Die offizielle Bestätigung, dass Chinas Staats- und Parteichef für den Gipfel der BRICS-Staaten nach Neu Delhi reisen würde, hatte auf sich warten lassen. Erst Donnerstagnachmittag, weniger als 48 Stunden vor Beginn des Gipfels, für den sich die indische Hauptstadt herausgeputzt hat, bestätigte Peking Xi Jinpings Teilnahme an dem Treffen. Dabei hat der Besuch für die Staatengruppe, wie auch für China und Indien selbst einige Tragweite. Es ist sieben Jahre her, dass Xi das letzte Mal das Nachbarland Indien besucht hat. Militärische Zusammenstöße an der Grenze im Himalaja hatten eine mehrjährige Eiszeit nach sich gezogen. Doch jetzt gibt es viel zu besprechen, schließlich findet der Gipfel in einer zunehmend „zerfaserten“ Welt statt, sagt Indrani Bagchi von der Denkfabrik Ananta Centre in Neu Delhi der F.A.Z.Indien hatte als ehemaliger Verbündeter der Sowjetunion seine Beziehungen zu den USA seit den Neunzigerjahren ausgebaut. Jedoch wurde das Land zuletzt durch US-Präsident Donald Trump mehrfach vor den Kopf gestoßen. Mit einer Strategie des „Multialignment“ pflegt Indien nun seine Beziehungen zu den BRICS-Mitgliedsländern, darunter zu China und Russland. Am Freitag sollte Indiens Ministerpräsident Narendra Modi daher auch den russischen Präsidenten Wladimir Putin empfangen. Indien kauft weiter im großen Stil russisches Öl und versucht sich gleichzeitig als Friedensvermittler. „Wir müssen von einem endlosen Krieg zum Ende des Krieges kommen“, hatte Modi vor einer Woche beim Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Bischkek zu Putin gesagt.Indien ist auch für den Versuch Chinas und Russlands, BRICS zu einem antiwestlichen Forum auszubauen, nicht zu gewinnen. Neu Delhi wünscht sich zwar eine fairere Weltordnung, in der es selbst und andere Länder des globalen Südens mehr zu sagen haben. So will Indien einen Sitz im UN-Sicherheitsrat und den Einfluss von Weltbank und IWF begrenzen. Es wünscht sich aber keine Weltordnung unter Führung Pekings und Moskaus. Gleiches gilt für die Bemühungen, die Macht des Dollars im internationalen Handels- und Finanzsystem zu brechen. Auch wenn Indien Vorteile im direkten Handel mit den jeweiligen Währungen sieht, möchte es nicht, dass der Welthandel stattdessen vom Yuan dominiert wird.Indien sieht die BRICS als „nichtwestlich“ und nicht „antiwestlich“Indien versteht die BRICS-Gruppe nach eigenem Bekunden als „nichtwestlich“ – und nicht „antiwestlich“. Im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens kommt Neu Delhi aus westlicher Sicht eine ausgleichende Rolle in der Gruppe zu. „Wir bringen die Prinzipien der Demokratie mit“, sagt Indrani Bagchi. Der mildernde Einfluss Indiens ist auch darin zu spüren, dass die BRICS-Erweiterung auf nun elf Länder auch Staaten einschließt, die zu den westlichen Verbündeten gezählt werden können. Allerdings hat die Erweiterung auch neue Probleme mit sich gebracht. Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Iran führten dazu, dass sich die BRICS-Außenminister im Mai nicht auf eine Abschlusserklärung ihres Treffens einigen konnten. Das Gleiche droht nun auch auf dem Gipfel zu passieren.Peking wiederum sieht durch Trumps erratisches Verhalten auch Handlungsspielraum in den Beziehungen zu Neu Delhi. Es erlaubt China, sich regional als berechenbarer Partner darzustellen. Machtpolitisch muss sich Indien darauf ein Stück weit einlassen: Die Inder wollen eine gemeinsame Front Chinas, Russlands und Pakistans gegen sich verhindern. Zusätzlich bereitet Indien Trumps Annäherung an China sowie das freundschaftliche Verhältnis Trumps zu Pakistan Sorgen. Indien muss befürchten, an die Seite gedrängt zu werden, zumal Xi Ende September die USA besuchen soll. In Neu Delhi wird auch die Möglichkeit eines Dreiergipfels zwischen Trump, Xi und Putin diskutiert. Es glaubt aber niemand, „dass China und die USA ein sehr stabiles Verhältnis zueinander haben werden“, sagt Harsh Pant von der Denkfabrik Observer Research Foundation in Neu Delhi.Frisch in der Erinnerung ist auch die chinesische Unterstützung seines Erzfeinds Pakistan im kurzen Krieg gegen Indien im Mai 2025: Peking stellte Islamabad nicht nur Waffen und Aufklärungsdaten zur Verfügung, sondern pries in den eigenen Staatsmedien auch offen die „Erfolge“ chinesischer Waffensysteme gegenüber indischen Kampfflugzeugen. Zum anderen gerät Russland in zunehmende Abhängigkeit von China, konzentriert sein Militär auf den Krieg gegen die Ukraine und hält kaum noch Soldaten an der Grenze zu China. Dadurch hat die Volksrepublik ohne viel eigenes Zutun ihren Norden militärisch still gestellt. So kann die Volksbefreiungsarmee ihre Truppen in anderen Gebiete verteilen: