Nach der Parlamentswahl in Schweden ist die Unklarheit groß. Zwar liegt das oppositionelle Lager rund um die Sozialdemokraten knapp in Führung, doch spät eingegangene Stimmen und jene der Auslandswähler könnten das noch ändern. Es könnte Tage dauern, bis ein endgültiges Ergebnis feststeht.Was aber heute schon klar ist: Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD) haben erstmals bei einer Reichstagswahl Verluste erlitten. Sie kamen dem vorläufigen Ergebnis nach auf rund 17,6 Prozent. Sie verloren mit rund drei Prozentpunkten mehr als alle anderen Parteien.Auf der SD-Wahlparty in Solna nahe Stockholm war daher die Stimmung am Sonntagabend gedämpft. Als die ersten Prognosen eingeblendet wurden, rief jemand Berichten zufolge, die Zahlen könnten nicht stimmen. Es sei offensichtlich, dass seine Partei verloren habe, sagte Parteichef Jimmie Åkesson später. Der einflussreiche Abgeordnete Richard Jomshof sprach von einem „deprimierenden“ Ergebnis. Aus seiner Sicht könnte der Grund darin liegen, dass seine Partei zuletzt gezwungen war, Kompromisse einzugehen. „Es wird immer Stammwähler geben, die es nicht schätzen, wenn man in zentralen Fragen nachgeben muss“, sagte er. Hat also die Einbindung der Schwedendemokraten diese geschwächt?Ein schier unaufhaltsamer Aufstieg – bis diesen SonntagIn Schweden ist die Brandmauer Stück für Stück zerbröselt. Lange hatten die Schwedendemokraten im Parlament den Paria-Status inne. Schließlich hat die Partei ihre Wurzeln im Rechtsextremismus und Antisemitismus. Unter Parteichef Jimmie Åkesson versucht sie sich seit 2005 ein freundlicheres Antlitz zu geben. Zugleich machen Abgeordnete wie Jomshof, der den Propheten Mohammed als Massenmörder bezeichnet hat, immer wieder deutlich, dass radikale Islamfeinde weiter dabei sind.In der Wählergunst stiegen die Schwedendemokraten trotzdem immer weiter. 2010 zog die Partei mit 5,7 Prozent der Stimmen ins Parlament ein. 2014 hatte sie schon 12,9 Prozent, war im Reichstag aber weiter isoliert. Schweden hatte damals eine sehr liberale Flüchtlingspolitik, die Schwedendemokraten kritisierten sie scharf und waren damit faktisch allein.Infolge des Rekordzustroms von Flüchtlingen schwenkten die anderen Parteien ab 2016 um, die Migrationspolitik wurde drastisch verschärft, doch Åkessons Partei wuchs weiter. Bei der Parlamentswahl 2022 wurden die Schwedendemokraten zweitstärkste Kraft, und es geschah das einst Undenkbare: Ministerpräsident Ulf Kristersson band sie in das sogenannte Tidö-Bündnis ein, die Rechtspopulisten tolerierten fortan eine konservative Minderheitsregierung.Faktisch ging die Zusammenarbeit aber über eine reine Tolerierung hinaus. Die Schwedendemokraten gaben in der Migrations- und Kriminalitätspolitik den Ton an und nahmen direkt Einfluss auf Gesetzesvorhaben. In den Umfragen wuchs die Partei weiter, im Frühjahr vereinbarte Kristersson einen Deal: Sollte das Bündnis wiedergewählt werden, würden die Schwedendemokraten auch formell in die Regierung eintreten und Ministerposten bekommen, wenn sie ihn, Kristersson, wieder zum Ministerpräsidenten wählen würden – auch wenn seine Partei schwächer als die Schwedendemokraten sein sollte.Bei der Parlamentswahl aber haben Kristerssons Moderate die Schwedendemokraten deutlich überholt. Gerade in ihren früheren Hochburgen verloren die Rechtspopulisten am deutlichsten. Warum? Die Schwedendemokraten seien nun ein wenig wie die anderen Parteien geworden, manchmal gewinne man an Unterstützung, manchmal verliere man sie, sagt der Parteienforscher Niklas Bolin von der Mittuniversitetet in Sundsvall der F.A.Z.Es ging auch um andere Themen als um MigrationMöglicherweise hätten viele Wähler taktisch gewählt und Stimmen etwa den Liberalen gegeben, um diese über die Vierprozenthürde zu bringen, sagt Bolin. Zudem hätten die Themen wohl eine wichtige Rolle bei der Wahl gespielt. Recht und Ordnung sowie Einwanderung seien nicht mehr die allerwichtigsten Themen gewesen, sondern Gesundheit, Bildung und Wirtschaft – und in dem Bereich genössen die Schwedendemokraten nicht das größte Vertrauen.In Schweden wurde bisher angenommen, dass die Rolle der Schwedendemokraten als tolerierende Partei diese stärkt. Sie konnten die Regierungsarbeit bestimmen, ohne aber Verantwortung zu übernehmen. Dass nun alle drei Parteien der Minderheitsregierung gewannen, die Schwedendemokraten als tolerierende Partei aber Verluste erlitten, sieht Bolin nicht als Gegenbeweis. Dies sei eher ein „ungewöhnliches Ergebnis“, denn der Beweis dafür, dass frühere Forschungsergebnisse falsch seien, sagt er.Bolin glaubt auch nicht, dass die Forderung der Schwedendemokraten nach einem Regierungsbeitritt eine nennenswerte Zahl von Wählern abgeschreckt hat, weil die Partei dann Teil des Establishments geworden wäre. Was die Zusammenarbeit mit anderen Parteien angehe, hätten sich die Schwedendemokraten bereits weitgehend normalisiert, sagt er. In den vergangenen vier Jahren habe die Partei erheblichen Einfluss auf die Regierungspolitik gehabt und sei zu einem festen Bestandteil der Zusammenarbeit im rechten Spektrum geworden, so Bolin. Gleichzeitig habe sie ihre politischen Positionen und bis zu einem gewissen Grad auch ihr Anti-Establishment-Profil weitgehend beibehalten.
Wahl in Schweden: Warum die rechtspopulistischen Schwedendemokraten verloren haben
In Schweden gibt es längst keine Brandmauer mehr. Doch bei der Parlamentswahl erlitten die rechtspopulistischen Schwedendemokraten die deutlichsten Verluste. Warum?











