Pro ArtikelDie AfD ist auf Siegeskurs in Ostdeutschland. Im Westen denken sie, die DDR habe Menschen mit einer Schwäche für autoritäre Parteien hervorgebracht. Das ist naiv.Steffen Mau11.09.2026, 05.30 Uhr11 LeseminutenWenn autoritäre Prägungen über Generationen vererbt würden, wäre Demokratieskepsis heute ein Wesensmerkmal aller Ostdeutschen. Das ist aber falsch.Harald Hauswald / OstkreuzWie lang ist der Schatten der DDR, und wie stark bestimmt das autoritäre Erbe des Staatssozialismus auch heute noch das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Darüber gibt es heftige politische wie wissenschaftliche Kontroversen. Effekte der DDR-Sozialisation schreibt man nicht nur den ehemaligen Insassen der DDR zu, sondern auch ihren Kindern und Enkeln. Autoritäre Prägungen würden transgenerational vererbt, so heisst es. Damit wären die Ostdeutschen kollektiv eher geneigt, einem starken Führer zuzujubeln und eine pluralistische Demokratie abzulehnen.Der grosse Zuspruch für die Alternative für Deutschland (AfD), die in Ostdeutschland vielerorts zur stärksten Partei geworden ist, Angriffe auf Lokalpolitiker, die recht grundsätzliche Ablehnung von Migration, die Pegida-Demonstrationen «gegen die Islamisierung des Abendlands» vor etwas über zehn Jahren, rassistische Vorfälle und gefestigte rechtsextreme Netzwerke gelten entsprechend als Indizien für eine grundsätzlich demokratiefeindliche politische Kultur, die das Erbe der DDR in sich trägt.Politisch wurde deshalb von den Ostdeutschen regelmässig gefordert, sie müssten doch nun endlich einmal richtige Demokraten werden.Der ehemalige Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, löste vor ein paar Jahren eine grosse Diskussion aus, als er den Ostdeutschen vorhielt, über «gefestigte nichtdemokratische Ansichten» zu verfügen. In einem Podcast der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sagte er: «Wir haben es mit Menschen zu tun, die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach dreissig Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind.»Aus einer demokratietheoretischen Perspektive wären die Ostdeutschen dann Mängelwesen, die mit der Parteiendemokratie und dem Parlamentarismus fremdelten.Die These des ErziehungsdiktatsSchon in den 1990er Jahren formulierte der Kriminologe Christian Pfeiffer die heiss diskutierte «Töpfchenthese», um die Fremdenfeind­lichkeit und rechtsextreme Gewalt unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Ostdeutschland zu erklären.Verkürzt lautete seine Argumentation, dass in den DDR-Krippen und -Kindergärten kollektive Disziplin und Anpassung eingefordert worden sei – man musste gemeinsam aufs Töpfchen – und diese autoritäre Form der Erziehung Selbständigkeit, Individualität und Empathie ha­be verkümmern lassen. Wer sich nicht ins Kollektiv eingepasst, wer sich nicht der Gruppe untergeordnet habe, so Pfeiffer, sei ausgegrenzt worden. Wer sich stark am Kollektiv orientiere, sehe «Fremde» als Bedrohung und werte sie eher ab.Bei den Ostdeutschen hat diese These Empörung und Zurückweisung ausgelöst, bei vielen westdeutschen Deutungseliten fand sie durchaus Zustimmung. Hier die bundesdeutschen Musterdemokraten, dort die Schmuddelkinder der DDR-Diktatur – so liess sich die Welt leicht ordnen. Die DDR wurde damit zur Bad Bank aller in den fünf neuen Bundesländern beobachtbaren Demokratie- und Demokratisierungsdefizite.Pfeiffers These ist damals durch die Medien gegeistert, ohne dass eine wirkliche empirische Fundierung vorgelegen hätte. Seither haben Autoritarismusstudien zwar belegt, dass es im Osten eine stärkere Zustimmung zu autoritären Vorstellungen gibt. Dennoch ist offen, ob die Ostdeutschen als Personengruppe wirklich pauschal als autoritarismusaffiner beschrieben werden können oder ob sich hinter diesen Befunden nicht ganz andere Effekte verbergen.Ein