Interview«Die AfD hat als einzige Partei auf positive Weise auf das ostdeutsche Lebensgefühl gesetzt»Der Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt lasse sich nicht mit mangelndem Demokratieverständnis erklären, sagt die Historikerin Katja Hoyer. Die Herablassung von Politikern und Medien sei wenig hilfreich.12.09.2026, 05.30 Uhr8 Leseminuten«Natürlich führt das zu Trotz»: Katja Hoyer über Kommentatoren, die im Aufstieg der AfD ein reines Ost-Phänomen sehen.Archiv HoyerFrage: Frau Hoyer, Sie sind in Ostdeutschland aufgewachsen und haben ein viel beachtetes Buch über die ostdeutsche Identität geschrieben. Heute leben Sie in Grossbritannien. Wie erklären Sie Ihren englischen Freunden den Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Am leichtesten ist das zu erklären, wenn man internationale Vergleiche zieht. In Grossbritannien gibt es ähnliche Bewegungen, insbesondere in den industrialisierten Regionen im Norden Englands, wo viele Leute entsprechende Parteien wählen.Frage: Gibt es Aspekte, die spezifisch ostdeutsch sind?Antwort: Die Zahlen lassen sich ja nicht leugnen, in Ostdeutschland ist die Zustimmung für die AfD deutlich höher als im Westen. Die Grenze verläuft ziemlich scharf auf der alten Trennlinie aus dem Kalten Krieg. Ein Dorf, das knapp auf der hessischen Seite liegt, stimmt anders als das wenige Kilometer entfernte Dorf auf der thüringischen Seite. Es muss also auch kulturelle Gründe geben. Die weitverbreitete Erklärung, dass die Ostdeutschen irgendwie die Demokratie nicht verstanden hätten oder von der Diktatur geschädigt seien, ist meiner Meinung nach aber nicht haltbar. Sonst wären in Österreich oder Frankreich die rechtspopulistischen Parteien nicht ebenfalls sehr stark.Frage: Was ist Ihre Erklärung?Antwort: Die AfD ist im Wahlkampf am besten auf spezifisch wirtschaftliche Probleme und die ostdeutsche Identität eingegangen. Zum Beispiel auf die Tatsache, dass die Leute in der DDR keine Vermögen aufbauen konnten und deshalb bis heute kaum Wohnungen besitzen, sondern hauptsächlich zur Miete wohnen. Wenn man keine Rücklagen hat, ist man wirtschaftlichen Schwankungen viel stärker ausgesetzt. Die AfD hat als einzige Partei auf positive Weise auf das ostdeutsche Lebensgefühl gesetzt und auch Eigenheiten aufgenommen, die aus der DDR stammen. Zum Beispiel luden AfD-Kandidaten zu Ausfahrten mit Simson-Mopeds aus der DDR ein, die im Osten Kultcharakter haben. So etwas macht keine andere Partei.Frage: Rechtsparteien aus anderen Ländern, etwa Marine Le Pens Rassemblement national, distanzieren sich von der AfD wegen des völkischen Aspekts der Partei.Antwort: Es gibt diesen völkischen Flügel, deshalb ist es auch verständlich, dass sich die anderen europäischen Rechtsparteien gerade auch wegen Deutschlands Vergangenheit distanzieren. Wie gross dieser Flügel ist, ist schwer zu sagen. Man weiss auch nicht, welcher Flügel die Oberhand haben wird, sollte die Partei einmal an die Macht kommen.Frage: Die BRD kultivierte eine ausgeprägte Erinnerungskultur, wodurch sich ein Reflex gegen alles entwickelte, was rechts und völkisch ist. Fehlte das in der DDR?Antwort: Das wird oft behauptet und damit das Wahlverhalten erklärt. Bloss: Das stimmt so nicht. Auch in der DDR kamen Holocaust-Überlebende für Vorträge in die Schule. Das KZ Buchenwald war ein Nationaldenkmal in der DDR. Viele Schulklassen besuchten die Ausstellungen und sahen etwa den Lampenschirm, der aus Menschenhaut gemacht war. Der Holocaust-Film «Sterne», der 1959 am Filmfestival von Cannes einen Preis gewann, kam aus der DDR und gilt als erster deutscher Film, der sich mit der Verantwortlichkeit der Deutschen im Holocaust auseinandersetzte. Es ist nicht so, dass sich die Leute nicht mit dem Thema beschäftigt hätten. Was stimmt, ist, dass man oft viel allgemeiner von den «Opfern des Faschismus» sprach und dabei die kommunistischen Widerstandskämpfer hervorhob und auch die sowjetischen Opfer wie die Kriegsgefangenen, von denen Millionen gestorben sind oder gezielt ermordet wurden.Frage: Trotzdem scheint die Ostdeutschen der Nazi-Vorwurf weniger zu kümmern.Antwort: Die meisten AfD-Wähler im Osten sehen die Partei nicht als NSDAP-Nachfolgerin. Sie sagen nicht, wir wählen jetzt die AfD, weil sie die Demokratie abschaffen will, sondern weil sie jene