Ruinieren Influencer das US Open? Die Vision vom «Tennis-Disneyland» spaltet die GemüterDas Major-Turnier in New York will ein breiteres Publikum ansprechen und maximale Gewinne erzielen. Doch selbst Spieler sind von den Auswüchsen des Wandels zum Show-Event genervt.10.09.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSerena Williams wird am US Open durch die Handykamera beobachtet: Ein schönes Video für Social Media ist wichtiger als ihre Performance.Robert Prange / GettyGewissermassen hat Craig Tiley alle davor gewarnt, was sie am US Open erwarten wird. Der CEO der United States Tennis Association (Usta) propagierte vor Turnierbeginn seine Vision vom «Tennis-Disneyland». Spieler und Publikum sollten «ganz unterschiedliche Erlebnisse geniessen», sagte Tiley. In diesem Bereich sieht er das grösste Wachstumspotenzial.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das bedeutet: Konzerte, Marketing, Stars, maximale Gewinnorientierung. Und immer mehr Menschen, die wegen des Entertainments in Flushing Meadows aufschlagen, und zwar nicht wegen des Sports.Nun wird es aber vielen zu bunt – besonders den Stars auf dem Court. Influencer wurden extra eingeladen, um das US Open einem neuen Publikum auf Social Media zu erschliessen. Nun sorgen die krakeelenden Selbstinszenierer auf den Rängen aber für Unterbrechungen der Spiele.Wird der Sportwettbewerb der Aufmerksamkeitsökonomie geopfert?Geladene Gäste werden zum ÄrgernisDie Debatte entfachte sich während des Erstrundenmatches zwischen Naomi Osaka und Anastasija Zacharowa. Während des zweiten Satzes wurde es plötzlich laut im Arthur-Ashe-Stadium. In der Loge eines Wodkaherstellers rief eine Gruppe «Hey Leute! Wir sind zurück. Habt ihr uns vermisst?», tanzte vor der Kamera und brach in kreischenden Jubel aus. Ein Fan filmte die Szene.Im Video hält sich ein Mann aus Fremdscham die Hand vors Gesicht. Die Unruhestifter wurden ermahnt, ehe Osaka aufschlagen konnte. Das Match wurde auch von einer Influencerin gestört, die sich mit grellem Licht fotografieren liess.Die Videos der Eklats gingen viral. Ein Schaulaufen der Kritiker, die sich genüsslich an den Influencern abarbeiteten, begann. Der geeinte Vorwurf des Online-Mobs: Influencer verdrängen echte Tennisfans, interessieren sich nur für die eigene Inszenierung und zerstören die Atmosphäre des Turniers.«Da wären ein paar Bälle von mir hochgeschossen worden, da kannst du sicher sein», sagte Boris Becker scherzhaft gegenüber Sporteurope.tv. Und fügte an: «Die können nicht machen, was sie wollen.»Doch die Influencer erfüllen streng genommen schlicht die Aufgabe, für die sie in Scharen nach New York gelotst wurden: Sie generieren Aufmerksamkeit. Sie sollen das Turnier einem Publikum näherbringen, das bisher wenig mit Tennis in Berührung kam. Das Video der störenden Gruppe soll sogar ein Mitarbeiter des US Open gefilmt haben.Die Gruppe war zwar auf Einladung des Wodkaherstellers vor Ort, doch in der öffentlichen Wahrnehmung wird sie mit den rund hundert Influencern in einen Topf geworfen, die von der Usta eingeladen wurden. Diese erhielten Akkreditierungen, die sonst nur klassischen Medien vorbehalten sind. Im Vorjahr waren noch etwa fünfzig eingeladen.Profit und Aufmerksamkeit heiligen die MittelDie Influencer posieren in modischen Outfits vor den Courts – auch während laufender Matches. Sie bewerben die gastronomischen Angebote, halten grinsend ihre Becher mit Honey Deuce in die