Wessen Geschichte gehört zur Geschichte des 11. Septembers? Im 25. Jahr nach dem Terror erscheinen in den USA nicht nur Erinnerungsbücher. Zwar steht in den Buchhandlungen das Gedenken an die Opfer im Mittelpunkt, doch auch die Historisierung des Terrors und seiner politischen Folgen nimmt unter den Neuerscheinungen breiten Raum ein.Die großen Publikumsverlage legen mit mehreren Neuauflagen einen Schwerpunkt auf das Andenken der Ermordeten. So brachte Simon & Schuster im Sommer Garrett M. Graffs große Oral History „The Only Plane in the Sky“ von 2019 erweitert neu heraus. Penguin/Random House legte Joseph Pfeifers „Ordinary Heroes“ wieder auf, das Erinnerungsbuch eines Feuerwehrchefs. Und Jeffrey Robinson rekonstruiert in „Ash and Honor“, das gerade bei St. Martin’s Press erschien, den Einsatz von Polizei, Rettungskräften und Feuerwehr.Der Terror bringt die Gesellschaft gegen sich selbst aufAdam Gopnik verglich kürzlich im „New Yorker“ den Terrorismus mit einer Autoimmunkrankheit: Der Terror bringe eine Gesellschaft gegen sich selbst und ihre eigenen Werte auf, gerade während sie glaube, diese durch einen hochgerüsteten Sicherheitsapparat zu verteidigen. Mehrere Neuerscheinungen fragen, was diese Selbstbeschädigung nach 9/11 bedeutete und wie sie die Welt veränderte. Peter Bergen zieht in seinem kürzlich bei Norton erschienenen „All the Presidents’ Wars: Twenty-Five Years of America’s War on Terror“ die Bilanz der Antiterrorkriege. Der Rezensent der „New York Times“ merkte an, der Leser müsse dabei zu dem Schluss kommen, dass seine Krieg führenden Regierungsvertreter „Idioten, Narren oder Schurken“ gewesen seien.Bergen zeichne dieses Bild aufgrund akribischer Recherche. Der CNN-Journalist hatte Osama bin Laden bereits 1997 in Afghanistan interviewt; für das Buch sprach er mit mehr als 500 Menschen. Der Antiterrorkampagne hält Bergen zumindest zugute, dass ein weiterer großer Anschlag auf die USA verhindert worden sei. Doch eine Regierung nach der anderen habe militärische Operationen begonnen, ohne ausreichend darüber nachzudenken, was danach geschehe.Rozina Ali, Reporterin des „New York Times Magazine“, will die bis heute prägenden gesellschaftlichen Veränderungen verdeutlichen. Ihr bei Crown erschienenes Buch „Seasons of Fury: Four Families and the Rise of Islamophobia in America“ begleitet muslimische Familien, die über Jahre hinweg Überwachung und Verdächtigungen aushalten mussten. Ali beginnt ihre Geschichte lange vor 2001, denn Hass und Misstrauen gegenüber Muslimen gab es schon vorher.„Dauernder Krieg“ und seine FolgenDie Historisierung des „War on Terror“ findet national wie international besonders bei den Universitätsverlagen statt. Jeremy Varons veröffentlichte Ende 2025 bei University of Chicago Press sein Buch „Our Grief Is Not a Cry for War“, das die Antikriegsbewegung rekonstruiert. Anfang dieses Jahres folgte bei Oxford University Press „Perpetual War and International Law“, herausgegeben von Brianna Rosen, über die Folgen für Völkerrecht, Menschenrechte und Kriegsführung. Bei Cambridge University Press erschien dieses Jahr Eric Lewis’ „Leaving Guantánamo“ über kuwaitische Gefangene, ihre Haft und ihre Rückkehr.Bücher wie die von Bergen und Ali zeigen, dass auch die großen Publikumsverlage kritische Perspektiven auf 9/11 und die politischen Folgen ins Programm nehmen. Die meisten dieser Veröffentlichungen bleiben bei der amerikanischen Perspektive. Sie erzählen vom Sicherheitsstaat, von muslimischen Amerikanern, Präsidenten, Politikern und Kriegsgegnern. Irakische oder afghanische Zivilisten stehen selten im Mittelpunkt.Die Belletristik behandelt 9/11 inzwischen auch auf vielfältige Weise, mal als Hintergrundfolie, mal als zeitgeschichtliche Zäsur. Jung Yuns im Frühjahr bei Simon & Schuster erschienener Roman „All the World Can Hold“ beginnt wenige Tage nach den Anschlägen auf einem Kreuzfahrtschiff. Den größten Maßstab wählt William T. Vollmann. Seine für Oktober angekündigte vierbändige Romanfolge „A Table for Fortune“ reicht auf mehr als 3000 Seiten von 1968 bis 2019, vom Kalten Krieg und den verdeckten Operationen der CIA bis hin zu 9/11 und den Kriegen danach. Nach 25 Jahren geht es Autoren in Sachbüchern und Romanen nicht mehr nur darum, an den 11. September 2001 zu erinnern. Viele versuchen auch politische Antworten auf die Frage, was zur Geschichte von 9/11 gehört und wer darin vorkommen sollte.
11. September: Bücher ziehen unbequeme Bilanz der Antiterrorkriege
Vier Präsidenten, endlose Kriege, ein zerrissenes Land – zum 25. Jahrestag des 11. Septembers fragen amerikanische Autoren, was vom „War on Terror“ geblieben ist. Die Antworten sind unbequem.