realen Probleme anspricht, die von anderen Parteien ignoriert werden. Ich gebe ein Beispiel. Im Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt gibt es einen langen Abschnitt über die niedrige Geburtenrate, und wie die Partei diese mit ihrer Familienpolitik erhöhen will – die in weiten Teilen auch krass anmutet. Die anderen Parteien sagen einfach, die demografische Entwicklung ist so, wie sie ist, das einzige Mittel gegen die Entvölkerung ist die Einwanderung. Ich sage nicht, dass die AfD mit ihren Lösungen richtig liegt, aber sie spricht als einzige Partei dieses Thema an, das die Menschen in dem völlig überalterten Bundesland sehr beschäftigt.Frage: Sie sagen, dass die AfD auf die ostdeutsche Identität eingeht. Was ist das, die ostdeutsche Identität?Antwort: Man hat 40 Jahre in einem anderen Land gelebt und hat entsprechend eine eigene Kultur, eigene Lebensweisen. Zum Beispiel haben fast alle Frauen gearbeitet, und es gab entsprechend Kinderbetreuung, während der Westen noch konservativ war. Lange galt es als Ostalgie, wenn man das angesprochen hat, als eine Verklärung der DDR-Diktatur. Die AfD hat diesbezüglich keine Berührungsängste. Das kommt gut an. Was oft ignoriert wird: Bei allem Unrecht in der DDR versuchten die meisten Menschen irgendwie ein normales Leben zu führen. Man kann gleichzeitig die Diktatur ablehnen und trotzdem gute private Erinnerungen haben an die Kindheit, die Ferien an der Ostsee, die Zeit mit den Freunden. Auch wer unter dem politischen System der DDR gelitten hat, kann Freude am alten Trabi in der Garage haben. Das eine schliesst das andere nicht aus, das ist die Komplexität der Geschichte. Die AfD nutzt die DDR-Vergangenheit übrigens je nach Situation ganz unterschiedlich.Frage: Wie denn?Antwort: Manchmal braucht sie sie als Negativbeispiel: «Es ist wie in der DDR, da wurde uns auch vorgeschrieben, wie wir zu reden haben.» Manchmal genau umgekehrt: «Solche Verhältnisse gab es in der DDR nicht, da herrschte noch Solidarität.» Für viele Menschen im Osten ist das kein Widerspruch.Frage: Die AfD setzt wie alle Rechtsparteien hauptsächlich auf das Migrationsthema. Kritiker verweisen oft auf die tiefen Ausländerzahlen im Osten und monieren, dass die AfD ein nicht vorhandenes Problem bewirtschafte.Antwort: Ich kann mit diesem Argument nichts anfangen. Die Menschen reisen ja auch ab und zu in die Grossstädte. Man kann die Verhältnisse in Köln oder Berlin auch dann nicht gut finden, wenn man nicht dort wohnt. Ausserdem hat sich die Anzahl der Ausländer in Sachsen-Anhalt ja auch verdoppelt seit 2015. Für die Menschen vor Ort ist das ein grosser Anstieg, auch wenn die absolute Zahl nicht so hoch ist wie anderswo. Das Sicherheitsgefühl hat stark abgenommen, und das nicht ohne Grund: Halle und Magdeburg sind unter den Top 10 der «gefährlichsten Städte Deutschlands» – noch vor Dortmund und Hamburg.Frage: Die AfD gibt sich eher russlandfreundlich. Ist das für die Wähler im Osten wichtig?Antwort: Ja. Ich würde sogar sagen, dass bei diesem Thema der Unterschied zum Westen sogar am grössten ist. Die Haltung zu Russland ist im Osten ein Riesenthema, überall. Die Leute nennen einem verschiedene Gründe dafür. Viele haben Angst, dass der Krieg zu ihnen kommt. Andere sprechen von «Kriegstreibern», die mit dem Krieg viel Geld verdienten. Einige nennen die Gerechtigkeitsfrage: Warum stecken wir so viel Geld in den Ukraine-Krieg, wenn hier die Schulen auseinanderbröseln und die Bahn nicht mehr fährt?Frage: Fühlt man sich Russland verbunden?Antwort: Auch ich habe in der Schule noch Russisch gelernt, obwohl ich erst nach der Wende in die erste Klasse kam. In Brandenburg hatten wir lange eine SPD-Regierung, die sehr prorussisch war. So wurden wir für einen Schüleraustausch nach St. Petersburg geschickt. Viele Leute kennen Russen oder waren schon einmal in Russland. Deshalb ist Russland für sie keine graue Feindesmasse wie für viele im Westen, man hat eine gewisse emotionale Beziehung. Bei AfDlern ist das zum Teil ziemlich krass. Letzte Weihnachten postete ein AfD-Politiker im Internet, dass uns nur die orthodoxe Kirche retten könne.Frage: Welche Rolle spielt der Faktor Trotz? Wenn die westlichen Medien und Politiker die Ostdeutschen dauernd als rückständig und rechts bezeichnen, wählen sie dann erst recht