Als Ben Shelton im Achtelfinale der US Open am vergangenen Sonntag den Griechen Stefanos Tsitsipas in drei einseitigen Sätzen besiegt hatte, blickte er beim kurzen Interview auf dem Hartplatz im Arthur Ashe Stadium auf den nächsten Gegner voraus. Am Dienstag würde Carlos Alcaraz auf ihn warten, der 23-jährige Spanier, der nach vier Monaten Verletzungspause bei diesem letzten Grand-Slam-Turnier der Saison in New York zurückgekehrt war.Was es benötige, um Alcaraz, der schon sieben Grand-Slam-Titel eingesammelt hat, zu bezwingen, wurde er gefragt. „Besonderes Tennis“, sagte Shelton, ebenfalls 23 und eine der bekannten Hoffnungen im US-Tennis, ohne lange nachzudenken. „Das Niveau, auf dem er gespielt hat, ist wirklich, wirklich beeindruckend“, sagte er weiter: „Fünf Monate nicht zu spielen und dann rauszukommen und zu tun, was er in diesem Turnier bisher geleistet hat, war übermenschlich.“ Er erinnerte damit an die ersten vier Auftritte des Weltranglisten-Dritten Alcaraz in New York, in denen der Ausnahmeathlet tatsächlich geglänzt hatte. „Er beleuchtet das Stadion jedes Mal, wenn er spielt“, schwärmte Shelton und prognostizierte: „Es wird am Dienstagabend Feuerwerke geben.“Wie sehr sollte er recht behalten. Zwei Tage später standen sich die beiden also gegenüber in einer stimmungsmäßig wunderbar aufgeheizten Arena; Big-Time-Atmosphäre herrschte, jeder der mehr als 23 000 Anwesenden auf den Tribünen wusste: Großer Sport mit großartigen Athleten stand bevor.MeinungUS Open im Tennis:Die einhändige Rückhand stirbt aus – wie traurigEs sind Abende wie jener am Dienstag, für die die US Open ganz offensichtlich geschaffen wurden. Zwei Protagonisten auf Augenhöhe, mindestens einer aus den USA, Prominente in den Logen und Zuschauer, die stark mitfiebern und sich entsprechend laut einbringen, das war in Flushing Meadows schon immer eine geniale Rezeptur für knisternde, emotional aufgeladene Momente. Vor allem dann, wenn es sich bei den Kontrahenten um extrovertierte Wesen handelt, wie es Alcaraz und Shelton sind.Shelton gewinnt nach 17 vergeblichen Versuchen erstmals gegen einen Top-drei-SpielerSchon der erste Satz war eine einzige Aneinanderreihung spektakulärer Aktionen. Alcaraz schoss Bälle wie Pfeile in die Ecken, der Linkshänder Shelton konterte mit Schlägen in Lichtgeschwindigkeit, so wirkte es beizeiten. Shelton zimmerte seinen Aufschlag mit seiner Klappmesserbewegung auch reihenweise mit 220 und 230 km/h ins Feld. Die Leute standen wieder und wieder auf. So ging das ununterbrochen, bis das Feuerwerks-Treffen nach 4:28 Stunden beendet war. Und das mit einem Resultat, das das Gastgeberland jubeln ließ. Der Weltranglisten-Neunte Shelton gewann erstmals nach 17 vergeblichen Versuchen gegen einen Top-drei-Spieler und siegte 6:7 (5) 6:1, 6:3, 1:6, 7:6 (10:7) gegen den New Yorker Champion der Jahre 2022 und 2025. Es ist der größte Erfolg seiner Karriere. Damit steht auch fest: Ein US-Mann wird auf jeden Fall im Finale stehen. Shelton trifft im Halbfinale auf Frances Tiafoe, 28. „Es ist unglaublich“, sagte Shelton, „das ist die großartigste Sportstadt in der Welt. Das ist das großartigste Stadium in der Welt.