Von Schockwellen und Zäsur, die der Wahlabend in Sachsen-Anhalt im übrigen Deutschland, aber auch im Ausland auslösen werde, war schon vor dem 6. September angesichts der Umfragen in Kommentaren die Rede. Der Schock, den das tatsächliche Wahlergebnis nun in der politischen Wirklichkeit, aber auch bei vielen Bürgern außerhalb von Magdeburg, Halle oder Dessau ausgelöst hat, ist dann auch am Tag danach spürbar.Vor allem in der CDU herrscht Katastrophenstimmung, die den üblichen Kater nach einer Wahlniederlage weit übertrifft. „Zutiefst schockiert“ offenbarte deren Parteivorsitzender und Kanzler Friedrich Merz auch in der Mimik seine Gefühlslage nach der Krisensitzung der CDU-Spitze. Denn Merz war ja gerade mit dem Versprechen angetreten, die schon bei der Bundestagswahl triumphierende stärkste Oppositionskraft AfD durch Wirtschaftsreformen samt Aufschwung nach vier Jahren Rezession und der drastischen Begrenzung der illegalen Migration wieder schrumpfen zu lassen. Eine vergebliche Hoffnung, obwohl die Zahlen der Asylbewerber seit dem Amtsantritt von CSU-Innenminister Alexander Dobrindt und seiner harten Grenz- und Abschiebepolitik mehr als deutlich gesunken sind.Parteien der politischen Ränder bekamen zwei Drittel der WählerstimmenZumindest mehr als die Hälfte der früheren CDU-Wähler in Sachsen-Anhalt und dazu mehr als 170.000 ehemalige Nichtwähler haben diese Politikwende in der Migrationspolitik nach dem Ampel-Aus nicht honoriert oder als nicht mehr wichtig für ihre Wahlentscheidung betrachtet. Auch die eindringlich ausgesprochene Warnung des Kanzlers und CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz vor einem wirtschaftlichen Desaster im Falle einer AfD-Regierung für das von Abwanderung und Fachkräftemangel geplagte Bundesland hatte keine abschreckende Wirkung.So kommt erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Untergang des NS-Regimes eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei in einem Bundesland bei einer Wahl auf weit mehr als 40 Prozent und kratzt an der absoluten Mehrheit. Die politische Mitte um CDU, SPD und Grüne ist in dem ostdeutschen Bundesland hingegen implodiert. Die Parteien der politischen Ränder – AfD, Linke und das BSW – vereinen zwei Drittel der Wählerstimmen auf sich. Dank der Abgeordneten des BSW der wie die AfD russlandfreundlichen Sahra Wagenknecht, das nun doch wieder zum Machtfaktor geworden ist, könnte der beim Wahlvolk beliebte Ulrich Siegmund nun auch nach Einschätzung von Merz der erste rechtsradikale Ministerpräsident Deutschlands werden.Was hat sich mit dem Wahltriumph der AfD verändert?Anders als Merz ist dem professionell in die Kameras lächelnden Philipp Amthor der Schock über dieses politische Beben und die damit verbundene historische Zäsur für die Bundesrepublik Deutschland auf den ersten Blick nicht anzusehen. Als Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit sitzt er quasi als Abgesandter des Kanzlers in der Runde von „Hart aber fair“, die über die naheliegende Frage „Wie verändert Sachsen-Anhalt Deutschland?