Der andere Blickvon Armin Arbeiter, BerlinDer deutsche Aussenminister Wadephul will mehr Waffenbestellungen aus Kiew, doch sein Argument ist schwachDie Unterstützung der Ukraine bringt Deutschland einen erheblichen militärischen Nutzen. Doch je grösser die Summen werden, desto wichtiger wird die Transparenz.10.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDeutschland Aussenminister Johann Wadephul mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski.Thomas Trutschel / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Armin Arbeiter, Redaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.11,6 Milliarden Euro plant die deutsche Regierung für die Unterstützung der Ukraine im kommenden Jahr ein. Militärische und zivile Hilfe zusammengerechnet hat Deutschland seit Beginn der russischen Invasion gut 100 Milliarden Euro geleistet beziehungsweise für die kommenden Jahre bereitgestellt. Das ist viel Geld – und es wird immer schwerer nachvollziehbar, was mit diesem Geld passiert.Abgeordnete von CDU, SPD und Grünen sprechen bereits von einer «Blackbox»: Die parlamentarische Kontrolle sei immer weniger gegeben, Einblick in die Details gebe es nur noch unter strengen Geheimhaltungsbedingungen. Ein Haushaltspolitiker sagte gegenüber der «Süddeutschen Zeitung», es seien eben Steuermittel und das Parlament habe das Recht, die Verwendung von Steuermitteln zu kontrollieren.Milliarden für ein Land bereitzustellen, in dem Korruption trotz Fortschritten bei ihrer Bekämpfung weiterhin ein erhebliches Problem darstellt, sorgt nicht nur bei entschiedenen Gegnern der Ukraine-Hilfe für Skepsis.Er müsse den deutschen Steuerzahlern erklären können, warum sie diese Summen aufbringen, sagte der deutsche Aussenminister Johann Wadephul am Dienstag und forderte von der Ukraine, mehr deutsche Waffen zu kaufen.Die kalte Logik des KriegesZum jetzigen Zeitpunkt sei man «noch nicht ganz zufrieden damit». Dass Wadephul ein Argument dafür benötigt, der deutschen Bevölkerung im fünften Kriegsjahr zu erklären, warum Deutschland Kiew weiterhin militärisch unterstützt, ist verständlich. Nur ist dieses Argument nicht überzeugend.Nach wie vor befindet sich die Ukraine in einem Überlebenskampf und auf einem Schlachtfeld, das sich ständig verändert. Im Wochentakt sind neue, wenn auch kleine Innovationen bei Kriegsgerät jeglicher Art zu sehen. Die einen Systeme sollen Menschen noch schneller und noch effizienter töten, die anderen Menschen vor genau diesen Waffen schützen. Wer dieses technologische Rennen verliert, stirbt. Das ist das eiskalte Gebot des Krieges.Aus Rücksicht auf einen Unterstützer deshalb weniger wirkungsvolle Waffen zu kaufen, käme einem Selbstmord gleich. Und es ist nicht so, als würde die deutsche Rüstungsindustrie darben. Allein der deutsche Wehretat für das Jahr 2027 soll – so der Deutsche Bundestag den Haushaltsentwurf bewilligt – 109,7 Milliarden Euro betragen. Aus dem Sondervermögen kommen zusätzliche 29,9 Milliarden.Das ist in Hinblick auf die Jahrzehnte der Friedensdividende und die Vernachlässigung der Deutschen Bundeswehr notwendig. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Deutschland am besten beschaffen sollte, um den Herausforderungen des modernen Gefechtsfelds Herr zu werden. Immer wieder zeigen einige wenige Ukrainer bei Nato-Übungen auf, wie rasch sie mit ihren Drohnen ganze Bataillone lahmlegen können.Deutschland kauft sich ZeitDass mittlerweile Ukrainer deutsche Soldaten in dieser neuen Art der Kampfführung unterweisen, zeigt den Nutzen, den die deutsche Unterstützung für die deutsche Verteidigung haben kann. Dass Kiew zusagte, Gefechtsfelddaten an Deutschland weiterzugeben, ist für Berlin ebenso von hohem Wert. Damit lässt sich herausfinden, welche Waffen und welche Führungsverfahren unter realen Kampfbedingungen tatsächlich funktionieren, wie schnell sie ausfallen und wie die russischen Streitkräfte darauf reagieren.Zudem operieren einige deutsche Rüstungsunternehmen in der Ukraine und arbeiten mit den dortigen Militärs zusammen, um ihre Waffensysteme zu verbessern.Mit dem Geld für die Ukraine kauft Deutschland Zeit, jene Fähigkeiten aufzubauen, die es selbst jahrzehntelang vernachlässigt hat. Zudem schwächen die Soldaten der Ukraine jeden Tag die Streitkräfte Russlands. Jenes Landes, das Deutschland seit Jahren durch Sabotageakte und andere Operationen zu schwächen sucht und das nach dem versuchten Drohnenanschlag auf den Flughafen Leipzig noch stärker droht.Von der militärischen Hilfe profitiert Deutschland also durchaus.Wadephul und die deutsche Regierung könnten jedoch nachvollziehbarer darlegen, wofür das Geld in der Ukraine verwendet wird. Das funktioniert nicht überall: Militärische Geheimhaltung ergibt in vielen Punkten Sinn. Wenn aber selbst Bundestagsabgeordnete von einer «Blackbox» sprechen und die Kontrolle von Milliarden von Euro nur noch schwer möglich ist, entsteht ein Legitimationsproblem, das das Misstrauen der Steuerzahler weckt.1 KommentarStephan Eder vor 9 Minuten> 100 Mrd € - aber für Projekte im Inland ist kein Geld vorhanden - unglaublich!!!Passend zum Artikel