“Auch aus einem anderen Grund wird dieses Duell nachhallen. Den Matchball verwandelte Shelton um 3.33 Uhr. So spät endete noch nie eine Partie in New York. Die fragwürdige Bestmarke hielten seit 2022 Alcaraz und der Italiener Jannik Sinner inne. Der Viertelfinalsieg von Alcaraz nach 5:15 Stunden stand damals um 2.50 Uhr fest. 2024 hatte Alexander Zverev seinen Drittrundensieg gegen den Argentinier Tomás Martín Etcheverry um 2.35 Uhr besiegelt. Beim diesjährigen Turnier spielte der Deutsche in Runde zwei gegen den Franzosen Quentin Halys bis 2.15 Uhr. Das späteste Ende bei allen vier Grand-Slam-Veranstaltungen erlebten die Australian Open 2008, als die Partie von Lleyton Hewitt aus Australien und Marcos Baghdatis aus Zypern um 4.34 Uhr morgens abgeschlossen wurde. Die späteste Partie generell bestritt auch Zverev, 2022 in Acapulco. Sein Match gegen den US-Profi Jenson Brooksby endete um 4.55 Uhr.„Es ist unglaublich“: Ben Shelton steht jetzt im Halbfinale der US Open.Eduardo Munoz/ReutersDiese US Open, die seit Beginn eine Debatte wegen viel zu spät endender Matches ertragen müssen, erlebten jetzt also die Krönung bei diesem Thema. Schon in der ersten Turnierwoche hatten reihenweise Matches weit nach ein und zwei Uhr nachts geendet, darunter bereits die erste Partie von Zverev gegen den Italiener Lorenzo Sonego. Zverev kämpft gegen den Niederländer Botic van de Zandschulp, 30, um den Halbfinaleinzug. Alcaraz müsste er im Finale also nicht mehr fürchten. Noch hält der Veranstalter, der amerikanische Verband, stur an seinem seit Jahren bestehenden Zeitplan fest, aber die Kritik, dass es so nicht weitergehen könne, wurde zuletzt lauter. Die zu enge Taktung der terminierten Matches sorgt regelmäßig dafür, dass andere Matches viel zu spät starten können.So war es auch am Dienstag. Vor dem Duell von Alcaraz und Shelton hatten zunächst die Amerikaner Tiafoe und Alex Michelson, 22, 4:39 Stunden lang gespielt, ehe Tiafoe 5:7, 3:6, 7:5, 6:3, 7:6 (10:6) siegte. Für die beiden Abendpartien musste dann erst das Stadion geräumt werden, die Tages-Zuschauer mussten hinaus, da neue Abend-Tickets verkauft worden waren. So starteten die Amerikanerinnen Jessica Pegula, 32, und Emma Navarro, 25, nicht um 19 Uhr wie geplant ihr Viertelfinale, sondern um 20.22 Uhr. Im Duell der Milliardärstöchter setzte sich Pegula 3:6, 6:4, 6:3 durch. Der erste Aufschlag von Shelton erfolgte danach erst um 23.05 Uhr.Alcaraz war nach seinem furiosen Beginn mehr und mehr anzumerken, dass er aufgrund seiner Handgelenksverletzung sehr lange pausiert hatte. Ihm fehlte Matchpraxis. Auf diesem Niveau wie gegen Shelton, der sich auch vom frenetischen Heimpublikum tragen ließ, hatte er lange nicht agiert. Nachdem er in den Sätzen zwei und drei eingebrochen war, fing sich Alcaraz. Allerdings litt er sichtlich. Einmal sah es aus, als hätte er sich in ein Handtuch übergeben. „Ich bin heute nicht enttäuscht, sondern glücklich und stolz, wie ich gekämpft habe“, sagte der Spanier hinterher.Und Shelton? Strotzte vor Kraft. Um 2.58 Uhr schlug er einen Aufschlag mit 231 km/h auf. In leeren Logen fingen schon Putzkräfte mit Wischmopps zu putzen an. Nach dem ersten Satz hatten bereits viele Zuschauer das Arthur Ashe Stadium verlassen. Auch New Yorker müssen mal schlafen.
US Open 2026: Alcaraz scheitert nach Krimi nachts um 3.33 Uhr an Ben Shelton
„Es ist unglaublich“: Nach einem denkwürdigen Match gegen den US-Amerikaner Ben Shelton muss Mitfavorit Carlos Alcaraz die US Open verlassen. So spät endete noch nie eine Partie in New York.