Teil der höheren Zustimmungswerte für autoritäre, nationalistische und fremdenfeindliche Aussagen in Ostdeutschland kann nämlich durch Unterschiede in der Sozialstruktur und der politischen Kultur erklärt werden.Hat die Propaganda ihre Köpfe erreicht? Zwei Frauen unterwegs zum Volksfest der SED-Zeitung, fotografiert von Harald Hauswald, der die späten Jahre der DDR dokumentierte.Harald Hauswald / OstkreuzEntscheidende StrukturfragenOstdeutschland ist im Durchschnitt ärmer, strukturschwächer, ländlicher. Das sind Faktoren, die auch in der alten Bundesrepublik autoritäre Einstellungen begünstigen. Stellt man dies in Rechnung, schrumpfen Ost-West-Unterschiede deutlich. Zudem zeigen jüngere Befragungen, dass rechtsextreme und demokratiefeindliche Einstellungen auch im Westen auf dem Vormarsch sind und sich dadurch die Ost-West-Abstände merklich verringern.Manche Forscher argumentieren deshalb, dass es nicht die autoritäre Persönlichkeit sei, die als stabiles Merkmalsbündel die Ostdeutschen ausmache. Dass es also nicht um grundlegend andere Welthaltungen, möglicherweise defizitäre charakterliche und mentale Dispositionen, sondern um eher ökonomische und sozialstrukturelle Aspekte gehe.Dafür spricht, dass sich die politischen Kulturen in Ost- und Westdeutschland deutlich un­ter­schei­den. Auch wieder ein Erbe der DDR: Das Institutionenvertrauen ist in Ostdeutschland aufgrund der Erfahrungen mit den staatlichen Stellen in der DDR, der Umbrüche nach der Wende und des Gefühls mangelnder Mitbestimmung geringer.Dann sind die Bindungen zu den demokratischen Parteien schwächer. Das sind Faktoren, die dazu beitragen, dass autoritäre Ori­en­tie­run­gen eher aktiviert und nicht abgemildert wer­den. Somit würde nicht der Autoritarismus per se den Unterschied machen, sondern die Art und Weise, wie er politisch mobilisiert werden kann.Die Erfolge der AfD in Ostdeutschland wä­ren dann eher in der besonderen Anfälligkeit der politischen Kultur für radikale politische Angebote zu sehen, nicht in grundsätzlich anderen, autoritären Dispositionen oder fixen Wesensmerkmalen der Ostdeutschen.Grenzen der IndoktrinationDennoch wäre es erklärungsbedürftig, sollte ein autoritäres politisches System, das die Menschen vierzig Jahre lang indoktriniert und alles daran gesetzt hat, ihre Köpfe zu erreichen, folgenlos geblieben sein. Genau wie die Demokratie Menschen zur Mündigkeit erziehen kann, mag es einer Diktatur gelingen, Menschen klein und unmündig zu halten.Natürlich wurde die Ideologie nicht von oben – der Partei- und Staatsführung – einfach durchgereicht, es gab viele subtile und weniger subtile Formen, die Menschen zu beeinflussen: in den Schulen und Universitäten, in den Massenorganisationen der DDR wie der Freien Deutschen Jugend (FDJ) oder der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) oder in den Betrieben. Ende der 1970er Jahre wurde in der DDR der obligatorische Staatsbürgerkundeunterricht – im Volksmund «Rotlicht» genannt – eingeführt, der das Ziel hatte, Schülerinnen und Schüler im Sinne der sozialistischen Ideologie zu erziehen.Auch jenseits der Schule war die DDR eine durch und durch politisierte (oder besser: ideologisierte) Gesellschaft – überall Parolen, Politsprech, Loyalitätsbekundungen, Merksätze und ideologische Phrasendreschereien. Menschen sollten die Parteilinie nachbeten, nicht selbständig und frei denken.Wie stark aber die Köpfe erreicht wurden, wie «erfolgreich» und wie nachhaltig das System bei der Heranbildung «sozialistischer Persönlichkeiten» war, lässt sich kaum genau beziffern. So wie der von oben verordnete Antifaschismus als staatliche Ideologie nicht die ganze DDR-­Ge­sell­schaft durchwirkt hat und oft nur oberflächlich blieb, so war es vermutlich auch mit an­de­ren ideologischen Komponenten.Wenn man im ­DDR-Alltag von «100-Prozentigen» gesprochen