Es gibt ziemlich viele Spiele im Herrentennis, von denen Augenzeugen behaupten, sie seien die besten in der Geschichte des Sports gewesen, McEnroe gegen Borg in Wimbledon 1980, Federer gegen Nadal ebendort 2008, zuletzt Alcaraz gegen Sinner in Paris 2025. Die Frage, ob das Viertelfinale zwischen Carlos Alcaraz und Ben Shelton bei den US-Open, das am Mittwochmorgen um 3.33 Uhr New Yorker Ortszeit mit dem Sieg Sheltons im Tiebreak des fünften Satzes endete, in diese Reihe zu stellen sei, ist deshalb müßig.Sicher aber ist, dass es einige der spektakulärsten Ballwechsel bereithielt, die selbst ältere Tennisfans mit hoher Bildschirmzeit jemals gesehen haben. Mehrfach erliefen beide Bälle, die nach menschlichem Ermessen unerreichbar waren, und platzierten ihre Konter wiederum mit solcher Präzision, dass man den Punkt nun aber endgültig für entschieden halten musste, um vom jeweils anderen Spieler abermals eines Besseren belehrt zu werden. Wir können nur dazu ermuntern, sich die Zusammenfassung dieses Spiels auf den einschlägigen Kanälen anzuschauen.Unvergesslich aber bleibt die Partie wegen einer Szene, die sich nach dem letzten Ballwechsel abspielte. Der Verlierer kam mit einem breiten Lächeln ans Netz, um dem Sieger zu gratulieren. Es war kein trotziges Lächeln, mit dem man zu erkennen gibt, das Ergebnis als ungerecht zu betrachten. Auch keines von der verkrampften Sorte, die für den Oscar nominierte Schauspieler in Hollywood zeigen, wenn gerade ein anderer zum Gewinner gekürt worden ist. Es war ein entspanntes, freies, gewinnendes Lächeln, aus dem die reine Freude sprach, Teil dieses atemberaubenden Matches gewesen zu sein.Es ist eine von den vielen guten Eigenschaften des Tennissports, dass das eigene Spielniveau mit hoher Wahrscheinlichkeit steigt, wenn der Gegner gut drauf ist (immer vorausgesetzt, man bewegt sich grundsätzlich auf einem ähnlichen Level). Aber das bedeutet nicht automatisch, dass die Beteiligten darüber Freude empfinden. Der große Novak Djokovic tut das, zumindest in den späten Jahren seiner sich dem Ende zuneigenden Karriere. Schön zu sehen auch, dass der einst so Verbissene nach starken Schlägen des Gegners diesem gern mit einem kurzen Klopfen auf die Saiten des Schlägers Anerkennung zollt.So weit ist Alcaraz noch nicht, eine solche Geste könnte angesichts seiner jungen Jahre sogar als überheblich verstanden werden. Aber der Dreiundzwanzigjährige zeigt New York und der Welt, was Sport im besten Falle ausmacht: Am Gegner wachsen, bis an die eigene Grenze gehen und daraus Momente der Schönheit kreieren, die reiner Selbstzweck sind. Wie schön, wenn sein Lächeln und die faire Haltung, von der es zeugt, ansteckend wirken sollten.