Hinter der HeadlineInnerhalb weniger Tage legt der Basler Pharmakonzern die Ergebnisse dreier wichtiger Studien vor. Dass nur eine davon ins Schwarze trifft, bestraft die Börse schonungslos. Plötzlich rücken auch Sorgen über die ab 2029 drohende Patentklippe wieder in den Vordergrund.Vor dem zweiten Halbjahr 2026 war die Ausgangslage bei Novartis relativ einfach: Mit den Produktkandidaten Remibrutinib, Pelacarsen und Del-desiran hatte der Pharmakonzern drei besonders grosse Pfeile im Köcher. Noch vor Ende des Spätsommers zeigt sich nun: Nur einer davon hat ins Schwarze getroffen, zwei haben ihr Ziel verfehlt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Börse reagiert darauf heftig. Allein am heutigen Dienstag fallen die Aktien rund 10%. Seit gestern beläuft sich das Minus auf rund 13%. Ganze 37 Mrd. Fr. leichter ist das Börsenschwergewicht damit innerhalb von zwei Tagen.Letzte Woche hatte Novartis mit seiner Pille zur Behandlung von schubförmiger Multipler Sklerose (Remibrutinib) noch einen Punktsieg gegen Konkurrent Roche erzielt, was den Aktienkurs auf ein Allzeithoch von über 130 Fr. hievte – der erste Pfeil sass also. Doch diese Woche folgten gleich zwei herbe Enttäuschungen.Erster Dämpfer bei Multi-Milliarden-AkquisitionAm Montag reagierte die Börse bereits deutlich verschnupft, nachdem Pelacarsen, der zweite Pfeil im Köcher, den Blutfettspiegel – genauer gesagt den Lipoprotein(a)-Spiegel – der Patienten zwar deutlich senken, ihr Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle jedoch nicht zusätzlich reduzieren konnte. In der Folge mussten Analysten ihre Schätzungen für den jährlichen Spitzenumsatz des designierten Blutfettsenkers, die zuvor grob zwischen 3 und 6 Mrd. $ gelegen hatten, aus ihren Modellen streichen.Noch schmerzhafter war die Nachricht vom Dienstag, als mit Del-desiran auch der dritte Pfeil sein Ziel nicht traf. Das experimentelle Medikament zeigte bei Patienten mit myotoner Dystrophie Typ 1 – einer erblichen Muskelerkrankung, für die es derzeit keine zugelassene Therapie gibt – keine statistisch signifikante Verbesserung gegenüber einem Placebo.Diese Nachricht ist besonders bitter, stammt Del-desiran doch aus der 12 Mrd. $ schweren Übernahme von Avidity Biosciences, die Novartis erst im Februar dieses Jahres vollzogen hatte. Für viele Investoren galt Del-desiran als wichtigstes Asset des übernommenen US-Biotechunternehmens. Die Schätzungen für den Spitzenumsatz lagen ähnlich hoch wie beim nicht erfolgreichen Blutfettsenker Pelacarsen.Dass die Kursreaktion am Dienstag noch deutlich heftiger ausfiel als am Montag lässt sich rein rechnerisch nicht erklären. Gemäss Urban Fritsche, Pharmaanalyst der Zürcher Kantonalbank, wäre angesichts der zuvor eingepreisten Erwartungen ein Minus von etwa 3 bis 4% nachvollziehbar gewesen – «aber nicht ein Einbruch von fast 10%».Studienfehlschläge kratzen an ReputationDas zeigt: Der Markt sieht im Studienfehlschlag mehr als nur die dadurch entgangenen Umsatzmilliarden. Novartis hatte sich unter CEO Vas Narasimhan in den vergangenen Jahren den Ruf erarbeitet, mit den Akquisitionen ein gutes Händchen zu beweisen. Zwar waren die Übernahmen nicht immer günstig, dafür zielten sie häufig auf Produktkandidaten in einem späten Entwicklungsstadium – wie eben Del-desiran –, die bereits relativ kurz vor einer möglichen Markteinführung standen und entsprechend vergleichsweise geringe Entwicklungsrisiken erwarten liessen.Indem neue, vielversprechende Produktkandidaten eingekauft wurden, hatte es der Pharmakonzern geschafft, Bedenken wegen der ab 2029 drohenden Patentklippe – dann verlieren Blockbuster wie Cosentyx, Kisqali und Kesimpta wichtige Patente – weitgehend in den Wind zu schlagen. Entsprechend stark sind die Aktien in der Vergangenheit gelaufen. Bis am Freitag hatten die Titel auf Fünfjahressicht gut 75% zugelegt, während die Roche-Aktien unter dem Strich lediglich 3% gewinnen konnten.Die zwei Rückschläge innerhalb einer Woche haben neben den entgangenen Einnahmen vor allem zwei Folgen, die die Aktien nun vor eine echte Bewährungsprobe stellen dürften: Erstens hat die Reputation des Managements um CEO Vas Narasimhan in dieser Woche einen deutlichen Kratzer erhalten. Als Novartis Anfang des Jahres 12 Mrd. $ für Avidity Biosciences auf den Tisch legte, staunten Analysten zwar über den hohen Preis. Die allgemeine Lesart war jedoch, dass Narasimhan wisse, was er tue – und sich das Management angesichts der bereits kurz bevorstehenden Studiendaten sehr sicher sein musste, dass die Produktkandidaten funktionieren.Anspruchsvolle BewertungZweitens dürfte die anspruchsvolle Bewertung von Novartis nun zunehmend infrage gestellt werden. Sie beruhte wesentlich auf der Reputation, die sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren erarbeitet hatte, und auf dem Vertrauen der Anleger, dass die anstehende Patentklippe umschifft und das Wachstum ab 2030 mit neuen Produkten gesichert werden kann.Bis am Freitag wurden die Aktien mit rund dem 18-Fachen des für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinns bewertet. Zum Vergleich: Bei AstraZeneca, deren Produktpipeline als eine der lukrativsten unter Europas Pharmakonzernen gilt, liegt das entsprechende Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 15.Die Analysten der Bank of America schreiben, dass mindestens zwei der drei Pipeline-Hoffnungen im zweiten Semester 2026 hätten zünden müssen, um den Glauben daran aufrechtzuerhalten, dass Novartis für die Patentklippe gerüstet ist. ZKB-Analyst Fritsche ist ebenfalls überzeugt: «Die Novartis-Story muss nach der heutigen Nachricht neu geschrieben werden.»Anleger sollten abwartenImmerhin: Etwas Mut macht, dass Novartis trotz der beiden Studienfehlschläge an der mittelfristigen Prognose festhält, den Umsatz bis 2030 im Durchschnitt jährlich um 5 bis 6% zu steigern. Ob auch über 2030 hinaus ein Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich erzielt werden soll, lässt der Konzern hingegen offen.Aus Sicht von The Market ist der starke Abverkauf in dieser Woche kein Grund, nun vorschnell auf eine vermeintlich günstige Einstiegsgelegenheit zu setzen. Nach den jüngsten Rückschlägen dürfte es etwas dauern, bis sich die Aktien auf einem neuen Bewertungsniveau eingependelt haben. Daher heisst es fürs Erste: abwarten.
Nach Studienfehlschlägen: Aktien von Novartis stehen vor Bewährungsprobe
Innerhalb weniger Tage legt der Basler Pharmakonzern die Ergebnisse dreier wichtiger Studien vor. Dass nur eine davon ins Schwarze trifft, bestraft die Börse schonungslos. Plötzlich rücken auch Sorgen über die ab 2029 drohende Patentklippe wieder in den Vordergrund.













