Es war ein Beitrag in einem Cyber-Magazin, aber Autor und Inhalt sind ein politisches Ausrufezeichen: Chinas Geheimdienst hält Künstliche Intelligenz für regimebedrohend und zentral für die künftige internationale Machtverteilung. Zwar soll KI auch der eigenen Wirtschaft einen Schub geben. Für die vom Sicherheitsapparat dominierte Führung in Peking aber ist KI vor allem der zentrale „neue Schauplatz der strategischen Rivalität zwischen den Großmächten“. Das schreibt Chinas Geheimdienstchef Chen Yixin in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme zur KI, die am Sonntagabend veröffentlicht wurde.Chen tritt zunehmend öffentlich auf, was als wachsende politische Stellung neben Staatschef Xi Jinping gewertet wird. Er warnt, der missbräuchliche Einsatz von KI durch „feindselige Kräfte und Personen mit Hintergedanken“ würde zur Verbreitung generativer KI-Technologien wie Deepfake-Bildern oder KI-generierten Texten führen. Dies würde „Chinas politische Sicherheit, institutionelle Sicherheit und ideologische Sicherheit direkt bedrohen“.Chen warnt vor US-ModellenBeobachter in Peking sehen in Chens Beitrag den sichtbaren Beginn einer stärkeren Versicherheitlichung der chinesischen KI-Politik, die sich bislang vornehmlich auf technologische Eigenständigkeit und Industriepolitik bezogen hatte. Vergangenes Jahr hatte Xi die Parole ausgegeben, China müsse sich „eine Vormachtstellung im Bereich der KI sichern“. Gleichzeitig richtet sich der Blick auf den Staatsbesuch Xis in Washington, bei dem das Thema KI auf der Agenda stehen soll.So verwies Chinas Geheimdienstchef jetzt ausdrücklich auf die wachsenden Fähigkeiten der US-Programme Claude Mythos von Anthropic und GPT-5.5 von Open AI, welche die technische Hürde für Cyberangriffe erheblich gesenkt hätten. Gleichzeitig warnte er vor eigenen Datenlecks. Mithilfe KI-gestützter Internet-Crawler könnten ausländische Kräfte leichter Daten aus China abschöpfen, zumal es in dem Land mittlerweile mehr als 500 Millionen Nutzer von KI-Produkten gebe.Peking verlangt keine Drosselung der eigenen KI-FähigkeitenDass Chens persönliche Wortmeldung zwei Tage nach der Warnung von Führungskräften der wichtigsten amerikanischen KI-Firmen veröffentlicht wurde, muss nicht in einem direkten Zusammenhang stehen. Die Chefs von Anthropic und Open AI hatten gefordert, die Entwicklung von KI-Spitzenmodellen zum Schutz der Menschheit zu verlangsamen. Darauf ging Chinas Geheimdienstchef in seinem Beitrag nicht ein. Auch forderte er chinesische KI-Unternehmen oder andere Stellen nicht dazu auf, die eigene KI-Entwicklung zu verlangsamen.Auf offizieller Ebene will man bislang offenbar weder in Washington noch in Peking etwas von einer Drosselung der KI-Kapazitäten wissen. „Aus meiner Perspektive als Chinese will (Anthropic-Chef) Amodei mehr als nur das halsbrecherische Fortschrittstempo der KI-Entwicklung um der Sicherheit willen anpassen“, schrieb Hu Xijin, der ehemalige Chefredakteur der chinesischen Parteizeitung „Global Times“, auf X. „Er will auch sicherstellen, dass er und US-Unternehmen das Tempo des Fortschritts an der KI-Grenze bestimmen.“ Was der staatsnahe Blogger am Sonntag an die internationale Öffentlichkeit brachte, wird von der politischen Führung und von chinesischen Denkfabriken seit Längerem verbreitet. Die „Global Times“ ergänzte am Montag, Amodeis Beweggründe seien „kommerzieller Natur“.Chinas asymmetrische KI-StrategieSchon die mit dem chinesischen Geheimdienst verbundene Denkfabrik CICIR hatte den amerikanischen „AI Action Plan“ von 2025 als Versuch bezeichnet, ein weltweites Ökosystem für Künstliche Intelligenz unter amerikanischer Führung aufzubauen: Amerikanische Chips, die Cloud, Rechenzentren, Standards und Sicherheitsregeln sollten miteinander verbunden und international verbreitet werden. Geheimdienstchef Chen warnte nun, „bestimmte Länder“ würden ihre Vorteile in Bereichen der KI-Grundlagenforschung, der Modellarchitektur und der Rechenleistung nutzen, um „andere Länder“ davon abzuschneiden und Industriestandards zu „monopolisieren“.Einerseits erkennt Chinas Staatsführung die amerikanische technologische Führung im Spitzenbereich der Künstlichen Intelligenz damit an. Die US-Firma Anthropic warf Chinas wohl bestem KI-Unternehmen Moonshot AI vergangene Woche vor, heimlich Tausende von Nutzeranfragen an die Claude-Modelle von Anthropic weitergeleitet und die Antworten als eigene ausgegeben zu haben.Zudem hätten Akteure in China, aber auch im Jemen und Russland das Claude-Programm genutzt, um Software für die Entwicklung von Waffen zu nutzen oder um massenhaft Informationen über Abweichler oder religiöse Minderheiten zu beschaffen. Geheimdienstchef Chen warnte nun vor dem Risiko, dass chinesische Personen oder Unternehmen durch die Nutzung ausländischer KI-Programme „sensible Informationen“ preisgeben.Chinesische Entwicklungen vorantreiben: Ein Modell des 512 Pod des chinesischen Start-ups Dongfang Suanxin auf der World AI Conference am 16.7.26 in ShanghaiBloombergPeking setzt dagegen auf eine asymmetrische Strategie und „Offenheit“. Auf dem KI-Gipfel in Shanghai (WAIC) hatte Xi Jinping im Juli für einen Open-Source-Ansatz bei Künstlicher Intelligenz geworben. Weltweit mögen Entwickler Chinas KI-Modelle kostenlos herunterladen und nutzen. Das soll im Wettbewerb um die eigenen Ökosysteme auch verhindern, dass sich Länder und Regionen dauerhaft für amerikanische Modelle und Standards entscheiden. Gleichwohl müsse KI „stets unter menschlicher Kontrolle bleiben“.Auf der WAIC-Konferenz unterzeichneten 29 Staaten ein Abkommen zur Gründung der World AI Cooperation Organisation (WAICO), darunter neben afrikanischen und zentralasiatischen Staaten auch Brasilien, Serbien und Indonesien. Ob dieses Forum Wirkungsmacht entfaltet, bleibt fraglich. Ein Beobachter vor Ort sprach von „politischem Theater“. Dass an der Veranstaltung aber auch Nobelpreisträger und Spitzeninformatiker teilnahmen, spricht für die fachliche Qualität der inhaltlichen Erörterungen.Und die politische Stoßrichtung scheint klar, wie es in einer kürzlichen Analyse der KI-Forscherin Li Yan von der Denkfabrik CICIR heißt: „Nur wenn wir inklusivere und anpassungsfähigere Modelle für die Verbreitung von Technologie und Governance-Lösungen anbieten, können wir im Wettbewerb dauerhaften Einfluss gewinnen.“ Dagegen würden „die USA gezielt Vorwürfe der Patentverletzung erheben, um ihre KI-Hegemonie zu schützen“, so Li an anderer Stelle. Denn Amerika sei „getrieben von extremer strategischer Angst“.Sorgen im Zusammenhang mit KI mehren sich indes auf beiden Seiten. Und so bereiten China und die USA ihren ersten bilateralen Dialog auf Regierungsebene zur Künstlichen Intelligenz seit zwei Jahren vor. Kommende Woche soll Xi nach Washington reisen. In den Tagen davor könnte es zu einem vorbereitenden Treffen zur KI-Sicherheit kommen. Im November 2024 hatten der scheidende US-Präsident Joe Biden und Xi vereinbart, dass Menschen und nicht Künstliche Intelligenz über den Einsatz von Atomwaffen entscheiden sollte. Ein bindendes Abkommen wurde daraus aber nicht.Nun wurde sowohl in Amerika als auch China beobachtet, dass KI-Modelle aus ihrer geschützten Testumgebung ausgebrochen waren und selbständig Schaden angerichtet haben. Dass ein solches Modell in die Hände von Terroristen oder Schurkenstaaten gelangen oder einfach unkontrolliert agieren könnte, ist eine in beiden Ländern geteilte Sorge.Uneinigkeit, worüber man eigentlich sprechen willSo gab es Ende August Vorgespräche zwischen Vertretern beider Seiten in Peking, in denen sich auch der frühere Microsoft-Manager Craig Mundie als Ko-Vorsitzender eines inoffiziellen „Track-II“-Dialogkanals zu KI-Fragen hervorgetan habe. Chinesische Vertreter warnen offen vor der von den USA erwogenen Einschränkung des Zugangs zu chinesischen Open-Source-KI-Modellen. Gleichwohl soll auch Peking erwägen, die eigenen Modelle trotz proklamierter Offenheit im Ausland einzuschränken. Auch und gerade im Bereich der KI erkennen Beobachter seit Längerem schon einen sich verschärfenden Kalten Krieg, wo beide Seiten nurmehr den eigenen Systemen vertrauen.So sollen sich beide Seiten immer noch nicht einig sein, worüber jetzt überhaupt gesprochen wird. Während Washington vor allem über KI-gesteuerte Cyberangriffe reden will, scheint Peking auch die amerikanischen Exportkontrollen mit auf den Tisch bringen zu wollen. Die Grenze zwischen echten Sicherheitsbedrohungen und „technologischem Wettbewerb“ müsse gemeinsam gezogen werden, kommentierte der staatsnahe Blog Yuyuan Tantian, den der Machtapparat häufig für indirekte Botschaften verwendet.Außenamtssprecher Guo Jiakun sagte am Montag: „Alle Beteiligten sollten gemeinsam darauf hinarbeiten, dass die KI offen, inklusiv und zum Guten gerichtet ist.“ Die Verbreitung „verschiedener Bedrohungsszenarien sowie Konfrontation und ein böswilliger Wettbewerb würden den Prozess der globalen Steuerung der KI nur stören“. Zumindest auf chinesischer Seite scheint gewiss: Hier steuert zunehmend der Sicherheitsapparat.