AfD?Antwort: Das ist bestimmt ein Faktor, nicht nur im Osten, sondern auch in der Partei selbst. Als die AfD 2013 aufkam, war sie ja vor allem eine wirtschaftsliberale Anti-Euro-Partei. Schon damals hat man gesagt, das seien Nazis, und hat die Diskussion damit unterbunden. Die Reaktion der AfD war: Wenn wir schon abgestempelt sind, dann müssen wir nicht mehr darüber nachdenken, ob wir uns irgendwie moderat verhalten sollten. Ich glaube, dass auch in der Bevölkerung diese Art von Trotz mitspielt. Deshalb finde ich es auch nicht hilfreich, wie jetzt wieder in den grossen Medien berichtet wird.Frage: Worauf spielen Sie an?Antwort: In verschiedenen westdeutschen Medien wird von einer «Westwut» gesprochen und gefordert, dass den Bundesländern im Osten die Gelder gekürzt werden sollten. Als ob der Aufstieg der AfD ein reines Ost-Phänomen wäre. Im «Spiegel» schrieb jemand: «Am besten Zaun drum und an Kasachstan verkaufen.» Es ist schon heftiger Tobak, was man da zu hören kriegt. Natürlich führt das zu Trotz. Die Leute sagen: Weshalb sollen wir uns vorschreiben lassen, wie wir zu wählen haben?Frage: Die heutige Zeit wird oft mit den 1930er Jahren verglichen, als die Nazis die Macht übernahmen. Sie haben sich für Ihr neues Buch «Weimar - Glanz und Grauen der deutschen Geschichte» intensiv mit der Weimarer Republik befasst. Sehen Sie Parallelen?Antwort: Zum Teil. Wir leben allerdings in einer völlig anderen Zeit. Es heisst, Hitler sei an die Macht gewählt worden. Das stimmt in der Hinsicht, dass er die grösste Partei angeführt hat – die allerdings bei den freien Wahlen bis einschliesslich 1932 weniger Stimmen hatte als die AfD in Sachsen-Anhalt. Die Wählerstimmen allein haben nicht ausgereicht, um die Weimarer Republik in eine Diktatur zu verwandeln. Dazu brauchte es Gewalt. Hitler hatte Hunderttausende Männer hinter sich, die die ganze KPD ausgeschaltet und für Terror auf den Strassen gesorgt haben. Eine solche Kampftruppe hat die AfD nicht, auch die anderen Rechtsparteien in Europa haben das nicht. Heute haben wir auch nicht den Ersten Weltkrieg als Faktor, der die Gesellschaft brutalisiert hatte. Zudem sind die heutigen wirtschaftlichen Probleme nicht mit der damaligen Weltwirtschaftskrise zu vergleichen. Es haben nicht Millionen von Leuten Angst vor der Obdachlosigkeit.Frage: Und wo sehen Sie Ähnlichkeiten?Antwort: Heute wie damals vermissen die Menschen von der Politik eine positive Zukunftsvision, an die man glauben kann. Anfang der 1930er Jahre war dies ein grosses Problem. Dann kam Hitler und sagte: Gebt mir vier Jahre Zeit, dann werde ich die Arbeitslosigkeit beseitigen und die Ehre unseres stolzen Landes wiederherstellen. Das hat bei den Leuten eingeschlagen. Das können übrigens auch Demokraten. Nach dem gleichen Prinzip hat zur gleichen Zeit Roosevelt in den USA die Wahl gewonnen. Auch Churchill, der 1940 zum Premierminister gewählt wurde, war eine charismatische, aber demokratische Figur, die den Menschen Hoffnung gab. Heute stehen wir wieder an einem ähnlichen Punkt: Die Menschen haben ihren Zukunftsoptimismus verloren, in Deutschland mehr als in vielen anderen Ländern, wie Umfragen zeigen.Frage: Die etablierten Parteien brauchten eine starke, glaubwürdige Figur?Antwort: Die Menschen wollen die Gewissheit, dass es einen Plan gibt, wie es wieder besser wird. Friedrich Merz ist mit seinen Reförmchen und schlechter Kommunikation nicht mehr glaubwürdig. Wenn man mit den Menschen in Deutschland spricht, sagen viele, es brauche eine Veränderung. Den alten Parteien trauen immer mehr von ihnen einen Richtungswechsel nicht zu. Deshalb wählen sie die AfD.Stimme der ostdeutschen ErfahrungBeim Fall der Mauer war sie vier Jahre, geboren wurde Katja Hoyer 1985 in der Kleinstadt Guben in Brandenburg. Als Historikerin und Autorin beschäftigt sie sich vor allem mit der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. In ihrem Bestseller «Diesseits der Mauer» erzählt sie die Geschichte der DDR anhand des alltäglichen Lebens der Menschen in der Diktatur, womit sie eine Kontroverse auslöste. Sie hat ein Buch über das Kaiserreich geschrieben und jüngst über die Weimarer Republik («Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte», Klett-Cotta 2026). Hoyer lebt in England und forscht am King’s College London.Passend zum Artikel