Rückschlag in der Kardiologie: Ein neuer Wirkstoff von Novartis senkt erstmals den kritischen Blutfettwert Lp(a). Doch er verfehlt sein wichtigstes ZielUngefähr jede fünfte Person hat zu hohe Lp(a)-Werte – und damit ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Warum ein vielversprechendes Mittel in einer grossen Studie gescheitert ist und was das für die Medikamentenentwicklung sowie für Betroffene bedeutet.10.09.2026, 06.59 Uhr6 LeseminutenMedikamente sollen den Lp(a)-Wert senken und Herz-Kreislauf-Krankheiten vorbeugen.Filippo Bacci / E+ / GettyIn unseren Adern ist immer etwas los. Hormone reisen im Blut mit, Sauerstoff wird durch den Körper geleitet, Nährstoffe gelangen dorthin, wo sie gebraucht werden. Und das jeden Tag, ohne Pause, effizienter als jede menschengemachte Frachtflotte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein paar Voraussetzungen gibt es, um hier mitschwimmen zu können: Entweder ist ein Molekül wasserlöslich, dann reist es ohne Hilfe – oder es ist fettlöslich und braucht eine Art Taxi, um durch den Körper zu rauschen.Das Blutfett Cholesterin nutzt sogenannte Lipoproteine als Taxi. Diese Lipoproteine bestehen aus verschiedenen Fetten und Eiweissen. Eines der bekanntesten Lipoproteine heisst LDL. Bekannt ist es auch als «schlechtes Cholesterin», denn es kann Cholesterin in den Wänden der Blutgefässe ablagern. Damit sorgt es für stockenden Verkehr im körpereigenen Verkehrssystem, womöglich kommt es zum Stau, und das bedeutet Herzinfarkt, Schlaganfall, im schlimmsten Fall: Tod.LDL ist nicht das einzige Transportvehikel, das in unserem Körper Schaden anrichten kann. Auch das Lipoprotein(a), oft nur Lp(a) genannt, steht in einem Zusammenhang mit Verstopfungen der körpereigenen Verkehrswege, mit Herzinfarkten und Schlaganfällen. Wie hoch der Lp(a)-Wert ist, das ist Schicksal. Er ist genetisch bestimmt. «Rund 15 bis 20 Prozent der Menschen weltweit haben erhöhte Werte», sagt Florian Kronenberg, Professor für Genetische Epidemiologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, der sich auf die Erforschung von Lp(a) spezialisiert hat. Als erhöht betrachten Fachleute Werte über 50 Milligramm pro Deziliter – dabei gilt: je höher, desto schädlicher.Eine grosse Studie mit ernüchterndem ErgebnisDas Problem: Während es wirksame Medikamente zur Senkung des LDL-Werts gibt, haben Fachleute gegen Lp(a) nichts in der Hand. Die Entwicklung entsprechender Medikamente läuft zwar. Aber die Forschung hat einen Rückschlag erlitten.Vor wenigen Tagen hat Novartis als erstes Unternehmen weltweit endlich das Resultat seiner Phase-3-Studie zur Behandlung erhöhter Lp(a)-Werte bekanntgegeben. Der Wirkstoff Pelacarsen senkt den Lp(a)-Wert um rund 80 Prozent, das hatte bereits die Phase-2-Studie des Medikaments ergeben. Die neuste Studie zeigt allerdings: Der Wirkstoff kann kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkte und Schlaganfälle im Vergleich zu einem Scheinmedikament trotzdem nicht reduzieren. «Ich war – wie viele andere auch – schockiert über dieses Ergebnis», sagt der Epidemiologe Florian Kronenberg.Er fragt sich: Wie kann es sein, dass die Erwartungen unerfüllt blieben?Vielleicht, so Kronenberg, habe es an der Patientengruppe gelegen, die untersucht worden sei. Das Pharmaunternehmen Novartis hat mehr als 8000 Patienten mit erhöhten Lp(a)-Werten in die Studie eingeschlossen. Alle Teilnehmer hatten schon einmal einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten. Um einen weiteren zu verhindern, hatten Ärzte verschiedene Risikofaktoren wie Blutdruck und LDL-Cholesterinwerte der Betroffenen bereits bestmöglich eingestellt. Die Studienteilnehmer wurden zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt. Zusätzlich zu ihrer bisherigen Behandlung erhielt eine Gruppe das Medikament von Novartis und die andere ein Scheinmedikament.Die Teilnehmer wurden bereits sehr gut behandeltKronenberg sagt zu dieser Patientengruppe: «Die Teilnehmer wurden traumhaft gut behandelt, das muss man schon sagen.» Dieser Einschätzung schliesst sich Isabella Sudano an, Leitende Ärztin der Kardiologie des Universitätsspitals Zürich und Lipidexpertin. Auch Ulrich Laufs, Professor und Leiter der Kardiologie des Universitätsklinikums Leipzig, betont: «Die Werte der Teilnehmer waren sensationell gut eingestellt.» Zudem zählt er auf, dass es unter den Studienteilnehmern nur rund 15 Prozent Raucher gab und bloss jeder vierte Diabetes hatte, was für solch eine Studie wenig sei. Die Teilnehmer hatten gemäss Laufs sowieso schon ein niedriges LDL-Cholesterin. Eine Absenkung des schädlichen Lp(a)-Cholesterins habe in diesem Fall wenige Chancen gehabt, sich zusätzlich positiv auszuwirken.Florian Kronenberg