Was macht man mit einem angebrochenen Abend in New York? Alexander Zverev wusste es selbst nicht so recht. Ein bisschen „Mario Kart“ spielen vielleicht. Schließlich gehört das abseits des Tennisplatzes zu seinen Lieblingsbeschäftigungen während eines Grand-Slam-Turniers. Aber sonst? „Wir haben jetzt keine Zeit, uns die Stadt anzusehen oder so“, sagte Zverev. „Wir haben hier schon ein bisschen was zu tun.“Es war noch nicht einmal halb elf, als der Deutsche am Mittwoch bei den US Open ins Halbfinale eingezogen war. Nachdem er in den Runden zuvor meist bis tief in die Nacht auf dem Platz gestanden hatte, hatte Zverev diesmal quasi die Frühschicht in der Spätschicht des Turniertages bekommen – und dabei lediglich Kurzarbeit verrichtet. Sein Match gegen den Niederländer Botic van de Zandschulp gewann er mühelos 6:2, 7:5, 6:1. 2:17 Stunden benötigte er lediglich dafür.Bis 3:33 Uhr vor dem FernseherZverev wird nun allerdings seinen Rhythmus umstellen müssen. Bislang hatte er bei den US Open, bei denen die „Night sessions“, die Spiele am späten Abend, in diesem Jahr außergewöhnlich lang dauerten, stets erst in den frühen Morgenstunden in den Schlaf gefunden. Selbst dann, wenn er nicht auf dem Platz stand. Am Vortag beispielsweise, so erzählte er, saß er noch bis 3:33 Uhr gebannt vor dem Fernseher und sah zu, wie der Amerikaner Ben Shelton den spanischen Topfavoriten Carlos Alcaraz aus dem Turnier warf.Erst dann legte er sich schlafen. Doch wenn Zverev an diesem Freitag nun das Halbfinale gegen den Russen Karen Chatschanow bestreitet, wird er wohl oder übel früher aufstehen müssen als bisher. Sein Match werde in jedem Fall am Nachmittag angesetzt, also vor dem Duell der beiden Amerikaner Shelton und Frances Tiafoe, obwohl diese einen Tag länger Zeit zur Regeneration hatten, berichtete er. „Nicht optimal“ sei das, sagte Zverev. Aber er werde versuchen, sich darauf einzustellen.Immer besser in FormZverev hat in New York bislang noch jede Unannehmlichkeit bewältigt. Nachdem er sich in den ersten beiden Runden jeweils über fünf Sätze hatte quälen müssen, löste er zuletzt alle Aufgaben souverän.Gegen van de Zandschulp war er zwar nicht unbedingt zufrieden damit, wie er spielte. Doch es war eben bei weitem gut genug, um den an diesem Tag ziemlich matten Weltranglisten-70. klar zu dominieren. Zverev, der als erster Spieler der Tennisgeschichte als Nummer eins der Setzliste in ein Grand-Slam-Turnier gegangen ist, ohne selbst je die Nummer eins der Weltrangliste gewesen zu sein, hat sich damit spätestens nach dem Alcaraz-Aus zum ersten Sieganwärter aufgeschwungen.Wenn junge Tennistalente nach ihren Karrierezielen gefragt werden, geben sie in den allermeisten Fällen dieselben beiden Antworten: ein Grand-Slam-Turnier gewinnen und die Nummer eins der Welt werden. Im Internet finden sich entsprechende Videos vom siebenjährigen Novak Djokovic, von der zwölfjährigen Coco Gauff, vom 13-jährigen Stefanos Tsitsipas und vielen mehr. Wer allerdings nach einer frühen Kampfansage des jungen Alexander Zverev sucht, wird nicht fündig.Denn obwohl der junge „Sascha“ genauso wenig für besonderes Understatement bekannt war wie nun der ältere ist, hört man von ihm stets nur den einen Satz. Vom 14-Jährigen, der mit pickeligem Teenagergesicht an der Seite seines Bruders Mischa herumalbert, vom 16-Jährigen, der lässig