Am Mittwochabend in New York gab es schlechte Nachrichten für Alexander Zverev. Er macht nicht gerne Medienarbeit, das ist bekannt. In Wimbledon im Sommer erst hatte er bei einem Live-Gespräch den früheren All-England-Club-Champion Michael Stich vielsagend gefragt: „Machst du gerne Presse?“ Jetzt also, es war nicht mal 22.30 Uhr und so früh wie bei keinem seiner vier Siege zuvor bei diesen US Open, stand er bei dem früheren US-Profi Sam Querrey am Mikrofon auf dem Platz im Arthur Ashe Stadium.Gerade war er im Viertelfinale mit 6:2, 7:5, 6:1 über den armen Niederländer Botic van de Zandschulp hinweggefegt. Die Partie war völlig einseitig. Querrey fragte ihn, was er nach einem Match mache. Da erzählte Zverev: Er gehe ins Eisbad, und „dann muss ich Presse machen, was ich hasse“. Sein Pech nur: Solange er gewinnt, muss er Presse machen. Alles hat seinen Preis.MeinungUS Open im Tennis:Die einhändige Rückhand stirbt aus – wie traurigEine halbe Stunde später betrat Zverev den Interview Room 1. Der Raum hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen, fast zwei Wochen nicht. Schlicht, weil Zverev stets nachts gespielt hatte, und irgendwie hatte er durchgesetzt, dass er dann jedes Mal einfach nur rasch in einem Gang einer Handvoll Reportern Rede und Antwort steht. Viermal ging das so. Aber nun ist es doch anders. Zverev ist im Halbfinale angelangt, zum dritten Mal bei den US Open. Das mit dem Verstecken und Ruhe haben wollen, das klappt nicht mehr so einfach.Zverev, und das ist eine beeindruckende Nachricht, spielt schon wieder aussichtsreich um den nächsten großen Titel mit. Er war bei den Australian Open im Halbfinale, in Paris bei den French Open gewann er seinen ersten Grand-Slam-Pokal, in Wimbledon stand er im Finale, nur gestoppt vom Italiener Jannik Sinner. Schon jetzt ist Zverev der überragende Spieler dieser Saison. Der 29-Jährige führt die ATP Tour mit den meisten Siegen (51) an. Er steht in seinem 13. Grand-Slam-Halbfinale – das ist die zweithöchste Anzahl unter den aktiven Spielern nach dem 39 Jahre alten Serben Novak Djokovic (55).Zverev spielt sein Halbfinale am Nachmittag – dafür muss er seine Abläufe um mehrere Stunden vorverlegenMehr noch: Zverev ist der einzige Spieler, der 2026 bei allen vier Grand-Slam-Turnieren das Achtel- und das Viertelfinale erreichte. Erstmals zog er bei allen vier Major-Turnieren in einem Jahr ins Halbfinale ein. Woran man auch Zverevs Klasse erkennt: Immer öfter rückt er in Statistiken dem früheren deutschen Tenniskönner Boris Becker auf die Pelle oder überholt ihn. Sein Sieg gegen van de Zandschulp war sein 23. bei einem Grand-Slam-Turnier in einer Saison – damit hängte er den heute 58-jährigen Becker (22) ab, was diese Art der Statistik betrifft.Und er könnte einen draufsetzen. Nur zwei Siege noch und er, der ewige Unvollendete, dürfte sich zweimaliger Grand-Slam-Champion nennen. Zverev ist aber natürlich schlau genug, nicht über unerreichte Ziele endlos zu philosophieren. In Paris, als er plötzlich – ohne Alcaraz, Sinner, Djokovic in der entscheidenden Phase eines Turniers im Feld – in eine für ihn völlige neue Favoritenrolle gerutscht war, hatte er in Echtzeit lernen müssen, wie man sich einen Tunnelblick aneignet. Wie man Fragen abblockt, sich abschottet, erst auftaucht, wenn es quasi um die Trophäe konkret geht. Alles andere ist in seiner Liga Vorgeplänkel. Und diese Strategie hat er auf New York gemünzt. Der niederländische Sänger Nico Haak besang einst „Schmidtchen Schleicher“. Zverev ist der New Yorker Schleicher. Nachts vor halb leerer Kulisse wiederholt zu spielen, kaum Journalisten zu begegnen, das alles war sein ganz persönliches Wunschkonzert. Damit ist es nur vorbei.Chancenlos gegen Zverev: Botic van de Zandschulp.Frank Franklin II/AP PhotoZverev