Sehr geehrter Herr Wüst, ich schreibe Ihnen als Überlebende des Holocaust und Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees, aber auch als Mutter dreier Söhne. Und ich schreibe an Sie als Ministerpräsidenten, aber auch als Vater zweier Töchter. Ich schreibe Ihnen mit einer Bitte: Lassen Sie Ihren Worten Taten folgen. Stoßen Sie ein AfD-Verbotsverfahren an. Jetzt, bevor es zu spät ist.Ich war keine zwei Jahre alt, als man mich nach Auschwitz brachte. Meine Mutter hielt mich fest, als man mir meine Häftlingsnummer in den Arm tätowierte. Ich lebe, weil die SS kurz vor unserer Ankunft die Vergasungen eingestellt hatte. Wäre unser Zug nur Tage früher im KZ angekommen, könnte ich Ihnen diesen Brief heute nicht schreiben.Eva Umlauf ist Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees. Sie überlebte als kleines Kind die Internierung im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.dpaIrgendwann, und es ist nicht mehr lange hin, werden die letzten Überlebenden von uns gehen. Deshalb geben wir die Last, die wir ein Leben lang getragen haben, weiter: an dieses Land, an diese Gesellschaft und besonders an Sie als Politiker. Die AfD hat in Sachsen-Anhalt knapp 44 Prozent erreicht. Auch die NSDAP führte ihre erste Landesregierung im damaligen Freistaat Anhalt an. Acht Monate später wurde Hitler Kanzler. Möglich war das, weil andere glaubten, ihn einbinden zu können. Und weil zu viele wegsahen. Weil sie dachten, das gehe vorüber. Der Holocaust begann nicht mit Gaskammern, er begann mit Gleichgültigkeit.Was die AfD mit den Kindern vorhatIch sage nicht, dass die Geschichte sich wiederholt; doch was heute geschieht, weckt schlimmste Erinnerungen in mir. Ich war jahrzehntelang Kinderärztin. Deshalb lese ich zuerst, was diese Partei über Kinder sagt. In Sachsen-Anhalt fordert sie, alle Flüchtlingskinder in Sonderklassen zu unterrichten, separiert von allen anderen. Und sie will Kinder mit Behinderung aus den Regelklassen nehmen. Diese Kinder würden den Unterrichtsfortgang „lähmen“. Wenn Sie mich fragen, woran man früh erkennt, wohin ein Land geht, dann daran, wie es mit seinen Kindern umgeht.Der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat das „Abschieben ab Minute eins“ versprochen. Abgeordnete seiner Partei fordern inzwischen offen millionenfache Remigration. Ein Remigrationskonzept, das auch deutsche Staatsangehörige mit Migrationsgeschichte durch staatlichen Druck zur Ausreise bewegen soll, hat das Bundesverwaltungsgericht insoweit als menschenwürdewidrig bewertet. Die Gesellschaft für Freiheitsrechte hat auf über tausend Seiten zusammengetragen, was diese Partei vorhat, und kommt zu dem Schluss: Die AfD sei verfassungswidrig. Sie sei von einem rassistischen Weltbild geprägt und arbeite auf eine Beeinträchtigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung hin.Drei Dinge, um die ich Sie bitteErstens: Sorgen Sie dafür, dass umgehend der erste Schritt hin zu einem AfD-Verbotsverfahren beschlossen wird. Am liebsten würde ich Sie bitten, sofort auf die Einleitung des Verfahrens hinzuwirken. Aber ich habe verstanden, dass es aus Ihrer Sicht zuerst eine Arbeitsgruppe von Bund und Ländern braucht, welche die Erkenntnisse zusammenträgt und bewertet. Die nächste Ministerpräsidentenkonferenz ist im Oktober, und wer sie leitet, ist offen: Herr Wüst, bieten Sie an, den Vorsitz zu übernehmen, und setzen Sie das Thema auf die Tagesordnung.Zweitens: Sprechen Sie mit uns Holocaust-Überlebenden und mit den Menschen in Sachsen-Anhalt, die gerade Angst haben: mit den Eltern behinderter Kinder, mit Lehrerinnen, mit jenen, die überlegen, ob sie ihre Heimat verlassen sollen. Ich komme für ein Gespräch gerne nach Düsseldorf in die Staatskanzlei. Oder Sie besuchen mich in München, ich koche Kaffee, und wir nehmen uns die Zeit, die es braucht.Drittens: Werben Sie im Bundesrat um Unterstützung für einen möglichen Verbotsantrag. Den Antrag beim Bundesverfassungsgericht können Sie nicht allein stellen, das weiß ich; dafür braucht es eine Mehrheit im Bundesrat. Wenn die Prüfung zu dem Ergebnis kommt, dass ein Verbotsantrag hinreichend aussichtsreich ist, sollte im Bundesrat bereits die erforderliche Mehrheit vorbereitet sein. Ich weiß, dass eine solche Prüfung vermutlich nicht abgeschlossen sein wird, bevor in Magdeburg eine mögliche AfD-Regierung im Amt ist. Aber begonnen haben muss sie bis dahin. Ist diese Partei erst einmal an der Macht, dann wird jeder Anfang ungleich schwerer. Die Konferenz im Oktober ist deshalb nicht der früheste Moment, sondern der letzte.Übernehmen Sie die Verantwortung, die wir bald abgeben müssenIch verlange von Ihnen nicht, das Ergebnis vorwegzunehmen. Ob diese Partei verfassungswidrig ist, entscheidet allein das Bundesverfassungsgericht. Ergibt die Prüfung jedoch, dass diese Partei verboten werden könnte, dann wäre das auch für Sie ein „Handlungsbefehl, diese Verfassung zu schützen“. Das sind Ihre Worte. Im Mai waren Sie zum ersten Mal in Auschwitz. An jenem Ort, an dem ich als kleines Mädchen beinahe ermordet worden wäre. Während Ihres Besuchs sagten Sie: „Erinnerung ohne Konsequenz bleibt bloße Geste.“ In Ihrer Erklärung kamen Sie zu dem Schluss: „Auschwitz ist nicht Vergangenheit. Auschwitz ist Verantwortung – für heute und morgen.“Herr Wüst, sind Sie nun bereit, diese historische Verantwortung zu tragen? Viele von uns werden schon bald nicht mehr hier sein, um zu erinnern und zu warnen. Deshalb bitte ich Sie heute: Übernehmen Sie die Verantwortung, die wir bald abgeben müssen. Für die Zukunft dieses Landes. Für unsere Kinder. Für alle, die noch nach uns kommen. Es liegt in Ihrer Hand, Herr Wüst. Wir zählen auf Sie.In tiefer Sorge, Dr. Eva Umlauf, Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees, Überlebende von Auschwitz-Birkenau