Das Bier ist aus, die Party vorbei: ein Wahlabend in Magdeburg bei den Verlierern – und vor den Toren der SiegerDie AfD gewinnt in Sachsen-Anhalt mit rund 44 Prozent und beschert der CDU ein historisches Debakel. Eine Reportage.07.09.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenSven Schulze, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, mit seiner Frau Kati am Sonntag im Maritim-Hotel in Magdeburg.ImagoEs ist eine halbe Stunde nach der Wahlkatastrophe für die CDU. Sven Schulze, der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, läuft schnellen Schrittes durch das Foyer des Maritim-Hotels in Magdeburg, seine Frau Kati an der Seite, umrahmt von Polizisten mit Knopf im Ohr und Mikrofon vor dem Mund. Eigentlich ein schönes Bild, das Paar, Hand in Hand, beide festlich gekleidet. Aber nach Feiern sehen ihre Gesichter nicht aus, eher nach Schockstarre, zu Masken erstarrt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Von der Seite, leicht versetzt hinter dem Tross, brüllt ein Mann in ein Mikrofon, das er vor sich trägt wie eine Waffe. Ob er, also Schulze, sich denn endlich einmal aus dem Schutz seiner LKA-Personenschützer bequemen wolle, ob er endlich einmal den Mut habe, Rede und Antwort zu stehen zu diesem «Wahldebakel» oder ob er einfach weiter schweigen wolle.Irgendwann sagt einer der schwarz gekleideten Personenschützer zu dem Mann mit dem Mikrofon, es reiche nun, er solle nicht näher kommen. Schulze strebt dem Ausgang zu, wo eine schwarze Limousine auf ihn wartet. Er steigt ein und entschwindet mit Polizeieskorte. Der Mann mit dem Mikrofon läuft zurück ins Foyer.Dort riecht es nach Chili con Carne und Bier. In der Mitte stehen runde Tische, an denen Menschen sitzen, essen, trinken und reden, die Stimmen gedämpft, die Gesichter ernst. Die Wahlparty der CDU gleicht einer Trauerfeier. Die Christlichdemokraten haben gerade ein historisches Debakel erlebt: 17 Prozent der Stimmen, während die AfD gut 44 Prozent erhielt.Die Enttäuschung des Dieter HallervordenIn einem Sessel sitzt Dieter Hallervorden, der inzwischen 91 Jahre alte deutsche Komiker und Schauspieler starrt auf den Boden, als sei er tief in Gedanken versunken. Er habe nicht viel Zeit, sagt er schliesslich, er müsse gleich nach Berlin in die Sendung «Maybrit Illner». Mit seinem weissen Haar, gekleidet in einen grauen Anzug mit Streifen und einer mintgrünen Krawatte zum Hemd, sieht auch Hallervorden sehr festlich aus. «Ich bin unendlich enttäuscht», sagt er als Erstes.Der Schauspieler und Komiker Dieter Hallervorden am Sonntagabend in Magdeburg.ImagoHallervorden ist wochenlang mit Ministerpräsident Schulze im Wahlkampf durch Sachsen-Anhalt getourt. «Im Bund würde ich Merz nie unterstützen», sagt er. Damit meint er den deutschen CDU-Kanzler Friedrich Merz. «Aber mir ging es darum, hier in Sachsen-Anhalt eine AfD-Alleinregierung zu verhindern.» Deshalb habe er gehofft, mit seiner Prominenz dem amtierenden Ministerpräsidenten helfen zu können.Das ging offenkundig nicht auf. Die CDU hat ein Debakel erlebt. Hallervorden wurde in Dessau geboren, der drittgrössten Stadt Sachsen-Anhalts. Seit Jahren betreibt er das Mitteldeutsche Theater in Dessau ohne öffentliche Mittel.Nun gelte, was er im Wahlkampf versprochen habe: Auch unter einer AfD-Regierung werde er das Theater fortführen. Er mache sich aber Sorgen um die Freiheit der staatlich geförderten Kultureinrichtungen, sagt er. «Die AfD wird die Zensur einführen.» Sein Begleiter tritt heran. Der Wagen sei da, sagt er. «Ich muss nach Berlin», sagt Hallervorden mit traurigem Blick. Von dem