verweist darauf, dass die Studie sogar verlängert werden musste, weil im zunächst geplanten Zeitraum zu wenige kardiovaskuläre Ereignisse wie ein Herzinfarkt aufgetreten waren. Und er sagt: «Menschen, die nur wenige andere Risikofaktoren haben, können einen hohen Lp(a)-Wert ganz gut vertragen. Das wussten wir vorher schon.» Und: «Womöglich hätten die Studienergebnisse anders ausgeschaut, wenn die Personen neben dem erhöhten Lp(a)-Wert noch einige andere unbehandelte Risikofaktoren gehabt hätten.»Aber aus ethischen Gründen müssen in solch einer Studie die Teilnehmer eine anerkannte, leitliniengerechte Behandlung bekommen. Ulrich Laufs sagt dazu: «Solch eine Behandlung ist wirksam, insbesondere die Cholesterinsenkung. Das ist eine sehr gute Nachricht für alle Menschen mit hohem Lp(a). Die andere Seite der Medaille ist, dass es immer schwieriger wird, klinische Studien mit neuen Wirkprinzipien durchzuführen.»Auch die Lipidexpertin Isabella Sudano aus Zürich zieht Bilanz und sagt: «Die Studie zeigt uns also vor allem, dass wir bereits viel richtig machen bei der Behandlung von Hochrisikopatienten.» Sie sagt aber auch: «Seit ich die Pressemitteilung von Novartis gelesen habe, denke ich darüber nach, warum das Medikament keine bessere Wirkung hatte. Und ganz ehrlich: Wir alle können im Moment nur spekulieren.»Denn derzeit gibt es nur die knappe Pressemitteilung von Novartis mit der Information, dass das Ziel nicht erreicht worden ist.Florian Kronenberg fragt: «Wurde das Ziel, Herzinfarkte, Schlaganfälle und Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verhindern, nur knapp verfehlt? Oder wurde es stark verfehlt? Wir wissen es nicht.»Ulrich Laufs fragt: «Gibt es womöglich innerhalb der Studie Subgruppen, die doch profitiert haben? Zum Beispiel Personen mit höheren LDL-Cholesterin- oder höheren Lp(a)-Werten? Auf diese Daten müssen wir noch warten.»Isabella Sudano fragt: «Hat ein Teil der Patienten, die das neue Medikament bekommen haben, vielleicht doch profitiert? Zum Beispiel weil bei ihnen manche Behandlungen seltener nötig waren? Aber da kann man nur spekulieren.»Warum ist Lp(a) so schädlich?«Wir wissen kaum etwas, aber wir werden viel lernen», sagt Florian Kronenberg, «wenn wir endlich die Daten haben.» Die Fachleute erwarten, dass die Studienergebnisse mitsamt den Details beim Kongress der American Heart Association Anfang November vorgestellt werden.Ulrich Laufs wirft noch einen weiteren Punkt auf, der den Misserfolg des Lp(a)-Senkers in dieser Studie erklären könnte: «Eine entscheidende Frage ist für mich, wie viel Pathogenität des Lipoprotein(a)-Partikels durch seinen Cholesteringehalt bedingt ist und wie viel Schaden er verursacht, weil er noch andere bösartige Eigenschaften hat.»Genau wie das LDL-Cholesterin sorgt Lp(a) dafür, dass sich Cholesterin in den Innenwänden der Blutgefässe ablagert und sie dadurch verstopft. Fachleute gehen davon aus, dass Lp(a) darüber hinaus zum Beispiel Entzündungen fördert. Falls das Cholesterin das Hauptproblem ist, würde das – so Laufs – erklären, weshalb es ausreicht, das LDL-Cholesterin der Betroffenen stark zu senken.Womöglich können andere Wirkstoffe mehr ausrichtenVielleicht lag es aber auch am Wirkstoff, den Novartis getestet hat? Pelacarsen reduziert ein Eiweiss, das der Körper zur Bildung von Lp(a) benötigt. Andere, derzeit noch laufende Studien testen Medikamente mit anderen Wirkweisen. «Die Sache ist noch nicht gegessen», sagt Florian Kronenberg. «In etwa zwei Jahren sollten die Ergebnisse einer weiteren Studie erscheinen, und die Ergebnisse sind möglicherweise ganz anders.»Die Novartis-Studie verändert jedenfalls für alle befragten Fachleute nichts an ihrem bisherigen Vorgehen. Isabella Sudano gibt ein Beispiel. Sie habe Patienten, deren LDL-Werte nicht allzu stark erhöht seien. Manchmal reiche es aus, dass diese Personen ihre Ernährung umstellten. Die Fachfrau kontrolliert die Werte etwas später noch einmal und bespricht dann mit ihren Patienten, ob eine Statintherapie sinnvoll wäre. Sei aber neben grenzwertigen LDL-Werten auch noch Lp(a) erhöht und gebe es zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie, dann sei das Risiko dieser Menschen stärker erhöht, so dass sie eher Lipidsenker einsetze. Sie stellt klar: «Die Resultate der Studie verändern nichts an diesem Vorgehen.»Nach wie vor, das betonen Sudano, Laufs und Kronenberg, sei es sinnvoll, einmal im Leben den eigenen Lp(a)-Wert bestimmen zu lassen. Denn er helfe in der Zusammenschau mit anderen Werten dabei, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu ermitteln. Damit die Patienten so gut behandelt werden, wie es derzeit möglich ist.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel