Anderthalb Stunden lang hat Richter Holger Schütt versucht, das komplizierte Beziehungsgeflecht rund um Gina H. auszuleuchten, als er direkt nach dem Intimleben der Angeklagten fragt. Er vermeidet das Wort Sex. Aber er weist darauf hin, dass ihr damaliger Partner Matthias R. sich in Sprachnachrichten über einen Mangel an Intimität beschwert habe, und will wissen: Warum hätten sie und Matthias R. getrennte Schlafzimmer gehabt?Gina M. spricht von einer Schlafstörung, die sie aufgrund der zahlreichen Streitigkeiten in der Partnerschaft entwickelt habe. Anderthalb Jahre sei das so gewesen. Als der Richter fragt, ob es trotzdem Intimität gegeben habe, sagt Gina H: „Doch, ab und zu schon, aber selten.“ Der Richter hakt nach, auch wenn es ihm unangenehm scheint: „Was ist selten bei Ihnen?“ Antwort Gina H.: „Manchmal einmal im Monat. Manchmal auch zwei, drei Monate gar nicht. Das ist schon sehr selten.“ Dann sagt sie noch: „Oder Matthias hatte Lust, und ich musste hinhalten.“Es sagt viel über diesen aufsehenerregenden Prozess vor dem Landgericht Rostock, dass es immer wieder ans Eingemachte geht.Wichtigen Zeugen wirft Gina H. Lügen vorDie Befragung am Donnerstag ist in gewisser Weise der dritte Auftritt von Gina H. in dem Verfahren. Seit Ende April muss sich die Dreißigjährige wegen mutmaßlichen Mordes an dem achtjährigen Fabian aus Güstrow verantworten. Laut Anklage soll sie den Jungen am 10. Oktober vergangenen Jahres aus der Wohnung seiner Mutter gelockt und etwa 13 Kilometer entfernt an einem Tümpel mit sechs Messerstichen getötet und den Leichnam anschließend angezündet haben. Das Kind habe ihrer Beziehung zu ihrem Ex-Partner Matthias R., Fabians Vater, im Weg gestanden, glaubt die Staatsanwaltschaft. Gina H. weist die Vorwürfe zurück.Der erste Auftritt der Gina H. liegt inzwischen gut drei Wochen zurück. Nachdem die Angeklagte monatelang von ihrem Schweigerecht Gebrauch gemacht hatte, las sie Ende August eine 95 Seiten lange Einlassung vor. Darin versuchte sie vor allem, belastende Indizien auszuräumen oder durch ihre Version der Dinge infrage zu stellen, wichtigen Zeugen warf sie Lügen vor. Über den ausgedruckten Text gebeugt, las Gina H. sich von Wort zu Wort, ohne je den Blick zu heben. Eine Hand knetete einen silbernen Ball, permanent wippte ihr Fuß. Sie schloss mit den Worten: „Fabian hat mir nie etwas getan, und ich hätte ihm auch nie etwas antun können. Hätte ich ihn ermordet, hätte ich mit Sicherheit das Gefühl gehabt, mein eigenes Kind zu töten.“Bei der Polizei trat Gina H. noch selbstbewusst aufNur wenige Tage später wurde im Saal 2.002 des Landgerichts Rostock ihre Videovernehmung vom 14. Oktober 2025 abgespielt. An jenem Vormittag vier Tage nach Fabians Verschwinden hatte Gina H. die Polizei gerufen, angeblich, nachdem sie die Leiche des Jungen bei einem Spaziergang mit einer Freundin entdeckt habe. Anschließend wurde sie mit zur Wache genommen und als Zeugin aus dem näheren Umfeld des Kindes ausführlich befragt. Zwei Kameras schnitten das Gespräch mit.Mehr als drei Stunden lang konnten Verfahrensbeteiligte und Zuschauer im Gericht nun den Auftritt einer Frau erleben, die mit der Angeklagten im Saal nur wenig gemein zu haben schien. Nicht nur äußerlich hatte sich Gina H. verändert: Anders als die Frau auf der Anklagebank mit der braven Ponyfrisur in Kastanienbraun und den kleinen Spangen über den Ohren trug die Frau bei ihrer polizeilichen Vernehmung die Haare blond gesträhnt und lang bis über die Schultern. Und anders als die scheue Vorleserin vor Gericht schien die selbstbewusste Zeugin bei der Polizei ihren Auftritt förmlich zu genießen.Verfolgen den Prozess intensiv: die Mutter von Fabian (rechts) mit Anwältin Christine Habetha am DonnerstagdpaAusführlich erzählte Gina H. den Vernehmungsbeamten zunächst von ihrem Leben als Alleinerziehende und ihrer Beziehung zu Fabians Vater. Sie streifte ihre schwierige Kindheit, erwähnte eine Vergewaltigung im Jahr 2014 und infolgedessen psychische Probleme, die zum Abbruch ihrer Ausbildung zur Kfz-Lackiererin geführt hätten: Borderline, Depressionen, eine posttraumatische Belastungsstörung. Sie erzählte von regelmäßigen Streitereien mit Fabians Vater, sogar von Handgreiflichkeiten seinerseits, sowie von zwei Suizidversuchen nach der Trennung im Sommer 2025, rund zwei Monate vor Fabians Tod.Andere rückt sich in ein schlechtes LichtIn den meisten ihrer Ausführungen stand sie selbst im Mittelpunkt. „Ich hatte einen hohen Stellenwert für Fabian, ich war ihm wichtiger als sein Papa“, sagte sie zum Beispiel. Oder: „Ich hatte auch echt zu tun mit den Kindern.“ Oder: „Ich kämpfe um das, was ich liebe.“ Sie sagte auch: „Das Problem ist, ich kann nicht lügen.“ In diesem Moment wurde im Zuschauerraum hörbar geschnauft.Nebenbei scheute Gina H. nicht davor zurück, andere in ein schlechtes Licht zu rücken. Fabians Vater, Matthias R., attestierte sie mit Ironie in der Stimme „ein minimales Alkoholproblem“, seine Eltern stempelte sie als Messies ab. Über Fabian sagte sie, er habe sie durchaus angeflunkert und sei im Kindergarten durch aggressives Verhalten aufgefallen.Wenn Zeugen Gina H. im Gericht als egoistisch und manipulativ beschrieben, bekommt man mit Blick auf den Auftritt vor den Videokameras eine Ahnung davon, was gemeint sein könnte. Immer wieder beschwerte sie sich bei den Polizisten, dass sie ihr Handy der Spurensicherung hatte überlassen müssen. Die abendliche Versorgung ihrer Pferde schien für sie dringlicher als ihr Beitrag zur Aufklärung des Verbrechens an Fabian.Die Entdeckung der Leiche schildert sie mit vielen DetailsDen morgendlichen Spaziergang mit der Freundin und die Rolle der Hunde bei der Entdeckung der Leiche schilderte sie dann mit vielen Details: Der Hund der Freundin habe sich losgerissen, sodass sie den Tieren ein Stück mit dem Auto gefolgt seien, bis sie die beiden wiedergefunden hätten. Eine „weiße Schwanzspitze“ habe aus der Kuhle um den kleinen Tümpel emporgeragt, in die sie, Gina H., sich nur hinabbegeben habe, weil der Hund der Freundin nicht gekommen sei, als sie ihn gerufen hätten. So und nur deshalb hätten sie Fabian entdeckt.Kurz darauf gibt es in dem Vernehmungsvideo einen erstaunlichen Bruch. Einer der Beamten, der den Raum verlassen hatte, kehrt zurück und hat offenkundig zwischenzeitlich erfahren, was die Freundin von Gina H. der Polizei berichtet hat. Jedenfalls konfrontiert er Gina H. in deutlich schärferem Ton mit den Worten: „Sie haben das Kind doch nicht zufällig gefunden, das stimmt doch nicht.“ Und tatsächlich erwidert Gina H. nach nur kurzem Zögern: „Ich weiß schon, was Sie meinen.“Hinter einer Mappe: Bei ihren Auftritten vor Gericht, hier in der vergangenen Woche, verbirgt die Angeklagte ihr Gesicht.dpaDann erzählt sie übergangslos detailreich, dass sie das tote Kind schon am Abend vorher im Beisein eines befreundeten Jägers entdeckt habe. Sie wirkt jetzt weniger entspannt als vorher, gelegentlich fallen Schimpfworte. „Das war ein verfickter Scheißzufall“, ruft sie zum Beispiel aus, und als der Polizist entgegnet, dass genau das die Frage sei, beteuert sie: „Ich schwöre bei meinem Kind.