Man kann nicht sagen, dass es der Generaldebatte im Bundestag an Emotionalität gefehlt hätte. Die AfD-Chefin Weidel befand sich auch am dritten Tag nach dem Triumph ihrer Partei in Sachsen-Anhalt noch im Siegesrausch. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Dröge offenbarte geradezu Mitleid mit dem Bundeskanzler, dem sie seine Erschütterung über den Wahlerfolg der AfD abnehme, weil sie wisse, wie furchtbar er diese finde.Daran ließ auch Merz selbst keinen Zweifel, als er der AfD vorwarf, die von ihr angestrebte „Remigration“ sei ein Synonym für „ethnische Säuberung nach Herkunft und Hautfarbe“. Ethnische Säuberung, wie auf dem Balkan? Da gingen, bei aller berechtigten Kritik an den völkischen Vorstellungen der AfD, auch mit Merz die Pferde durch.An vielen Stellen seiner Rede merkte man dem Kanzler an, wie sehr ihm das Wahldebakel in den Knochen steckt. Und wie klar ihm ist, dass seine Regierung und er selbst eine gehörige Mitverantwortung dafür tragen. Das hatte er auch schon am Wahlabend zugegeben. Von der „neuen Erzählung“ und dem „besseren Überbau“, den es in der Tat braucht, um die Deutschen für die notwendigen Reformen zu gewinnen, war am Mittwoch aber noch wenig zu hören.Deutschland hat sich zu lange ausgeruhtDer alte, also der junge Merz hätte in dieser Lage wahrscheinlich eine flammende Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede gehalten, um, wie am Sonntag angekündigt, „die Menschen auch in ihrer ganzen Emotionalität stärker zu erreichen“. Oder zumindest eine Zeitenwende-Rede wie Scholz.Auch dessen Regierung hatte die Deutschen freilich in dem Glauben gelassen, der russische Angriffskrieg vor ihrer Haustür habe eigentlich keine Folgen für die Sicherheit, den Wohlstand und die Work-Life-Balance in Deutschland. Für die schon von Scholz angekündigte Aufrüstung wurden und werden keine Steuern erhöht, sondern Schulden gemacht, die die künftigen Generationen begleichen müssen. Auch die Regierung Merz wagt es noch nicht, die Wehrpflicht zu reaktivieren.Das von Merz auch am Mittwoch wieder erwähnte Versprechen der Nachkriegspolitik an die Deutschen, in Frieden, Freiheit und Wohlstand leben zu können, wird nicht nur von den Kriegen und Konflikten erschüttert, die Putin und Trump anzettelten. Deutschland hat sich zu lange auf den wirtschaftlichen Erfolgen der Vergangenheit ausgeruht, während andere Staaten, an erster Stelle China, rund um die Uhr und mit allen Mitteln für ihren Aufstieg als wirtschaftliche und politische Macht arbeiteten.Die AfD tut aber so, als müsse das alles die Biodeutschen nicht interessieren. Als sei eine Rückkehr in die angeblich gute alte Zeit möglich, wenn man sich nur mit Putin auf die Lieferung von billigem Gas für Deutschland einige (und auf die Auslieferung der Ukraine an Moskau), massenweise Ausländer ausweise, den linksgrün-versifften Rundfunk abschalte und auch sonst überall wieder deutsch denke (was, wie vieles andere, erst nach der Machtübernahme ausbuchstabiert werden würde).Das ist die „Erzählung“, mit der die AfD immer mehr Wähler angezogen hat. Viele lassen sich von dieser Verheißung so blenden, dass in den Verfassungsschutzberichten stehen kann, was will. Die Parteien der demokratischen Mitte können und dürfen sich daher auch nicht auf die – berechtigten und notwendigen – Warnungen beschränken, wie Deutschland unter der AfD aussehen würde. Sie müssen, was auch Merz verstanden hat, den Deutschen in der gesellschaftlichen Generaldebatte eine positive Gegenerzählung präsentieren.Auch die AfD wäre zu Einschnitten gezwungenDie kann, anders als die AfD-Fiktion, nicht vorspiegeln, dass die Renovierung Deutschlands ohne Abstriche am Liebgewonnenen, aber nicht mehr Finanzierbaren für die „normalen“ Bürger abgeht. Wer die vorhandenen Selbstheilungskräfte Deutschlands entfesseln will, muss manchen Eingriff wagen. Auch die AfD, die wie jetzt Weidel gegen „die sozialistische Umverteilung“ wettert (was man auch in Sachsen-Anhalt wohl überhört hat), wäre zu Einschnitten und Zumutungen gezwungen, die nicht nur die „woken“ Eliten und die „faulen“ Ausländer träfen.Ohne Fleiß kein Preis, per aspera ad astra, no pain, no gain, bez práce nejsou koláče: Diesen Zusammenhang kannte man zu allen Zeiten. Auch Merz hat schon wiederholt auf ihn hingewiesen – und ist immer dafür kritisiert worden. Nur wegen der gewählten Formulierungen? Der Kanzler hat mit seinen Mitteln versucht, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Das gelang ihm bisher nicht. Dieses Versagen ist aber auch nicht ihm allein anzukreiden.Man kann der Meinung sein, dass man für eine neue Erzählung auch einen neuen, unbelasteten, noch nicht angezählten Kanzler braucht. Doch selbst wenn Merz aufgäbe und die Union einen Nachfolger hätte, der die blühenden Landschaften in der Zukunft emotionaler besingen könnte, müsste dieser im Rahmen der bestehenden politischen Kräfteverhältnisse agieren. Und auch er hätte mit einem Volk zu tun, das dazu neigt, mehr vom Staat und seinen Politikern zu verlangen als von sich selbst.