“ diskutieren soll. Der in Redeschlachten im Bundestag gegenüber der AfD oft am schlagfertigsten wirkende CDU-Mann aus Mecklenburg-Vorpommern könnte von Moderator Louis Klamroth zu den Gründen für das desaströse Abschneiden seiner Partei befragt werden und wie es nun weitergeht – in Magdeburg, aber auch mit Friedrich Merz und der schwarz-roten Koalition in Berlin.Doch Klamroth stellt stattdessen der Journalistin Anne Hähnig von der ZEIT mit Hinweis auf jenen in Kommentaren gern verwendeten Begriff Zäsur die erste Frage, was sich mit dem Wahltriumph der AfD verändert habe. Die zunächst banal klingende Antwort, man werde sehr wahrscheinlich bald eine erste AfD-Landesregierung sehen, trifft jedoch den Punkt der auch internationalen Relevanz dieser Wahl in einem kleinen Land mit gerade einmal 1,7 Millionen Wahlberechtigten. Das sei ein „Rieseneinschnitt“ für den sich nicht nur ganz Deutschland interessiere, sondern auch Donald Trump und große amerikanische Medien wie CNN.Der stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Markus Frohnmaier, darf als zweiter Gast nicht nur Merz allein, sondern die gesamte Regierungspolitik der Union der vergangenen Jahre „zu Lasten der Menschen und der Brieftaschen“ genüsslich lächelnd als besten Wahlhelfer seiner Partei bezeichnen. Bei der AfD gehe es eben anders als bei der CDU nicht um das Credo „Regieren um jeden Preis“, sondern um die Umsetzung ihrer Versprechen. Diese kompromisslose Haltung, die sie von der CDU unterscheide, hätten die Menschen in Sachsen-Anhalt auf „überwältigende“ Weise honoriert.Amthor gibt sich selbstkritisch, Schwerdtner attackiertDie höhnische Attacke des AfD-Politikers auf die Union ignoriert Amthor und nimmt lieber den von Hähnig nur kurz angerissenen Begriff der Zäsur auf, um in einer kleinen bundestagsreifen Rede die tiefgreifenden Veränderungen durch den AfD-Wahlsieg zu beschreiben, der eben mehr sei als die bloße und in einer Demokratie immer wieder stattfindende Abwahl einer Regierung. Es sei eine Veränderung, die etwas mit diesem Land mache, weit über Sachsen-Anhalt hinaus. Viele Menschen machten sich Sorgen über den „geifernden Ton“ der politischen Debatte, der nun einziehe, verbunden mit „Schadenfreude“ und der „Lust an der Disruption“. Es seien Parteien – und damit meint Amthor offensichtlich auch die Linke und das BSW – gewählt worden, welche die Systemfrage stellten. Bei diesem Wahlergebnis, gesteht Amthor selbstkritisch im Namen der Union ein, liege der Fehler nicht bei den anderen, „sondern bei uns“. Aber daraus folge keine Resignation, sondern die CDU gebe den Menschen, die sich Sorgen machten, dass eine rechtsextreme Partei jetzt eine Regierung bilde, eine Stimme. Denen sage er, dass seine Partei für eine funktionierende Demokratie und Verfassungsordnung arbeite. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die Amthor indes fast wie eine Neuigkeit vorträgt.An dieser Stelle wäre es erhellend für den Zuschauer gewesen, wenn Klamroth bei Amthor nachgehakt hätte, welche Fehler denn die Union gemacht habe, dass es zu diesem AfD-Durchmarsch überhaupt kommen konnte. Leider springt der Moderator jedoch mit Fragekarte in der Hand zum nächsten Gast, der Linken-Vorsitzenden Ines Schwerdtner. Warum ihre Partei mit einem mageren Wahlergebnis von knapp neun Prozent nicht vom Frust über Merz habe profitieren können, fragt Klamroth zu Recht. Die Linken-Chefin, ganz routinierte Politikerin mit Ausweichkompetenz, geht lieber wie Frohnmaier zur Attacke auf Amthor und die CDU über. Die Wut der Menschen sei berechtigt. Dass 58 Prozent der Wähler der Bundesregierung einen Denkzettel gegeben hätten, „sollte Ihnen noch einmal zu denken geben“. Und sagt erwartbar das Mantra der Linken vom „Sozialkahlschlag“ auf, als einen der Hauptgründe, warum die Menschen so wütend seien. Warum die Wähler und in Sachsen-Anhalt besonders