gegen Taiwan, auf das Südchinesische Meer und gegen Indien.Vorsichtige Annäherung, aber die Beziehungen bleiben angespanntAllein am Himalaja stehen sich an der sogenannten „Line of Control“ immer noch mehr als 50.000 Soldaten gegenüber. Auf indischer Seite waren bei den Grenzzusammenstößen im Jahr 2020 rund zwanzig Soldaten und auch auf chinesischer Seite mehrere Soldaten getötet worden. Nach diesem Tiefpunkt in den Beziehungen gibt es seit zwei Jahren wieder eine vorsichtige Annäherung. Hintergrund sind eine unsichere Weltlage, wirtschaftliche Probleme auf beiden Seiten und der dadurch bedingte Wunsch nach einer selektiven Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen. Von einer wirklichen strategischen Annäherung aber geht kaum jemand aus.2024 fanden Neu Delhi und Peking eine Einigung über den Verlauf der Grenzpatrouillen. Ein Jahr später traf sich Modi am Rande des SOZ-Gipfels in Tianjin mit Xi. Daraufhin wurden erstmals wieder Direktflüge aufgenommen. Zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Erde verkehren nun immerhin fünf Linienverbindungen. 2026 lockerte Neu Delhi dann einige Beschränkungen für chinesische Investitionen. Strategische Wirtschaftszweige aber bleiben gesperrt. So ist etwa die chinesische App TikTok in Indien weiter verboten, weil Neu Delhi den Abfluss sensibler Daten und chinesische Propaganda verhindern will.Gleichwohl stieg der bilaterale Handel im vergangenen Jahr um mehr als zwölf Prozent, wenn auch China einen gigantischen Außenhandelsüberschuss von mehr als hundert Milliarden Dollar mit Indien hat. China hofft ebenso wie die indische Wirtschaft und Teile der Politik auf eine Öffnung Indiens für chinesische Investitionen. Bisher weigert sich Indien aber gegen die chinesische Forderung, die Wirtschaftsbeziehungen vom Territorialkonflikt getrennt zu betrachten. Außenminister Wang Yi drängte im Juni, man solle „die chinesisch-indische Grenzfrage richtig einordnen und verhindern, dass sie das Gesamtbild der bilateralen Beziehungen beeinträchtigt“.Die Grenzfrage bleibt somit ungelöst. Berichte über eine abermalige Konfrontation im Grenzgebiet des indischen Bundesstaats Arunachal Pradesh – den China als eigenes Gebiet beansprucht – im Juli erinnerten daran, dass die Spannungen weiter schwelen. Wang Shida von der mit dem chinesischen Geheimdienst verbundenen Denkfabrik CICIR formuliert das so: Aus chinesischer Sicht befinde sich Neu Delhis Außenpolitik auch wegen „der gravierenden Meinungsverschiedenheiten mit Washington“ in einer Phase der „Neuausrichtung“. Indien solle „ein rationaleres und pragmatischeres Vorgehen mit den Großmächten“ einnehmen, „einschließlich China“. Anders ausgedrückt: Die Politik Trumps verschafft China die Möglichkeit, Indien etwas näher an sich zu binden, zumindest weiter von den USA zu entfernen.Beide wollen sich als „Stimme des globalen Südens“ profilierenEin Sprecher des indischen Außenministeriums erklärte, die Beziehungen entwickelten sich in eine „positive“ Richtung. Indien macht sich allerdings keine Illusionen, dass sich China grundlegend ändern wird. Peking strebe ein „unipolares“ Asien mit China als Hegemon an, sagt die Politologin Bagchi. Es werde immer eine „problematische Beziehung“ bleiben. Dass auch China sein Denken gegenüber den Indern grundsätzlich nicht verändert, meint der nationalistische Kommentator Victor Gao: „Die chinesische Nation wird die illegale Besetzung der Region Zangnan durch Indien niemals anerkennen.“ Zangnan ist der chinesische Name für Arunachal Pradesh. Gao verband das mit einer Drohung: „Wenn Indien China nicht als Freund betrachtet, sollte es keinesfalls erwarten, ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats zu werden.“Die Inder sind sich längst bewusst, dass Peking ihr Land nicht als eine Weltmacht ansieht, die mit China auf einer Stufe steht. Beide sehen ihr Engagement im BRICS-Kontext auch darin, sich als Stimme des globalen Südens zu profilieren. Die Inder sehen den größten Gewinn des BRICS-Gipfels darin, mit Blick auf die Kriege in Europa und Nahost Fragen wie Energie- und Lebensmittelsicherheit zu thematisieren, die den globalen Süden besonders treffen, sagt der Analyst Pant. Aber auch andere globale Themen wie grenzüberschreitende Finanztransaktionen, Digitalisierung und Seltene Erden sollten auf der Agenda stehen, meint er. Dann könnte der Gipfel für Indien ein Erfolg werden – auch ohne Abschlusserklärung.
BRICS in Neu Delhi: Xi besucht Indien – zum ersten Mal seit sieben Jahren
Trumps erratische Politik führt Indien und China näher zusammen. Doch die Beziehungen bleiben angespannt. Können die BRICS-Länder ihre Zerrissenheit überwinden?












