Die ohnehin schon angespannte Lage bei der weltweiten Ölversorgung hat sich am Wochenende erneut verschärft. Nach dem Drohnenangriff auf eine wichtige saudi-arabische Pipeline wächst die Sorge vor einer Ausweitung der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Golfregion – und vor dramatisch steigenden Ölpreisen, die die Weltwirtschaft empfindlich treffen könnten.Bereits in der vergangenen Woche hatte der Preis für ein Fass der Sorte Brent zeitweise die symbolisch wichtige Marke von 100 US-Dollar übersprungen. Rohöl ist an den Börsen derzeit fast so teuer wie zu Beginn des Iran-Krieges Anfang März. Auch die Preise für Benzin und Diesel bewegen sich nahe den Allzeitrekordständen. Setzt sich diese Entwicklung fort, droht Ähnliches wie vor viereinhalb Jahren nach dem russischen Überfall auf die Ukraine: eine durch hohe Energiepreise angetriebene Inflation, die nach und nach sämtliche Bereiche der Wirtschaft erfasst und für Bürgerinnen und Bürger Wohlstandsverluste bedeutet.Die politische Entwicklung in der Golfregion ist dabei gleich an mehreren Punkten kritisch. So ist die Straße von Hormus noch immer nicht sicher befahrbar. Erst am Samstag wurde dort erneut ein Schiff „von einem unbekannten Geschoss“ getroffen, wie eine britische Organisation mitteilte, die den Schiffsverkehr in der Region im Blick hat und Reeder regelmäßig vor Gefahren warnt. Über die Meerenge zwischen Iran und Oman wurde vor Beginn des Krieges im Frühjahr etwa 20 Prozent des weltweiten Ölhandels abgewickelt, sie ist also eine immens wichtige Handelsroute, insbesondere für Abnehmer in Asien.Immerhin ein Teil des durch den Iran-Krieg bedienten Ausfalls konnte bisher kompensiert werden. Quer durch Saudi-Arabien verläuft nämlich eine 1200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline, über die etwa vier bis fünf Prozent des weltweiten Ölangebots transportiert werden können. Doch auch diese Ausweichmöglichkeit ist jetzt blockiert. Denn am Wochenende gab es eine von irakischem Boden ausgehende Drohnenattacke auf die Pipeline; Saudi-Arabien hat sie vorläufig geschlossen.Im Irak sind diverse islamistische Milizen aktiv, die teils mit der Regierung in Teheran verbunden sind. US-Präsident Donald Trump sagte, nach seiner Einschätzung sei wahrscheinlich Iran für den Angriff auf die Pipeline verantwortlich. Als wäre das alles nicht schon unübersichtlich genug, kommt auch noch die in Jemen ansässige Huthi-Miliz ins Spiel. Sie greift schon seit geraumer Zeit Schiffe im Roten Meer an, insbesondere jene, die Güter für Israel geladen haben.Am Wochenende kostete ein Liter Diesel teils mehr als 2,50 EuroAm Freitag hatte die Miliz, die ebenfalls mit Iran sympathisiert, zudem die strategisch bedeutende Insel Perim in der Meerenge von Bab al-Mandab erobert. Das Szenario, vor dem sich die westlichen Staaten besonders fürchten: dass mit dem Roten Meer und der Straße von Hormus gleich zwei zentrale Handelsrouten für den Öltransport blockiert wären. Das würde Tanker zu riesigen Umwegen über die Südspitze Afrikas zwingen und die Preise entsprechend in die Höhe treiben.Noch ist es nicht so weit, aber die Märkte sind nervös. Die Auswirkungen waren am Wochenende an den Tankstellen sichtbar. Sowohl am Samstag als auch am Sonntag gab es um zwölf Uhr heftige Preisausschläge von teilweise mehr als 20 Cent. An einigen Orten kostete ein Liter Diesel mehr als 2,50 Euro, der Preis für Super E10 erreichte teils Werte von mehr als 2,30 Euro. Seit Auslaufen des Tankrabatts haben sich Benzin und Diesel stark verteuert. Um etwa 17 Cent hatte die Bundesregierung im Juni und Juli die Steuern auf Benzin gedrückt. Auch wenn die Entlastung nicht zu jedem Zeitpunkt voll an die Autofahrer weitergegeben wurde, brachte sie zumindest ein wenig Ersparnis beim Tanken. Allerdings kostete die Maßnahme den Fiskus immerhin 1,6 Milliarden Euro – und sie stieß auf Kritik bei Ökonomen. Ihr Argument: Ist der Preis hoch, dann schränken sich Verbraucherinnen und Verbraucher ein. Der dadurch bedingte Nachfragerückgang sei am Ende wirkungsvoller als hastige staatliche Eingriffe.Dennoch gibt es Stimmen, die ein abermaliges Handeln fordern. „Während die internationale Diplomatie versagt, sollen die Menschen hier die Rechnung an der Tankstelle bezahlen. Gleichzeitig drehen die Ölkonzerne unkontrolliert an der Preisschraube und verdienen Milliarden“, sagte Linken-Co-Chefin Ines Schwerdtner der Nachrichtenagentur Reuters. Auch Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke forderte, den Autofahrern die Kosten nicht allein aufzubürden: „Wir brauchen dringend einen Spritpreisdeckel“, sagte der SPD-Politiker der Deutschen Presse-Agentur.Die hohen Spritpreise sind offenbar auch ein Treiber für den Umstieg auf Elektroautos. Im August war bereits jeder dritte Neuwagen in Deutschland ein E-Auto, laut einer aktuellen Umfrage planen zudem 27 Prozent der Verbrennerfahrer hierzulande den Wechsel zu einem Batteriefahrzeug.