die mit finanziellen Sorgen dennoch mit der AfD die falsche Partei wählten, lässt Schwerdtner unbeantwortet, was nicht wirklich verwundert.BSW könnte Zünglein an der Waage seinAuch die Demokraten in den USA rieben sich verwundert und geschockt die Augen, dass ihnen einst treue Arbeiter in zwei Wahlen zu Trump und seiner MAGA-Bewegung überliefen. Auf Parallelen zu erfolgreichen Wahlkämpfen rechtspopulistischer Parteien mit charismatischen Kandidaten wie Trump, Le Pen und Meloni wies Hähnig hin. Erstmals habe die AfD mit Siegmund eine moderne Wahlkampagne geführt, die sich anders als früher nicht in negativen Botschaften erschöpft habe. Das sei ebenfalls eine große Veränderung.Als Gast kurzfristig dazu eingeladen ist Fabio De Masi, der Co-Vorsitzende des BSW, der in der AfD-Frage zum Teil zerstrittenen Truppe der Ex-Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht. Sein Erscheinen hat der ebenfalls frühere Linken-Bundestagsabgeordnete dem dann doch überraschenden Einzug des BSW mit 5,3 Prozent in den Landtag zu verdanken. Als Zünglein an der Waage könnte die bei ihrer Gründung ursprünglich als AfD-Verhinderungspartei gestartete Partei den AfD-Spitzenkandidaten Siegmund per Enthaltung im dritten Wahlgang zum Regierungschef machen.Statt diese Karte zu spielen, über die schon im Landtag neben der AfD-Option einer Abwerbung von CDU-Abgeordneten spekuliert wird, wiederholt De Masi das Angebot Wagenknechts, das sie schon dem Thüringer AfD-Anführer Björn Höcke gemacht hatte. Nämlich statt eines AfD-Kandidaten eine überparteiliche Persönlichkeit zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen, die dann mit wechselnden Mehrheiten entlang von Sachfragen wie der von AfD und BSW geforderten Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks regiert. Er habe da einige Leute im Kopf, raunt er geheimnisvoll. Aber wenn er sie nenne, seien sie verbrannt. Es gebe aber keine direkten Gespräche mit der AfD darüber. Seine Partei wolle die AfD hinter der Brandmauer hervorzerren, von der sie bisher gut profitiert habe.„Wir wollen nicht um jeden Preis regieren“Ein Angebot, das die BSW-Beobachterin Hähnig für vergiftet und unrealistisch hält. „Warum sollte sich die AfD darauf einlassen, irgendjemand anders zu wählen, wenn sie stärkste Kraft ist?“ Das Angebot sei nichts weiter als der Versuch Wagenknechts, weiter im Gespräch zu bleiben. Wäre sie Teil der AfD, würde sie sich sehr genau überlegen, mit einer Partei zu sprechen, die immer wieder ihre Meinung ändere. Es sei jedoch nicht unwahrscheinlich, dass Siegmund von jemandem Stimmen bekomme, der sage, „die sollen mal zeigen, ob sie regieren können“. Eine Haltung, die auch der CSU-Vorsitzende Markus Söder vertritt, wie Klamroth per Einspieler anmerkt und die Amthor ausdrücklich unterstützt.Ob Siegmund, der ja vor der Wahl getönt hatte, nur mit einer absoluten Mehrheit von drei Stimmen stabil regieren zu wollen, sich überhaupt zur Wahl stellt, ist aus Sicht Hähnigs auch noch nicht ausgemacht. „Dann wäre er ja Ministerpräsident einer Minderheitsregierung. Das will er aber nicht, da muss er Farbe bekennen.“ Auch Siegmunds Parteifreund Frohnmaier eiert bei der Frage herum, ob die AfD wirklich regieren wolle. Seine Partei habe nicht verhandelbare Positionen formuliert – welche, lässt er offen. Das sei aber der Unterschied zur Union, wiederholt der dauerlächelnde Frohnmaier seine Worte vom Anfang der Sendung: „Wir wollen nicht um jeden Preis regieren.