Die jungen Leute stolpern von einer Krise in die nächste. „Warum küssen wir weniger als je zuvor“, „Der Tod des Kusses? Die Gen Z ist zu schüchtern um rumzuknutschen“ oder „Kussabstinenz bei Jugendlichen: Jetzt auch noch Knutschkrise“ betitelten britische und deutsche Medien jüngst das Ergebnis einer britischen Studie, die von dem britischen Zahnhygieneunternehmen „Waken Mouthcare“ in Auftrag gegeben wurde. Das klingt in etwa so, als hätte eine Firma für Outdoorbekleidung eine Studie darüber in Auftrag gegeben, wie viel oder wenig wir uns draußen bewegen.Der „Big Kiss Report“ soll nun jedenfalls belegen, dass weniger geküsst wird als noch vor fünf Jahren. Er wurde von YouGov in Großbritannien erhoben und befragte im Zeitraum vom 15. bis zum 18. Mai mehr als 2000 junge Erwachsene zwischen 18 und 24 zu dem wunderbaren Thema. Laut britischen Medien deuten die Ergebnisse der Erhebung auf eine leise „Kuss-Rezession“ hin. 34 Prozent der Befragten geben an, sie küssen weniger als noch vor fünf Jahren. Ein Fünftel hat länger als ein Jahr niemanden mehr geküsst und 27 Prozent glauben, küssen sei weniger wichtig, als es mal war. Lässt sich damit eine Kusskrise begründen?Immerhin 19 Prozent seien beim öffentlichen Küssen gehemmt, weil sie nicht gern dabei beobachtet werden. Naheliegend, wenn man etwa an den bislang größten Flop einer sichtbaren Annäherung zurückdenkt, als im Juli 2025 während eines Coldplay Konzerts der CEO und die HR-Managerin eines US-amerikanischen Unternehmens umarmend von einer Kiss-Cam eingefangen wurden und ihre Affäre dadurch ans Licht kam.Das prominenteste Ergebnis der Studie besagt jedoch erwartbar und ganz im Sinne des Unternehmens etwas Unspektakuläres: Der größte Kuss-Killer sei schlechter Atem (für 63 Prozent der Befragten), gefolgt von schlechter Zahnhygiene (56 Prozent). Darauf hinzuweisen, sich auch mal die Zähne zu putzen, erinnert an einen Dating-Ratgeber aus Schweden, der einsamen Männern noch dazu nahelegt, vor einem Date duschen zu gehen.In romantischen Komödien steht Sex im VordergrundMögliche Gründe für diese aufgebauschte Kussabstinenz sind vermutlich andere. Junge Menschen sind häufiger Single und einsamer als Generationen zuvor. 40 Prozent würden den richtigen Moment überdenken und gehemmt sein, den ersten Schritt zu gehen. 28 Prozent haben Angst davor, nicht gut zu küssen. Ein Kuss wird zu einem Risiko, das man seltener eingeht.Sex ist so omnipräsent wie nie zuvor, zugleich haben junge Leute immer weniger davon. Eine Studie, die der „Guardian“ zitiert, besagt, dass „Küssen in pornografischen Videos mit Mann und Frau ‚deutlich seltener vorkommt‘ als in den typischen Erfahrungen amerikanischer Erwachsener.“ Selbst in romantischen Komödien steht der Sex mehr im Vordergrund als der ‚Kuss auf der Couch‘“. Es erscheint also naheliegend, dass auch weniger geküsst wird.Um Personen zum Küssen zu treffen, könnte man etwa in den Club gehen. Doch auch die schließen reihenweise. Ohne solche öffentlichen Räume, wo potentiell rumgeknutscht werden könnte, finden weniger reale Interaktionen statt und man verlernt, mit Fremden zu sprechen.Verkrümeln sich junge Menschen also nach innen und küssen nicht mehr? Das mag sein. Der „Big Kissing Report“ belegt es jedenfalls nicht. Was daran groß ist, ist sein launischer Titel und die Hoffnung, gesellschaftliche Probleme einfach wie von Zauberhand mit der Zahnbürste zu lösen.