gestaltet, sagt: „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es eben kein Leder ist.“ Nach verschiedenen Experimenten entschied sie sich für eine einfache Eimer-Form und dafür, die Tasche zu kleben sowie den Boden mit einer Holzplatte zu verstärken. Nur die Henkel sind mit zwei Stichen befestigt.Ein Unternehmen, das bereits mit MycoWorks zusammenarbeitet, ist der französische Möbelhersteller Ligne Roset. Nachdem Ende 2022 schon mal ein Kissen aus Reishi angekündigt war, das aber dann doch nicht in die Kollektion aufgenommen wurde, kann das Myzel-Material jetzt als Bezug für die Seitenpaneele des „Kobold“-Sofas von Erwan Bouroullec gewählt werden. Christophe Suchet, Leiter der Entwicklungsabteilung von Ligne Roset beschreibt die Herausforderungen des Myzel-Leders so: „Dieses Material lässt sich weder wie Leder noch wie Stoff verarbeiten. Anfangs haben wir versucht, einige Nähte zu machen, aber das Material riss. Aufgrund unseres Feedbacks hat es der Hersteller weiterentwickelt.“ Heute könne man aus dem Material Paneele wie beim Kobold-Sofa oder Paravents herstellen. Aber das Ziel sei es, seine Festigkeit und Flexibilität so zu optimieren, dass man es für eine Sitzfläche verarbeiten könne, so Suchet. Eine ganz andere Einsatzmöglichkeit für Magic Mushrooms präsentiert das niederländische Luxusmöbellabel Aifunghi (Italienisch für „mit Pilzen“), das beim Designfestival in Kopenhagen seine Premiere feierte: einen gepolsterten Esszimmerstuhl, dessen Kern, also Schale und kegelförmiger Fuß, aus einem Myzel-Hanf-Komposit besteht. „Vier bis fünf Tage dauert es, bis der Stuhl in der Form gewachsen ist“, erklärt Aifunghi-Mitgründer Bart Schilder. Myzel-Hanf-Komposit als Ersatz für KunststoffDas Komposit – Grundstoff sind mit Myzel geimpfte Hanffasern aus dem holzigen Stängel – ersetzt hier Kunststoff, der für solche Möbelteile normalerweise verwendet wird. Der noch etwas schwammige Rohling wird anschließend getrocknet und dann auf 80 Grad erhitzt. „Wir killen den Stuhl, sonst wächst er weiter“, sagt Schilder lachend. Er ist von dem Werkstoff und seinen Möglichkeiten fasziniert: Das Material sei mit nichts anderem vergleichbar, unvorstellbare Formen möglich. „Man kann auch verschiedene Teile während des Prozesses zusammenwachsen lassen.“ Als erstes Möbel entschied sich die junge Firma bewusst für einen Esszimmerstuhl und eine mehrheitsfähige Gestaltung, schlicht und skulptural. „Wir wollten nichts Befremdendes.“ Andere Teile der Kollektion sind expressiver, zitieren Pilz-Formen, auch in ihren Namen.Bei Polsterung und Bezug setzt das von ehemaligen Mitarbeitern des niederländischen Designmöbellabels Moooi gegründete Unternehmen ebenfalls konsequent auf nachhaltige Materialien: Das Polster besteht aus einem algenbasierten Schaum und Wolle, der Bezugsstoff ebenfalls aus reiner Wolle. Selbst beim Nähgarn verzichtet man auf Kunststofffasern, Reißverschlüsse gibt es auch keine und das kleine „Aifunghi“-Schildchen besteht aus dem Pilzleder Reishi. Am Ende seines Lebens kann der „Banet“-Stuhl also kompostiert werden. Trotzdem hat er alle Tests für den Einsatz im Objektbereich, also Büros, Hotels etc., bestanden und ist dementsprechend zertifiziert. Mit einem Preis von 1715 Euro bewegt der Banet sich im selben Bereich wie vergleichbare Stühle italienischer Premiummarken. Aktuell können bis zu 700 Exemplare im Jahr produziert werden. Erste Kunden gibt es bereits.Annemarie Ballschmiter ist Stil-Redakteurin in Berlin. Sie berichtet über Design, Möbel und Trends.