Als das letzte Ass geschlagen, der letzte Punkt gemacht, der unvergleichliche Carlos Alcaraz tatsächlich bezwungen war, blickte Ben Shelton ein wenig ungläubig drein. Die Uhr zeigte bereits 3:33 Uhr. So tief in der Nacht hatte in der langen Geschichte der US Open noch nie ein Match geendet.Doch trotz der späten Stunde kreischten auf den Tribünen viele Tausend Tennis-Fans, begeistert vom großen Viertelfinal-Coup des Amerikaners. Shelton verharrte wenige Sekunden in seiner Pose, dann streckte er die Zunge raus. Er begann zu lachen. „Es war mir eine riesige Ehre“, schwärmte Shelton nach einem faszinierenden und hochklassigen Duell über rund fünfeinhalb Stunden. „Nie zuvor habe ich ein Match so genossen.“Dazu passte, dass sein geschlagener Gegner, der in New York nach fast fünfmonatiger Verletzungspause sein Comeback gegeben hatte, ähnlich klang. „Ich bin nicht enttäuscht, sondern glücklich und stolz, wie ich heute gekämpft habe“, sagte Alcaraz: „Ich verlasse diesen Platz mit einem Lächeln, voller Glück und vor allem gesund.“Sheltons 6:7 (5:7), 6:1, 6:3, 1:6, 7:6 (10:7)-Sieg über den Turnierfavoriten war dabei nur die bislang heftigste Erschütterung in einem amerikanischen Tennisbeben, das New York seit mehreren Tagen bewegt. Wenige Stunden zuvor hatte nämlich bereits Frances Tiafoe, der nun Sheltons Gegner im rein-amerikanischen Halbfinale an diesem Freitag sein wird, seinen Schläger freudestrahlend zur Seite geschmissen.Plötzlich mitten im Jubel stoppte Tiafoe jedoch, drehte ab und sprintete zu seinem geschlagenen Gegner. Er umarmte Alex Michelsen, auch dieser ein Amerikaner. Michelsen brach in Tränen aus. Tiafoe umarmte seinen Freund inniger. 25 Sekunden vergingen. Das Publikum reagierte mit Standing Ovations.Amerikas Sehnsucht nach dem EinzeltitelDer Dienstag war aus Sicht der Heim-Nation der US Open der bisherige Höhepunkt des Turniers. Neben Sheltons bemerkenswertem Sieg gegen Alcaraz, neben Tiafoe und Michelsen hatten sich schließlich auch bei den Damen Jessica Pegula und Emma Navarro ein rein amerikanisches Duell um den Einzug ins Halbfinale geliefert, das Pegula in drei Sätzen gewann.Insgesamt hatten sich sechs Amerikanerinnen und Amerikaner in New York ins Viertelfinale gespielt. Bereits am Montag hatte der ausrichtende amerikanische Verband USTA stolz eine Pressemitteilung ausgesendet mit dem Hinweis, dass sich zehn US-amerikanische Profis im Einzel für das Achtelfinale qualifiziert hatten. Das waren so viele wie seit 2002 nicht mehr.Damals hatten zur Hoch-Zeit von Pete Sampras, Andre Agassi und den Williams-Schwestern elf Amerikaner unter den besten 16 gestanden. Sampras gewann später das Turnier, bei den Frauen besiegte im Endspiel Serena Williams Venus Williams. Ein Jahr darauf gelang Andy Roddick der bis heute letzte Turniersieg eines Amerikaners bei den Herren. Es folgte eine Schwächeperiode, die der amerikanische Verband nach einigen erfolgreichen Reformen, zumindest was die Breite der Topspieler angeht, aber längst überwunden hat.Doch während es bei den Frauen etwa 2017 durch Sloane Stephens oder 2023 durch Coco Gauff weitere Heimsiege gab, bleibt die Sehnsucht nach dem Einzeltitel bei den Herren groß. Das weiß auch Tiafoe, der Publikumsliebling in New York. Der F.A.Z. antwortete er auf die Frage nach dem Aufschwung des amerikanischen Tennis zunächst, indem er die Frauen in den höchsten Tönen lobte.Dann wendete er sich dem Herrentennis zu. „Bei den Grand-Slam-Turnieren kommt immer jemand weit“, sagte Tiafoe, der in New York zum dritten Mal im Halbfinale steht. Er erwähnte Taylor Fritz, Shelton, Michelsen, Tommy Paul und den talentierten Learner Tien. „Wir sind eine gute Truppe, die wirklich gut spielt. Hoffentlich schaffen wir es, und das ist letztlich das Ziel, dass wir in zwei Wochen den Titel holen wollen. Das ist sozusagen der nächste große Schritt.“Die USTA soll „so weitermachen“Dass nun entweder Tiafoe oder Shelton im Endspiel am Sonntag diesen Schritt machen können, ist für das amerikanische Tennis auch der Lohn für jahrelange erfolgreiche Aufbauarbeit. Die Voraussetzungen, erfolgreiche Tennisspieler hervorzubringen, sind schließlich besser denn je. Der oft kostenlose Zugang zu öffentlichen Tennisplätzen garantiert niedrige Einstiegshürden.Laut der Tennis Industry Association (TIA), einem Zusammenschluss von Unternehmen aus der US-Tennisbranche, die Daten erheben lässt, betrug die Gesamtzahl aktiver Tennisspielerinnen und -spieler in den Vereinigten Staaten 2025 27,3 Millionen (2016: 18,08 Millionen). Rund um das Millennium griffen „nur“ 13 Millionen zum Schläger.Allein das Majorturnier in New York generiert für den Verband zudem einen Gewinn von 277,4 Millionen US-Dollar (Stand 2025). Nach dem Motto Klotzen statt Kleckern hat der Verband in Orlando (Florida) daraufhin vor neun Jahren auf einem Privatgelände ein nationales Trainingscenter geschaffen (Kosten: rund 65 Millionen US-Dollar).Dort gibt es mehr als 100 Outdoor- und Indoor-Plätze, modernste Gebäudekomplexe, das Verwaltungsgebäude der USTA, ein Internat für Nachwuchsspieler, Fitnesscenter und Schulungsräume. Jährlich finden hier mehr als hundert Turniere, auch für Amateure, statt. Dazu kommen Verbandsturniere und Events aus dem Collegesystem.Mit den finanziellen Ressourcen der USTA wird außerdem auch andernorts der Sport gefördert, etwa im Junior Tennis Champions Center in Maryland. Tiafoes Vater arbeitete dort als Hausmeister, sein Sohn lebte dort mit ihm und reifte zum Topspieler. Ähnliche Einrichtungen gibt es in anderen Staaten wie Kalifornien. Tiafoe sagt über die USTA-Maßnahmen nur: „Das US-Tennis befindet sich in einer hervorragenden Lage. Was auch immer die Verantwortlichen der USTA tun, sie sollten damit weitermachen.“