unter Palmen fläzt, vom 19-Jährigen, der nach ersten Erfolgen bei den Profis über seine Zukunft spricht: „Mein Traum ist es, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen“, sagt er. Alles Weitere, so sagt er das dann meistens, werde man dann sehen.Mehr als 40 vergebliche Anläufe bis zum Grand-Slam-TitelDen Traum vom Grand-Slam-Titel hatte sich Zverev Anfang Juni bei den French Open nach mehr als 40 vergeblichen Anläufen endlich erfüllt. Und auch wenn er seinerzeit schon andeutete, dass er weitere Grand-Slam-Triumphe wie nun in New York weiterhin anstrebe, rückte in dem Moment auch das andere Ziel endgültig in den Fokus. Die Nummer eins der Welt zu sein – so sieht Zverev das –, ist das letzte Mosaiksteinchen in einer ansonsten fast vollkommenen Tenniskarriere.„Ich hoffe, dass da irgendwas geplatzt ist und ich da auch weitermachen kann“, hatte Zverev im Juni nach dem French-Open-Triumph gesagt. „Ich habe noch ein Ziel, das ich nicht erreicht habe: die Nummer eins der Welt. Es würde mich freuen, wenn ich das für eine Woche mal erreichen kann.“Die Chance auf Platz einsZweiter, wie er das auch jetzt wieder ist, war Zverev schon oft. 2022 war die Chance, noch einen Rang zu klettern, am größten, als Zverev im Halbfinale der French Open dem damals noch alles überragenden Sandplatzkönig Rafael Nadal auf Augenhöhe begegnete. Bei einem Turniersieg wäre er in der Weltrangliste an die Spitze gerückt. Stattdessen riss er sich mehrere Bänder im Fuß, musste das Match aufgeben und eine mehrmonatige Zwangspause einlegen.Nun ist die Chance wieder da. Durch seinen Sieg gegen van de Zandschulp hat Zverev den Abstand auf den derzeit verletzten Jannik Sinner im virtuellen Ranking von rund 5000 Punkten vor dem Turnier auf rund 3000 Punkte verkürzt. Zudem hatte Sinner Ende 2025 die Turniere in Peking, Wien und Paris gewonnen, dazu das Saisonabschlussturnier ATP Finals. Die 3500 Punkte muss er nun in den kommenden Wochen sukzessive verteidigen, wobei noch nicht einmal klar ist, wann der Italiener nach seiner schweren Knieverletzung überhaupt wieder spielen kann. Zverevs Chance ist also groß wie lange nicht.Die Rechnung ist im Grunde recht simpel. Gewinnt Zverev die US Open, hat er in diesem Jahr bislang 700 Punkte mehr gewonnen als Sinner. Diesen Vorsprung müsste er bis zum Jahresende verteidigen, um erstmals an die Spitze zu klettern. Bei einer Finalniederlage gehen beide mit der identischen Punktzahl in die Schlussphase der Saison. Zverev müsste also bei den verbleibenden Turnieren in Asien, dem Masters in Paris und den ATP Finals insgesamt mehr Punkte sammeln als Sinner, um die Führung zu übernehmen.Verliert Zverev im Halbfinale am Freitag gegen Chatschanow, etwa weil er zu unausgeschlafen ist, wäre er dagegen weiterhin der Jäger. Und das, obwohl er nach dem Sieg gegen van de Zandschulp gerade erstmals in seiner Karriere bei jedem Grand-Slam-Turnier eines Jahres das Halbfinale erreichte. Doch womöglich ist ja auch der Rhythmuswechsel beim Nachtarbeiter Zverev noch zu etwas gut. Das Finale am Sonntag beginnt jedenfalls um 14 Uhr.
Alexander Zverev spielt sich locker ins US-Open-Halbfinale
Alexander Zverev ist bei den US Open auf Titelkurs. Im Viertelfinale gelingt ihm ein souveräner Sieg – nun ist er abermals Favorit. Seinen Schlafrhythmus wird er allerdings etwas verändern müssen.














