Es ging direkt mit einem typischen Olaf-Scholz-Satz los. Der Altkanzler berichtete gerade, dass er am Nachmittag des 11. September 2001 in einem Hamburger Einwohnerzentralamt war, als die USA angegriffen wurden – und sagte dann: „Wir haben direkt die Gelegenheit genutzt, an einem Bildschirm zu verfolgen, was dort passierte.“ Man mag Scholz inzwischen seltener öffentlich sprechen hören, der etwas komplizierte Duktus ist aber unverkennbar.Am Freitagabend sprach Scholz im Rahmen des Hamburger Harbourfront-Literaturfestivals über seine Erinnerungen an 9/11. Der SPD-Politiker war damals gerade seit wenigen Monaten Innensenator Hamburgs. Ausgerechnet der Stadt also, in der mehrere spätere Attentäter gelebt und studiert hatten.Er habe direkt gewusst, dass es sich um einen Anschlag handelte, sagte Scholz und berichtete von vielen Schaltkonferenzen mit dem damaligen SPD-Bundesinnenminister Otto Schily („Der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort“) und Vertretern von Bundeskriminalamt und Nachrichtendienst. „Die furchtbaren Bilder hatten alle sehr bedrückt.“In diesen Konferenzen sei es vor allem um Sicherheitsmaßnahmen gegangen, „ob man etwa Hochhäuser vorsorglich räumen sollte“. Die Verbindung nach Hamburg Von der Verbindung nach Hamburg erfuhr der damalige Innensenator erst am 12. September, nachdem in Medien bereits darüber spekuliert worden war. Nur kurz vor den Journalisten sei die Polizei dann an den Wohnungen der Attentäter gewesen. Schon am 13. September übernahmen dann BKA und der Generalbundesanwalt die weiteren Ermittlungen.Der September 2001 war aber auch die Hochphase des Wahlkampfs. Am 23. September fand in Hamburg die Bürgerschaftswahl statt. Auch wenn Scholz damals nur rund fünf Monate Innensenator war, zeigte er sich rückblickend selbstbewusst – und nicht ohne Eigenlob. Von Mai bis Oktober 2001 war Olaf Scholz Hamburger Innensenator. © Getty Images/Bongarts/Friedemann Vogel Sein Einsatz habe „maßgeblich dazu beigetragen, dass die SPD keine Stimmen verloren hat“. Überhaupt habe er den Eindruck, „dass die Hamburger fanden und finden, ihre Polizei und ihr Senator haben das gut gemacht“.Trotzdem musste die Hamburger SPD in die Opposition, weil die CDU unter Ole von Beust ein Bündnis mit der rechten Schill-Partei einging. Für Scholz ein Vorbote der heutigen AfD. Karriere im Bund Olaf Scholz wurde danach SPD-Generalsekretär, Bundesarbeitsminister, Hamburger Bürgermeister, Bundesfinanzminister – und schließlich Bundeskanzler. Die Zeit als Innensenator und die Tage um 9/11 waren dafür vielleicht nicht unbedeutend, so Scholz. Er habe damals gezeigt, dass auch liberale Politiker wie er strenge Sicherheitspolitik durchsetzen können. „Danach wusste jeder, woran er bei mir ist.“Für die Welt folgten unter anderem die Kriege in Afghanistan und im Irak. Den ersten fand Scholz richtig („Die Taliban hatten sich mit Al-Qaida verbündet, das konnte nicht ohne Antwort bleiben“), den anderen falsch („Es war gut, da nicht mitzumachen“).Die Folgen der Anschläge haben Scholz’ politische Laufbahn begleitet – von seinem ersten großen Bewährungsauftritt als Innensenator bis ins Kanzleramt. An diesem Abend ging es ihm nun auch um die Lehren aus 25 Jahren Weltpolitik. Man dürfe nicht akzeptieren, dass Mächte wie Russland oder die USA die Welt wieder unter sich aufteilen wollten. Vielmehr müsse man „zuversichtlich für Demokratie, Freiheit und Zukunft sein“.Wieder ein typischer Scholz-Satz. Nur dass es diesmal nicht um einen Bildschirm im Hamburger Einwohnerzentralamt ging, sondern um die Weltordnung.