“ Sie habe schon abends die Polizei verständigen wollen, aber der befreundete Jäger habe dringend abgeraten. Und nein, sagt sie auf Nachfrage der Beamten, sie habe mit niemandem weiter über den Fund geredet, bevor sie am nächsten Morgen ihre Freundin mit dem Hund um Hilfe gebeten habe.Was soll man dieser Person glauben?Nach mehr als 20 Verhandlungstagen nähert sich die Beweisaufnahme vor dem Landgericht Rostock dem Ende, und vermutlich allen im Saal ist klar: Gina H. war in der Nacht vor ihrem Anruf bei der Polizei ein zweites Mal am Fundort der Leiche, diesmal in Begleitung eines Nachbarn, mit dem sie eng befreundet war. Am Ende ihres mehrstündigen zweiten Auftritts qua Vernehmungsvideo stellt sich deshalb vor allem eine Frage: Wenn jemand im Brustton der Überzeugung nacheinander zwei unterschiedliche Versionen derselben Geschichte zum Besten gibt und dabei wesentliche weitere Informationen nicht nur verschweigt, sondern bestreitet – was soll man dieser Person glauben?Genau das versucht das Gericht nun an diesem Donnerstag herauszufinden, an dem die Angeklagte Gina H. ihren dritten Auftritt hat. Diesmal trägt sie eine gemusterte Bluse in Brauntönen, die den tätowierten Pferdekopf auf ihrem Oberarm zur Geltung bringt. Anstelle kleiner Spangen hat sie die Seitensträhnen ihrer Frisur zu einem kastanienbraunen Zöpfchen am Hinterkopf geflochten.Gina H. scheint für alles eine Erklärung zu habenZunächst geht es ausführlich um das Privatleben von Gina H. Auch hier bohrt der Richter nach den Widersprüchen, die sich aus der Einlassung der Angeklagten, ihrer Videovernehmung und den vielen Text- und Sprachnachrichten an ihr Umfeld ergeben, die im Lauf der Verhandlung eingeführt worden sind.Warum hat sie eine ungewollte Schwangerschaft in der Frühphase ihrer Beziehung mit Matthias R. abgetrieben, darüber aber später gesagt, sie habe das Kind verloren? Warum bestreitet sie heute, eifersüchtig auf Fabians Mutter gewesen zu sein, wenn es seinerzeit hieß: „Ich habe einfach keinen Bock mehr, dass du andauernd mit deiner Ex schreibst, auch wenn es angeblich nur um Fabian geht“? Wieso hat sie vor Gericht behauptet, finanziell gut aufgestellt gewesen zu sein, wenn in so vielen Nachrichten an Matthias R. von Geldsorgen die Rede war? Und wieso kam das Ende der Beziehung zu ihm angeblich so überraschend, wo doch sie selbst in den Tagen zuvor mehrfach von Trennung gesprochen hatte?Gina H. bleibt keine Antwort schuldig, es scheint, als hätte sie für alles eine Erklärung. Gewisse Lücken und Widersprüche übertüncht das nicht. Mitunter macht der Richter aus seiner Skepsis keinen Hehl und treibt sie mit seinen Fragen immer weiter in die Enge. Schließlich ruft sie: „Woher sollte ich wissen, dass Fabian verschwinden würde, ich habe damit nichts zu tun.“Fabians Mutter hört ebenfalls zuWie fast an allen Prozesstagen sitzt auch Fabians Mutter im Gerichtssaal. Sie trägt heute Dunkelblau, kein Schwarz, und hält sich sehr aufrecht, den Blick nahezu unverwandt auf die mutmaßliche Mörderin ihres Sohnes gerichtet. „Ich möchte Fabian ein Gesicht geben und für ihn kämpfen“, hat Dorina L. kürzlich dem „Stern“ gesagt. „Gina soll merken, dass er geliebt wurde und sie damit nicht so einfach davonkommt.“Weiter hat sie dem Magazin erzählt, wie sie sich einst in Matthias R. verliebte, dass Fabian ein Wunschkind gewesen sei und beide Eltern geweint hätten nach seiner Geburt, vor Glück. Heute, sagt sie, wolle sie den Ex-Partner am liebsten nie wieder sehen. Indem Matthias R. nach Fabians Tod erneut eine Beziehung mit der mutmaßlichen Mörderin seines Sohnes eingegangen sei, habe er sein Kind verraten.Fabian beschreibt sie als empathischen Jungen, der gern Computerspiele zockte und sein Fahrrad liebte. Fabians Zimmer sehe aus, als könnte er jeden Moment hereinkommen, heißt es in dem Text. Sein Ranzen sei gepackt, sein Hochbett bezogen. Die letzten Worte, die Dorina L. nach eigener Auskunft am Morgen des 10. Oktober von ihrem Sohn gehört hat: „Hab’ dich lieb, Mama, bis später.“