Komiker ist in diesem Moment nur noch die Stimme geblieben. Kein Lachen, kein Lächeln.Die CDU versteht das Wahlergebnis nichtIm Saal, in dem die CDU ihre Wahlparty abhält, stehen Menschen an Tischen, gedämpfte Stimmen auch hier. Auf der Bühne befindet sich ein Rednerpult mit der Aufschrift «Herzlich willkommen. Wahlparty 2026». Sonst herrscht dort oben Leere. Über einen Bildschirm flimmern die ersten Hochrechnungen der ARD. Bärbel Bühnemann senkt an einem der Tische den Kopf und sagt, ihr gehe es gerade nicht so gut.Bühnemann ist 79 Jahre alt und CDU-Mitglied aus Magdeburg. Sie habe mit etwas mehr Stimmen gerechnet, erklärt sie. Die Stimmung an den Wahlständen sei in den letzten Wochen gut gewesen. «Ich verstehe das Ergebnis deshalb nicht», sagt sie.Die Dimension ist historisch. Die AfD hat ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt und mit gut 44 Prozent ihr bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl erzielt. Zugleich hat sich die CDU gegenüber der letzten Wahl ungefähr halbiert.Zu diesem Zeitpunkt liegt die AfD stabil bei gut 44 Prozent, die CDU bei 18 Prozent. Sachsen-Anhalt habe sich seit der Wende sehr positiv entwickelt, sagt Bühnemann. «Ein bisschen Anerkennung dieser Realität wäre schön gewesen.»Misstrauensvotum gegen die etablierten ParteienEinen Tisch weiter steht Stefanie Middendorf, 45 Jahre alt, in einem weissen, geblümten Kleid. Auch ihr geht es schlecht, «ganz ehrlich». Sie ist CDU-Stadträtin in Magdeburg und redet Klartext. Die Menschen hätten heute ein deutliches Misstrauensvotum gegenüber den etablierten Parteien gegeben, sagt sie. «Nicht nur uns, der CDU, sondern allen Parteien, die seit Jahren in Regierungsverantwortung sind.»«So sehen Sieger aus», steht auf dem Plakat, das ein Anhänger des AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, in der Hand hält.Sean Gallup / GettyWie Bärbel Bühnemann hat auch sie in den vergangenen Wochen noch einmal intensiv Wahlkampf gemacht und war «eigentlich sehr positiv gestimmt». Der Raum hat sich weiter geleert. Inzwischen befinden sich dort mehr Journalisten und Kameraleute als CDUler.Middendorf sagt, sie habe gedacht, die Menschen dächten doch noch einmal nach. Doch Sprit, Lebensmittel, alles sei teurer geworden. «Das ist eine rote Ampel heute, ein absoluter Weckruf vor allem für Berlin», sagt sie. Das tue weh. Aber es könne auch eine Chance für die CDU sein. So gehe es jedenfalls nicht weiter.Starke Unzufriedenheit mit der BundesregierungVor dem Hintereingang des «Maritim» steht Jan Braunsberger an einem Tisch, bekleidet mit einem T-Shirt, auf dem «Team Schulze» steht. Die Leute hätten gewählt, und das müsse man jetzt so hinnehmen, sagt er. Der 38-Jährige ist seit zwölf Jahren CDU-Mitglied und hat den Ministerpräsidenten im Wahlkampf oft begleitet. Er versucht sich an einer Wahlanalyse.Die «Dinge aus Berlin» hätten die CDU in Sachsen-Anhalt nicht immer im Wahlkampf unterstützt, sagt er etwas kryptisch. Damit spielt er wohl auf die Politik der Bundesregierung an, die diese Wahl erheblich beeinflusst hat. Noch vor der 18-Uhr-Prognose hatte die ARD berichtet, wie stark die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung und ihren Sozialreformen die Wahlentscheidung präge.Braunsberger sagt, man müsse den Menschen stärker erklären, warum gewisse Entscheidungen in Berlin «so getroffen werden». «Allgemein» gebe es einen «gewissen Grad an Unzufriedenheit hier». Da möchten viele Menschen den «einfachen Versprechungen» der AfD glauben, obwohl sie ahnten, dass die AfD sie nie erfüllen könne.Die Wahl wird zur internationalen