Was hinter dem stummen Blick der Generation Z steckt – und warum wir alle immer weniger redenLaut einer Studie sprechen wir jedes Jahr weniger Wörter. Was bedeutet das für Geist und Gesellschaft?09.09.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenWas starren die so?magoDie Verhaltensforschung über die Generation Z ist inzwischen eine eigene Disziplin. Immer wieder fallen Medien, Arbeitgebern und Wissenschaftern neue Sonderbarkeiten an den jungen Menschen auf. Manchmal verselbständigt sich eine Beobachtung auch auf Social Media, über die dann rege debattiert wird.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit einiger Zeit beschäftigt auf Tiktok die Frage: Was starren die so? Was hat es mit diesem ausdruckslosen, stummen Blick auf sich, der einen treffen kann, wenn man von einem jungen Menschen in der Bäckerei, im Café oder an der Bar bedient wird?Das Phänomen wird «Gen Z stare» genannt: Statt jemanden direkt anzusprechen und nach den Wünschen zu fragen, starren sie das Gegenüber bloss an, als wüssten sie nicht, was es hier will. Sie sind unfähig oder unwillig, ein paar noch so oberflächliche Worte zu wechseln – Smalltalk zu machen.Diese Beobachtung wird nun wissenschaftlich bestätigt. Tatsächlich reden die Leute weniger in ihrem Alltag. Das besagt eine Untersuchung, die im Juli im Fachmagazin «Perspectives on Psychological Science» veröffentlicht wurde. Heute sprechen wir täglich durchschnittlich 338 Wörter weniger als noch vor zehn Jahren. Das sind fehlende 120 000 Wörter jedes Jahr. Und es betrifft vor allem Menschen unter 25.An der Studie nahmen über 2000 Leute in den USA, Europa und Australien teil. Sie waren zwischen 10 und 94 Jahren alt. Mehrere Tage trugen sie ein Aufnahmegerät mit sich, das die in ihrem Alltag gesprochenen Worte aufzeichnete.Der Sprachverlust ist messbar, weil dem Forscherteam unter der Leitung der deutschen Psychologin Valeria Pfeifer von der University of Missouri in Kansas die Daten aus 14 Jahren zur Verfügung standen. Zwischen 2005 und 2019 nahm der verbale Output um 28 Prozent ab.Die asoziale GesellschaftDie Minuten, in denen man ein stummes Leben führt, gehen dabei kaum auf Kosten von Selbstgesprächen. Vielmehr spricht man weniger mit Familie, Freunden und vor allem Fremden. Im Supermarkt zahlt man im Self-Check-out, das Zugbillett löst man am Automaten, beim Kundendienst antwortet ein KI-Assistent. Man ruft am Telefon höchstens genervt aus. Wenigstens gibt es so noch eine Lautäusserung.Ein Hauptgrund für das Versiegen der verbalen Kommunikation liegt auf der Hand. Man chattet mit dem Smartphone, schreibt sich Textnachrichten, bestellt die Pizza mit einem Klick oder streamt den Film, statt ins Kino oder in die Videothek zu gehen. Mit der sozialen Interaktion nimmt logischerweise auch das Miteinander-Reden ab.Junge – und auch ältere – Leute erleben das nicht nur als Verlust. Die Technologie vereinfacht das Leben auch. Und man gewöhnt sich daran. Bei einem Gespräch muss man dem anderen in die Augen schauen, einen Gesichtsausdruck lesen, sich verständlich machen. Man riskiert, nicht verstanden zu werden. Das strengt an.Das Gespräch als GehirntrainingDeshalb gibt Hirnforschern der Verlust der gesprochenen Sprache zu denken. Aus neurologischer Sicht hält Reden den Kopf fit. Man beugt Wortfindungsstörungen vor und übt konstant, sich auszudrücken. Sprache verbindet. Der Rückzug aus dem sozialen Kontakt hat neben gesellschaftlichen auch psychologische Folgen. Tägliche Gespräche steigern das Wohlbefinden. Einsamkeit macht krank.Dahingehend wird auch das emotionslose, stille Starren der Generation Z gedeutet, die oft angeblich auch nicht grüsst. Das wird von den Älteren als unhöflich empfunden. Es irritiert. Aber vielleicht ist es auch bloss Unsicherheit, ein spontanes Gespräch zu führen. Vielfach ist von Angst die Rede.Die Pandemie, so sagen Fachleute, habe auch der Sprachgewandtheit und der sozialen Geschmeidigkeit junger Menschen zugesetzt. Man nennt es heute oft autistisch. Wenigstens das: Über die Generation Z gibt es weiterhin viele Worte zu verlieren.Passend zum Artikel
338 Wörter weniger pro Tag: Laut Studie betrifft Sprachverlust vor allem Generation Z
Laut einer Studie sprechen wir jedes Jahr weniger Wörter. Was bedeutet das für Geist und Gesellschaft?