hat, meinte man jene, die sich besonders loyal gegenüber der SED und dem Staat gaben und die Entscheidungen der Führung kritiklos verteidigten. Hätte die DDR nur aus diesen Systemlingen bestanden, würde sie heute noch existieren. Es gab aber auch viele 60- oder 70-Prozentige, die mindestens hinter vorgehaltener Hand Zweifel und Kritik äusserten oder sich nach aussen loyal gaben, sich aber nur partiell mit der Parteidoktrin identifizierten. Und es gab Gruppen, die auch in­ner­halb des ideologischen Systems der DDR auf Distanz oder in Opposition gingen.Sommer 1986 im Prenzlauer Berg in Berlin.Harald Hauswald / OstkreuzAufbruch und PhantomschmerzKirchliche Prägung, das Aufwachsen in einem systemkritischen Haushalt, negative Erfahrun­gen mit der Rigidität und den Repressionen des Regimes, Nachfragen bei den Themen Menschenrechte oder Umweltschutz, der Wunsch, frei zu reisen – all das konnte den Ausschlag geben, um mit dem System zu brechen. Zumindest in der späten DDR gab es eine breite Unzufrieden­heit und Desillusionierung in der Bevölkerung. Immer weniger glaubten angesichts der Mangelwirtschaft den offiziellen Parolen vom langfristi­gen Sieg und von der historischen Überlegenheit des Sozialismus.Für die Demokratiefähigkeit und möglicherweise besondere Bindung spricht, dass die Ostdeutschen die Friedliche Revolution des Jahres 1989 entfacht haben. Sie haben die alten Kader und die greisen Parteifunktionäre aus den Ämtern gejagt und den Weg für die erste und letzte freie Wahl der Volkskammer – des Parlaments der DDR – am 18. März 1990 frei gemacht. Selbst wenn die Revolution nur von einer aktiven Minderheit getragen wurde, gab es gleichfalls nur eine Minderheit, die bereit war, das alte System aktiv zu verteidigen.Die DDR kollabierte auch so schnell und ohne grossen Widerstand, weil die Unzufriedenheit mit den beengten und unfreien Verhältnissen so gross geworden war. Auch die vielen Mitläufer der DDR waren offenkundig bereit, das alte System zurückzulassen, viele von ihnen hatten womöglich schon innerlich gekündigt. Aus der systemmüden Gesellschaft wurde quasi über Nacht eine hochpolitisierte und auf demokratische Reformen drängende Gesellschaft.Allerdings gab es in den 1990er Jahren eine ausgeprägte Ostalgie, einen auf die DDR bezogenen Phantomschmerz. Das, was man so schnell und so bereitwillig aufgegeben hatte, vermisste man nun doch, die Härten von Privatisierung und Liberalisierung nährten zusätzlich die Sehnsucht nach der sozialen Wärmestube DDR. Das «Früher in der DDR» wurde zum zentralen Referenzpunkt privater Erinnerungen, oft durch die rosarote Brille eingefärbt. Es gab in vielen, vor allem ehemals parteinahen Kreisen ein verbreitetes Früher-war-alles-besser-Syndrom, das die vielen Mängel der DDR kleiner machte, als sie früher waren.Man vermisste aber selten die DDR als gan­zes System, sondern eher Teilaspekte wie die soziale Sicherheit oder die «sozialistische Menschengemeinschaft». Diejenigen, die in der DDR nicht am Rande gestanden haben, beschreiben sie auch heute noch oft als menschlich wärmer, mit mehr Alltagssolidarität und nachbarschaftlicher Hilfe.Am neuen System wird beklagt, dass Geld eine zu grosse Rolle spiele und jeder nur an sich selbst denke. Allzu gern möchte man das Gemeinschaftsgefühl der DDR zurück, ohne die neuen Freiheiten und Konsummöglichkeiten aufzugeben. So erträumt sich mancher die beste aller Welten und lässt die hässlichen Seiten der «Diktatur des Proletariats» unter den Tisch fallen.Sie war der Sehnsuchtsort vieler DDR-Bürger: die Datsche im Grünen. Hier in Hönow, Sommer 1986.Harald Hauswald / OstkreuzDer Schock der TransformationUm noch einmal auf den langen Schatten der DDR zurückzukommen: Es wäre naiv zu leugnen, dass die DDR Spuren in den politischen Bewusstseinsformen der Menschen hinterlassen hat, es ist aber genauso