Kameras, der typische US-Open-Drink mit Wodka, Limonade, Himbeerlikör und Melonenkugeln in Tennisball-Form kostet 23 Dollar. Dazu speisen sie Chicken-Nuggets mit Kaviar für 100 Dollar. Andere sind da, um das Turnier zu loben, die bequemere Alternative zu kritischem Journalismus.Leere Honey-Deuce-Becher sind am US Open kein Abfall, sie sind ein Statussymbol.Jeenah Moon / ReutersAuf Social Media inszenieren die Content Creator die Tenniswelt als elitäres, ästhetisches Spektakel. Wer nicht dabei ist, hat das Gefühl, die grosse Party zu verpassen – und das will heutzutage niemand. Nach mehr als einer Million Besuchern im Vorjahr soll das US Open stetig weiterwachsen. Sei es beim Publikum oder beim Gewinn.Mehr US Open bedeutet mehr Raum für Vermarktung, das scheint die Devise zu sein. Die bereits 2017 eingeführte «Fan Week» ist inzwischen zu einer eigenen Entertainmentwoche vor dem Einzel-Hauptfeld gewachsen: mit Live-Podcasts, Konzerten und kostenlosen Fan-Events. Für Veranstaltungen wie Roger Federers Showmatch mit Andre Agassi, John McEnroe und Andy Roddick oder ausgewählte Mixed-Doppel-Matches mussten Fans aber zahlen. Dem Andrang tat das keinen Abbruch.Die Ground-Pässe am US Open, die nur den Zugang zum Gelände und zu den Nebenplätzen erlauben, kosteten auf dem Zweitmarkt teilweise über 300 Dollar. Gute Plätze im Arthur Ashe Stadium gingen für mehrere tausend Dollar weg.Während Fans über die Preise klagen, profitieren die Spieler vom Boom. 2026 schüttet das US Open 108 Millionen Dollar aus, 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Einzel-Sieger erhalten je 5,5 Millionen Dollar. Doch selbst diese Summen können die Spieler nicht ganz über die Eskapaden des Publikums hinwegtrösten.Chaos in Massen, bitteDas US Open war schon immer für sein leicht chaotisches Flair bekannt und wurde dafür gefeiert, doch «dieses Jahr ist es ein bisschen zu viel», sagte die Amerikanerin Jessica Pegula. Zu den Störungen der Influencer sagte sie zudem: «Die Leute da unten versuchen, ihren Job zu machen. Das wirkt respektlos.» Auch Naomi Osaka erinnerte an die Tennis-Etikette: die Spieler während eines Ballwechsels nicht zu stören.Osaka, selbst ein Social-Media-Star und der Selbstinszenierung mit extravaganten Outfits nicht abgeneigt, sieht die Strategie des US Open, den Sport für alle zu öffnen, dennoch positiv. Solange das Auftreten der Influencer besser geregelt werde. Coco Gauff sieht es ähnlich: «Wenn man zu einem roten Teppich eingeladen wird, kommt man auch nicht in Jeans.»Naomi Osaka inszeniert schon den Weg auf den Court – als Spielerin passt sie zur Philosophie des US Open.Robert Deutsch / ReutersDa die Usta von den Influencern profitiert, wäre ein rigoroses Eingreifen sehr überraschend. Immerhin: Neue Hinweise auf Videoleinwänden fordern das Publikum auf, blendendes Licht zu vermeiden. Dass während der Matches nicht geschrien werden soll, bleibt unerwähnt. Die Botschaft zum Schluss des Infotextes: «Thank you and enjoy the Tennis!»In Wimbledon, wo Tradition besonders gross geschrieben wird, sind die Vorkommnisse in New York sorgenvoll registriert worden. Laut Medienberichten sollen dort störende Influencer-Utensilien wie Ringlichter künftig beschlagnahmt werden. Und eine Akkreditierung für Content Creator wird es nicht geben.Eines muss man dem US Open aber lassen: Die Tradition des schrillsten und lautesten Major-Turniers wurde besonderes in diesem Jahr gewahrt.Passend zum Artikel