Mitten in … TegernseeEs kommt immer auf die Perspektive an, im Leben wie in der Kunst. „Points of View“ hat der englische Bildhauer und Wahl-Wuppertaler Tony Cragg seine spiegelnde Edelstahlskulptur genannt, die am Ufer bei Schloss Tegernsee seit Kurzem temporär die Blicke auf sich zieht – noch bis zum 5. Oktober ist sie dort im Rahmen der „Tegernsee Art Masters“ ausgestellt. Die in den Spätsommerhimmel strebenden Formen erscheinen wie zwei miteinander kommunizierende Figuren. Zwei ebenfalls miteinander kommunizierende Menschen, sehr wahrscheinlich Touristen, tauschen sich darüber aus: „Des isch Kunst“, sagt die Frau und bleibt stehen. „Des isch mir wurscht“, entgegnet der Mann und geht weiter. Er beharrt auf einen Perspektivenwechsel, der auf das Gebäude vis-à-vis dem See abzielt: „Brauhaus war ausgemacht. Des isch aa Kunst!“ Bernhard BlöchlIllustration: Marc HeroldMitten in … PortlandDa steht man nun nach einem kleinen Bummel durchs hippe Portland an der US-Westküste im Zelt der Dame, die einen so nett angesprochen hat – und überlegt, welches Chutney, welche Gemüsemischung oder Marmelade es wohl wert wäre, vom deutschen Besucher probiert zu werden. Das braune Mini-Schälchen wird zunächst mit etwas Herzhaftem gefüllt. Aus eigenem Anbau sei das alles und selbstgemacht. Ganz eingenommen vom amerikanischen Verkaufstalent vergisst man für einen kurzen Augenblick, dass man nicht in Europa ist, wo auf Straßenfesten solche Schälchen gerne mal aus Waffelteig sind. Erst ein etwas zu energisches Herumkauen auf dem Gefäß, das sich als Pappmaschee entpuppt, holt einen auf den Boden der amerikanischen Tatsachen zurück. Aus der Peinlichkeit gibt es nur einen Ausweg: Eine Erdbeerbutter für 18 Dollar, bitte! Juri AuelIllustration: Marc HeroldMitten in … EdinburghEdinburgh, Schottland. Das Geburtstagskind wünscht sich einen Schottenrock, handmade. Doch in den Läden auf der Royal Mile oder in der Tartan Weaving Mill auf dem Castlehill heißt es: „So sorry!“ Das Geburtstagskind hat eine Sondergröße. Letzte Hoffnung: eine Adresse im Hafenviertel Leith. Außen Aldi und Sozialbauten, drinnen Fotos von berockten Windsors an jeder Wand: Seit 1903 fertige man die königlichen Kilts, auch den „The Queen Elizabeth II Platinum Jubilee Tartan“. Das Karomuster hat sie sich 2022 zu ihrem 70. Thronjubiläum noch selbst zusammengestellt, aber nicht mehr getragen. Sieben Farben, für jedes Jahrzehnt eine. Eingeschränkte Verfügbarkeit, betont die gepiercte Verkäuferin feierlich, sie hat genau ein Exemplar auf Lager. Das Geburtstagskind schlüpft hinein. Und fühlt sich augenblicklich very royal. Jutta CzeguhnWeitere Folgen der Kolumne „Mitten in …“ finden Sie hier.
Kuriose Anekdote vom Tegernsee: Wurst oder Kunst
Ein SZ-Redakteur lernt in Tegernsee, was Multiperspektivität in der Kunst wirklich bedeutet. SZ-Kolumne „Mitten in …“