naiv, würde man alle heutigen Probleme mit der Demokratie auf diese mentale Hinterlassenschaft zurückführen.Wir wissen, dass die Transformationsjahre den mentalen Nachlass der DDR überlagert haben. Die schnelle und radikale Privatisierung, die Arbeitslosigkeit, die massenhafte Abwanderung und die grosse ökonomische und soziale Unsicherheit haben erhebliche Flurschäden hinterlassen.Deshalb gibt es eine Kontroverse darüber, ob nun die Diktatursozialisation der DDR oder der Transformationsschock wesentlich für die Erklärung der mentalen Lage in den neuen Bundesländern sei. Je nach ideologischer Neigung und je nach kritischer Distanz zur DDR werden andere Schlüsse gezogen.Sozialwissenschaftlich gibt es einige Hinweise sowohl darauf, dass es eine DDR-Prägung gibt, als auch darauf, dass die Transformation ihre Spuren hinterlassen hat. Ganz einfach auseinanderzuhalten sind diese Bestimmungsgründe aber nicht, denn lebensgeschichtlich hängen viele Dinge miteinander zusammen, verschnüren sich und lassen sich nicht so einfach separieren. Sagen kann man aber, dass die staatsnahen Gruppen der DDR und auch Teile der schweigenden Mehrheit besonders dann skeptisch auf die Demokratie schauen, wenn sie im Zuge der Transformation wirtschaftliche Verluste erlitten haben, arbeitslos geworden sind.Wer in der DDR die politisch Mächtigen kritisch sah, sich den Demonstrationen im Herbst 1989 anschloss oder sich sogar in der Opposition engagierte, der ist weit weniger anfällig für die Verführungen rechtsextremer und rechtspopulistischer Angebote.Hier zeigt sich: Erst in der Kombination von DDR- und Nachwendeerfahrung kommt man zu tragfähigen Erklärungen. Wer in der DDR noch mitmachte, aber nach ihrem Ende ökonomisch gewann, der liess sich auch für die Demokratie einnehmen. Diejenigen, die arbeitslos oder beruflich deklassiert wurden, blieben in ihrer Haltung gegenüber der bundesdeutschen Demokratie viel reservierter.Diesen Zusammenhang bekräftigt auch die Demokratisierungsforschung: Wird die Demokratie mit vielen sozialen Flurschäden und ökonomischer Unsicherheit eingeführt, bleibt sie oft fragil.Die DDR-Bürger genossen die Freiheit im Leben: die Datschenkolonie Nordend in Berlin-Pankow, Sommer 1986.Harald Hauswald / OstkreuzDemokratie braucht WohlstandMitunter wird die Demokratisierung der DDR-Diktatur mit dem erfolgreichen Weg der alten Bundesrepublik in die Demokratie verglichen. Was unterscheidet 1949 von 1989? Wie hat man aus den Mittätern und Mitläufern des NS-Regimes Demokraten gemacht?Es war nicht nur die Re-Education der Amerikaner, die die Menschen für die Demokratie eingenommen hat, es war auch der wirtschaftliche Erfolg der frühen Bundesrepublik. Ohne Wirtschaftswunder hätte auch die De­mo­kra­ti­sie­rung nicht gut geklappt.Es war schwer genug, ein neues politisches System zu begründen, das alles zurückliess, was viele Menschen lan­ge mitgetragen hatten, aber dass dies gelang, hat­te auch damit zu tun, dass das neue System wirtschaftlich ertragreich schien. Menschen wurden auch in die Demokratie «hineingekauft», wenn man es etwas flapsig sagen darf. Nicht nur die Prinzipien der demokratischen Ordnung haben sie von der Vorteilhaftigkeit der Demokratie überzeugt, sondern auch der wirtschaftliche Aufstieg, den sie erlebten.Das war mit den ökonomischen Umbrüchen nach der Wiedervereinigung ganz anders: Die bundesdeutsche Demokratie kam mit der Deindustrialisierung und dem Verlust an sozialer Sicherheit. Aus allen vergleichenden Studien wissen wir, dass Demokratien instabil bleiben, wenn sie nicht ökonomisch flankiert werden. Immer dann, wenn die Demokratisierung mit Prekarisierung und wirtschaftlichem Niedergang einherging, blieb die Bindung der Menschen an die institutionelle Ordnung eher schwach.Ein anderes PolitikverständnisWenn man heute auf Umfragedaten schaut, ist die Zustimmung zur