NachrichtAllerdings hatte auch die CDU viele Jahre Zeit, ihre Wahlversprechen zu erfüllen. Seit 2002 regieren die Christlichdemokraten Sachsen-Anhalt ununterbrochen. Schon zwischen 1990 und 1994 stellten sie den Ministerpräsidenten. Am Sonntag aber spielten sie erstmals seit vielen Jahren an einem Wahlabend nur noch eine Nebenrolle.Das Hauptgeschehen findet an einem Ort statt, der weit entfernt vom Zentrum Magdeburgs ist. Die AfD hat sich an den Stadtrand zurückgezogen, dorthin, wo zuerst die Wehrmacht und dann die sowjetischen Besetzer ihre Truppen stationiert hatten. Auf einem Teil des Geländes der einstigen Kasernenanlage am Elbauenpark befindet sich heute die Magdeburger Messe.Die AfD-Co-Vorsitzenden Alice Weidel (links) und Tino Chrupalla (rechts) mit dem Spitzenkandidaten der Partei in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, am Sonntagabend in Magdeburg.ImagoUm das Gelände stehen Absperrgitter und Bauzäune, dahinter schwarz gekleidete Polizisten aus Bayern, Berlin, Sachsen und weiteren Bundesländern. Neben den vielen Polizisten geht der Sicherheitsdienst der AfD beinahe unter. Sorry, sagen die Polizisten an Tor 3 der Messe. Die AfD habe hier das Hausrecht und entscheide, wer hineindürfe.Die NZZ darf nicht. Von der Wahlparty der AfD, die hier in einer der Messehallen stattfindet, ist an dem Tor nichts zu hören und zu sehen. Ein Mann im dunkelblauen Anzug schlendert die Strasse auf dem Gelände entlang, in der Hand ein Wahlplakat von Ulrich Siegmund, dem Spitzenkandidaten der AfD. Er trägt es wie eine Handtasche, schwenkt es vor und zurück und lächelt dabei. «Schönen Abend noch», sagt er zu den Polizisten, als er das Gelände verlässt. Die Polizisten schweigen.Die Weltpresse berichtetVor dem Tor stehen Journalisten vor Kameras und sprechen in Mikrofone. Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Englisch – es sind viele Sprachen, die an diesem Abend von Magdeburg aus in die Welt gesendet werden. Die Wahl im Zwei-Millionen-Einwohner-Land Sachsen-Anhalt ist zu einer internationalen Nachricht geworden.Tino Chrupalla, der AfD-Co-Vorsitzende, schreibt per SMS, er wolle versuchen, zum Tor zu kommen. An einem Poller vor dem Messeparkplatz stehen zwei Männer. Sie seien extra aus Schleswig-Holstein gekommen, sagt einer von ihnen. «So etwas wie hier heute muss man sich angesehen haben.»Sie wirken vergnügt, sind redselig und fühlen sich «richtig gut». Der norddeutsche Slang klingt hervor, einer von beiden sagt: «Der Souverän hat entschieden.» Nächstes Jahr wird auch in Schleswig-Holstein der Landtag gewählt. Es werde zwar nicht ganz so ausgehen wie hier in Sachsen-Anhalt, meinen die beiden. Aber auch im Norden werde die AfD zulegen.Das Fass ist leerAuf der Strasse hält ein Taxi. «Sag dem Fahrer, ich komme gleich», sagt einer der beiden und wendet sich wieder dem Gespräch zu. Man müsse «dem Volk aufs Maul schauen», erklärt er dann. Die CDU habe das Problem, dass sie das nicht mehr tue.Mit dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt gehe nun «endlich ein Ruck durch die Republik». Man möge ihn damit aber nicht zitieren, und nein, seinen Herkunftsort wolle er auch nicht nennen. Er könne sonst in Schleswig-Holstein schnell seinen Job verlieren.Als die beiden in ihrem Taxi davonfahren, ist von Tino Chrupalla noch immer nichts zu sehen. Als wir zurück im Maritim-Hotel sind, herrscht nur noch an der Bar Betrieb. Ausländische Journalisten telefonieren, die Platten des Buffets sind leer. Bier gibt es auch keines mehr. Das Fass ist leer.Passend zum Artikel
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