“Flüchtling aus Syrien erzählt von seinen ÄngstenOb es dann, wie von Siegmund auch schon am Wahlabend angedroht, Neuwahlen geben werde, fragt Klamroth ihn listig: „Nein, aber wir wollen unsere Wähler nicht anlügen.“ Um dann beruhigend hinterherzuschieben: „Wenn Siegmund regiert, wird Sachsen-Anhalt auch in zwei Jahren ein normales Land sein.“ Alles andere sei „Angstmacherei“.Angst vor einer AfD-Regierung – und die trägt er glaubhaft und mit persönlichen Erfahrungen vor – hat ein besonderer Gast im Studiopublikum, zu dem sich Klamroth gegen Ende der Sendung setzt. Aras Badr kam 2015 als Bürgerkriegsflüchtling aus Syrien, hat drei Kinder und ist als inzwischen deutscher Staatsbürger eines „tollen Landes mit einem Rechtsstaat“ bestens integriert. Er habe sich nach dem Wahlsieg der AfD lange überlegt, in die Sendung zu kommen, so überwältigt und müde, wie er sei: „Menschen wie ich stehen seit Monaten unter Generalverdacht. Das macht müde.“ Er habe große Ängste und „so viele schreckliche Nachrichten“ auf seinem Handy. Er habe die Sprache gelernt, Qualifikationen erworben und Arbeit gefunden.Badr ist Berater einer Anti-Diskriminierungsstelle und hat aufmerksam die auch von Klamroth noch einmal gezeigte Redepassage der AfD-Chefin Alice Weidel zum Wahlkampfauftakt in Magdeburg registriert. Darin hatte sie in brüllender Tonlage der jubelnden Menge von AfD-Anhängern versprochen, im Falle einer Regierungsübernahme alle Einbürgerungsbescheide von seit 2015 nach Deutschland eingereisten Flüchtlingen genauestens überprüfen und alle erschlichenen aberkennen zu lassen. „Wir haben viel hier über Politik geredet, ich hätte lieber über Menschen geredet, die Existenzängste hier haben“, sagt Badr mit belegter Stimme. Viele Menschen fragten ihn, ob sie weiter hier leben könnten und Unterstützung bekämen, wenn sie angegriffen würden. Alle Unterstützungsangebote stünden jetzt vor dem Aus. Und er schließt unter dem Beifall im Studio seinen Appell an die Politiker in der Runde mit den Worten: „Bitte lassen Sie die Menschen in Sachsen-Anhalt nicht alleine. Zeigen Sie Solidarität. Sie wollen einfach in Ruhe und Frieden leben.“Nächster Demokratietest in Berlin und MecklenburgMit diesen Worten hätte die Sendung gut ein nachdenkliches Ende gefunden. Doch weitere zwanzig quälende Minuten lang gerierte sich erst der in Rumänien geborene Frohnmaier als Replik auf Badr als gemäßigter AfD-Mann, der selbstverständlich nichts gegen Fachkräfte aus dem Ausland habe und selbst einen „Syrer“ als Mitarbeiter beschäftige. Anschließend verlor sich die Runde in einer fruchtlosen und chaotisch verlaufenden Ost-West-Debatte, in der es viel um die Ausfahrten des ostdeutschen Kultmopeds der Marke Simson ging.Die Schlussfrage ging an Hannes Kreschel, einen jungen, ehemaligen AfD-Wähler und heutiges SPD-Mitglied, der als Social-Media-Creator viele AfD-Veranstaltungen besucht und deren Besucher mit krassen Aussagen im AfD-Wahlprogramm konfrontiert hat, um sie von einer Wahl der rechtsextremen Partei abzuhalten. Was er sich nach dieser Wahl erhoffe, will Klamroth wissen. „Ich hoffe, dass die Leute in Sachsen-Anhalt bleiben. Dass sie für ihre Demokratie kämpfen, und das werde ich auch tun. Der Ausgang ist offen.“Als nächster Demokratietest wird jedenfalls der Ausgang der Wahlen in zwei Wochen in Berlin und Mecklenburg zeigen, ob sich die blaue Welle weiter auftürmt. Und auch womöglich den Kanzler und seine Koalition untergehen lässt.