Demokratie als Regierungsform in Ostdeutschland zwar ähnlich hoch wie in den alten Bundesländern, aber es gibt mehr Kritik an der «real existierenden» Demokratie. Der Parteienstreit wird kritisch gesehen, und es gibt auch ein anderes Demokratieverständnis, das sich am Ideal des unverfälschten Volkswillens orientiert.Auch wenn die repräsentative Demokratie der Parteien und Parlamente fest institutiona­li­siert ist, beziehen sich viele Ostdeutsche auf ein volksdemokratisches Ideal, wonach die Regierenden die Mehrheitsmeinungen in der Bevölkerung weitgehend zu spiegeln hätten. Deshalb finden Volksabstimmungen und Plebiszite grosse Un­terstützung.Die demokratische Urerfahrung der Ostdeutschen im Herbst 1989 war eine des Strassenprotests, in dem sich «Volkes Wille» artikulierte, keine der Interessenvertretung durch gewählte Mandatsträger. Die DDR-Volkskammer spielte keine Rolle. Auch existiert, so hat es die Historikerin Christina Morina herausgearbeitet, eine eher konsens- und harmonieorientierte Vorstellung der Politik. Schon die runden Tische der Fried­li­chen Revolution von 1989 waren skeptisch gegenüber der Parteiendemokratie der alten Bundesrepublik, viele der Teilnehmer favorisierten ein dialogisches Politikmodell.Bis heute sind – bis auf die AfD – die Parteien in Ostdeutschland nur schwach eingewurzelt. Sie haben deutlich weniger Mitglieder, die Parteienlandschaft ist zersplittert, die grossen Volksparteien sind eher klein. Parteibezogene soziale Milieus sind nicht entstanden, so dass die ostdeutsche Wählerschaft sehr volatil ist. Sie ist we­ni­ger loyal gegenüber einer «Stammpartei», wechselt je nach politischer Konjunktur und Stimmung gerne einmal die politischen Farben.Auch aufgrund dieser schwachen und sozialstrukturell weniger abgesicherten Parteienlandschaft fiel es der AfD recht leicht, in Ostdeutschland Terrain zu gewinnen, in einigen Gegenden sogar politische Dominanz beanspruchen zu können. Sie ist zur Kümmererpartei vor Ort geworden, hat auch die Vereine und zivilgesellschaftlichen Strukturen erfolgreich infiltriert. Sie ist sehr erfolgreich darin, den Unmut vor Ort politisch zu bewirtschaften und für sich auszunutzen.Die Menschen halfen einander, wie hier zwei alte Damen im Prenzlauer Berg, 1986.Harald Hauswald / OstkreuzDie Gründe anerkennenDie Demokratie in Ostdeutschland steht unter Stress, ohne Frage. Wie in vielen anderen Ländern sind die Rechtsextremen auf dem Vormarsch. Das autoritäre Erbe der DDR spielt für diesen Erfolg eine Rolle, aber als Generalschlüssel zur Erklärung des Aufstiegs der AfD taugt es nicht. Die wirtschaftliche und strukturelle Schlechterstellung Ostdeutschlands, die Schwäche der Parteiendemokratie und die Folgen des Transformationsprozesses wiegen mindestens ebenso schwer.Es hilft daher auch nicht, die Ostdeutschen pauschal aufzufordern, sie sollten doch endlich in der Demokratie «ankommen». Eine solche Aufforderung verkennt die über Persönlichkeitseigenschaften hinausgehenden strukturellen Gründe für den Aufstieg der AfD. Nur ein Teil davon geht auf die DDR zurück, ein erheblicher anderer Teil auf die Nachwendeerfahrungen, ein weiterer hat mit den ökonomischen und sozialen Unwuchten unserer Tage zu tun, ob Wachstumsschwäche, steigende Lebenshaltungskosten oder die veränderte geopolitische Lage.Wer also über die Probleme der Demokratie der Gegenwart spricht, darf weder den langen Schatten der DDR verkennen noch die Narben der Transformation noch die vielen Zumutungen der Gegenwart. Der Lauf der Geschichte ist wie ein grosser Fluss, in den viele kleine Flüsse münden.Steffen Mau, Jahrgang 1968, ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktor am Max-Planck-Institut für Politik- und Sozialwissen- schaft in Göttingen. Er arbeitet zu Themen des sozialen Wandels und der gesellschaftlichen Transformation.Passend zum Artikel