muss jetzt nämlich eine kleine, aber womöglich nicht harmlose Zäsur hinnehmen. Er muss sein Halbfinalmatch gegen den Russen Karen Chatschanow am Nachmittag als erste Partie im Arthur Ashe Stadium bestreiten. Er, der bekennende Langschläfer, verriet das ausgerechnet der Presse, ehe es in der Nacht offiziell bestätigt wurde. Das zweite Match zwischen den US-Kräften Frances Tiafoe, 28, und Ben Shelton, 23, ist auf frühestens 19 Uhr terminiert. „Das ist jetzt nicht etwas für mich, was mir in die Karten spielt, mit Sicherheit nicht“, gab Zverev zu. Und wunderte sich darüber: „Ich finde es auch etwas komisch, dass Leute, die jetzt zwei Tage freihaben, nach uns spielen.“Tiafoe und Shelton hatten bereits am Dienstag das Halbfinale erreicht, wobei man bei Shelton hinzufügen muss: Er spielte streng genommen auch am Mittwoch. In der spektakulärsten Partie des Turniers hatte der Linkshänder den Spanier Carlos Alcaraz niedergerungen, mit verwandeltem Matchball um 3.33 Uhr morgens. Trotzdem befand Zverev: „Das habe ich noch nie erlebt in meinen zwölf Jahren auf Tour.“ So blieb ihm nur eine Erkenntnis: „Es ist, wie es ist.“ Er muss seine Abläufe um mehrere Stunden vorverlegen: früher aufstehen, früher essen, früher trainieren, früher Fragen abblocken. Er betritt quasi eine neue Zeitzone, gerade in einer Phase, in der es um seine zweite Grand-Slam-Trophäe 2026 geht. In einem Punkt zeigte Zverev Verständnis: „Es sind halt zwei Amerikaner im Halbfinale. Da kann ich schon verstehen, dass die abends spielen wollen.“ Kurz gepoltert, aber alles gut.Eine weitere Situation ist auch neu für Zverev: Bis Paris war er stets derjenige ohne Grand-Slam-Sieg-Erfahrung. Nun tritt er gegen Spieler an, die noch keinen Major-Sieg errungen haben. Ob ihm dies einen Vorteil verschaffe? „Ich denke, derjenige, der hier gewinnen wird, ist derjenige, der das beste Tennis spielt. Manchmal ist es so einfach“, sagte Zverev ausweichend: „Ja, man ist nervös, und einem gehen so viele Gedanken durch den Kopf, wenn man versucht, sein erstes Major zu gewinnen. Ich kenne das. Glaub mir, ich hatte wirklich jeden einzelnen Gedanken, der einem durch den Kopf gehen kann. Aber ich denke, am Ende wird gutes Tennis gewinnen, und wir werden am Freitag und Sonntag sehen, wer das sein wird.“Erst einmal muss er die Hürde am Freitag nehmen, Karen Chatschanow kennt er bestens, seit 20 Jahren. Im direkten Duell der beiden führt Zverev 6:3. Und er hat zuckersüße Erinnerungen an den 30-Jährigen. Bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio besiegte er ihn im Endspiel 6:3, 6:1. In dieser Saison schwächelte Chatschanow etwas und fiel auf den 50. Weltranglistenplatz zurück. Er stieg vor den US Open auf seinen alten Blade-Schläger um, der Rahmen ist härter, der Kopf kleiner, schon klappt es besser. Chatschanow setzte sich im Viertelfinale gegen den Belgier Alexander Blockx durch, der beim Stand von 6:2, 7:5, 3:2 für Chatschanow verletzt aufgab. „Wir nennen ihn den Professor, weil er alles über Tennis weiß“, sagte Zverev respektvoll über Chatschanow: „Er kennt jede einzelne Saitenspannung, er weiß, was jeder macht, das ist ziemlich unterhaltsam.“Gegen beide mögliche Finalgegner hätte er sogar noch bessere Bilanzen. In zehn Duellen besiegte er Tiafoe neun Mal. Shelton hatte in fünf Partien jedes Mal das Nachsehen. Was für eine Chance für Zverev! Das Endspiel ist in jedem Fall für 14 Uhr angesetzt. So gesehen hat das Halbfinale ab 15 Uhr sein Gutes: Zverev kann sich früher an die neue Zeitzone gewöhnen, in der er US-Open-Champion werden will.
US Open 2026: van de Zandschulp chancenlos - Zverev stürmt ins Halbfinale
Alexander Zverev fegt bei den US Open über den Niederländer Botic van de Zandschulp hinweg – nun bietet sich ihm eine große Chance auf den Titel.











