Besucher fotografieren in Venedig fast alles, wirklich sehen tun sie jedoch nur wenig. Davon ist Arianna Abbate überzeugt, sobald die Architektin auf Touristen trifft, welche die Lagunenstadt an nur einem Tag erkunden wollen und sich hierfür bereitwillig der Tyrannei des Massentourismus unterwerfen. Dabei ist Venedig ein lebendiges Wissenslabor, in dem alte Handwerkskünste noch immer im Mittelpunkt der kulturellen Identität der Stadt stehen. „Erst Kunsthandwerker haben Venedig zu seiner Größe verholfen. Dieses Wissen darf auf keinen Fall verloren gehen“, sagt Abbate. Allein im Dogenpalast, der bis 1797 das politische Zentrum der Seerepublik war, hat die leitende Projektarchitektin der Stiftung Städtischer Museen Venedigs schon Monate zugebracht. Zuletzt im Saal der vier Türen, dessen nun finalisierte Restaurierung sie federführend begleitet hat.Allmählich setzt bei den Besuchern die Genickstarre ein, so gebannt sind ihre Blicke zu den Deckengemälden des Saals gerichtet. Zwischen üppigen Stuckelementen sind dort vornehmlich Meisterwerke von Tintoretto zu sehen, welche die mythische Gründung Venedigs und ihre Herrschaft übers Meer zeigen. In diesem Wartesaal zum Zentrum der Macht sollte Venedigs Autorität bereits zum Ausdruck kommen, noch bevor ein einziges Wort gesprochen war und man über die vier Türen Zugang zu den wichtigsten Gremien bekam. An der Gestaltung des Saals haben deshalb einige der bedeutendsten Künstler der Stadt mitgewirkt: Entworfen hat ihn Palladio, die Stuckarbeiten stammen von il Bombarda, die Skulpturen von Vittoria und die Gemälde von Tizian sowie Tintoretto.Eine Operation am offenen Herzen sei die Restaurierung gewesen, sagt Abbate, denn Besucher konnten bei laufendem Betrieb den Restauratoren bei der Arbeit zusehen. Auf ihrem Mobiltelefon zeigt sie Fotos der über die Jahre stark in Mitleidenschaft gezogenen Gemälde. Nachträglich hinzugefügte Übermalungen mussten identifiziert und all jene entfernt werden, die nicht zum Ursprungswerk gehörten. Dabei entdeckten Experten eine kunstgeschichtliche Sensation: „Entgegen früheren Annahmen handelt es sich bei den Tintorettos nicht um Fresken, sondern eine Maltechnik, bei der die Farben mit Öl auf einem Gips- und Leimpräparat aufgetragen wurden“, erklärt Abbate.Kopf hoch: Und schon sieht man Meisterwerke von TintorettoMargit KohlDie ganze Pracht drohte jedoch für immer verloren zu gehen, weil Wasserschäden und unsachgemäße Erhaltungsversuche über Jahrhunderte den Gemälden stark zugesetzt hatten. Fast 750.000 Euro mussten für die zweijährige Renovierung des Saals aufgebracht werden. Viel Geld für nur einen Raum, das die städtischen Museen Venedigs allein nicht hätten bereitstellen können. Da mag es ein Glücksfall gewesen sein, dass man über die gemeinnützige Organisation Save Venice als Hauptsponsor das Luxushotel Gritti Palace gewinnen konnte, wo man seit jeher eine tiefe Verbindung zur künstlerischen Welt Venedigs pflegt und ähnliche Projekte regelmäßig unterstützt.Obendrein ist Save Venice mit Hauptsitz in New York bereits in der Lagunenstadt aktiv, nachdem eine große Überschwemmung 1966 Tausende unwiederbringliche Kunstwerke und Gebäude beschädigt hatte. Die UNESCO hatte damals weltweit zur Hilfe aufgerufen. Venezianische Maskenbälle mit Spendengalas kommen immer gut an in den USA, und so kann Save Venice wichtige Restaurierungen jährlich mit etwa drei bis sechs Millionen US-Dollar unterstützen.„Das Ergebnis unseres Engagements sollen sich unsere Gäste auf privat geführten Expertentouren wie im Dogenpalast auch jederzeit ansehen können“, sagt Giovanni Cellerino, General Manager des Gritti Palace. Dabei mutet schon allein der Gang durch das Traditionshotel mit seinen antiken Möbeln, seltenen Stoffen und Leuchtern aus Murano-Glas an wie eine Reise in jene Zeit, als der historische Adelspalast in den 1520er Jahren noch Privatresidenz des Dogen Andrea Gritti war. Ein Porträt Grittis, das aus der Werkstatt Tizians stammt, schmückt noch heute die roten Damastwände der Bibliothek.Ein paar Schritte weiter in der Longhi-Bar mit ihren geätzten Spiegeln aus den Vierzigerjahren wird das geschulte Auge weitere kostbare Kunstwerke erkennen wie die Originalgemälde des venezianischen Meisters Pietro Longhi aus dem 18. Jahrhundert. Die Bewahrung künstlerischer Werte bleibt auch in den Zimmern und Suiten unübersehbar, von denen kein Raum dem anderen gleicht. „Das Gritti Palace verdankt der Meisterschaft venezianischer Handwerker seine Existenz. Nur durch sie kann die historische Pracht unseres Hauses erhalten bleiben“, sagt Cellerino. Deshalb habe man beschlossen, den Gästen bei exklusiven Führungen unter Leitung einiger der angesehensten Meister der Stadt einen Einblick in deren außergewöhnliche Kunstfertigkeiten zu bieten.Edel: Handtaschen, die man gerne tragen würdeMargit KohlDie meisten Touristen verpassen solche Möglichkeiten, wirken alteingesessene Werkstätten von außen oft unscheinbar oder liegen versteckt in ruhigeren Vierteln. So wie die historische Seidenweberei Bevilacqua in der Nähe des Hauptbahnhofs Santa Lucia, deren handwerkliche Wurzeln bis ins Jahr 1499 zurückreichen. Kaum tritt man ein, empfängt einen ein lautes, rhythmisches Rattern und Klackern. Es stammt von mehr als hundert Jahre alten mechanischen Webstühlen, die von geschulten Weberinnen mit vollem Körpereinsatz von Händen und Füßen wie in einer Choreographie in Bewegung gesetzt werden. Verschiedene Muster aus der Renaissance sind dabei in 3500 gestanzten Lochkarten gespeichert. Ein ausgeklügeltes System, das auf Joseph-Marie Jacquard zurückgeht und als Vorläufer moderner Computertechnik gilt. Damit können Stoffe aus bekannten Palazzi, die den Glanz der Vergangenheit in sich tragen, originalgetreu nachgewebt werden.Schon in vierter Generation entstehen bei den Bevilacquas auf diese Weise Samt und Brokatstoffe, die nicht nur Museen, Kirchen und Paläste schmücken, sondern auch Abendroben von Dior oder Handtaschen der Designerin Roberta di Camerino, die Grace Kelly einst mit Stolz getragen hat. Bei ihrer Werksführung zieht Anna Scagnellato einen ganz besonderen Stoff aus dem Regal, für dessen aufwendige Herstellung die Weberei bekannt ist: Soprarizzo-Samt, in dem sich das Licht verfängt wie in kaum einem anderen. Hierfür wird von Hand geschnittener, weich glänzender Samt kombiniert mit ungeschnittenem, der rauer wirkt. „Die ausgefallene Webetechnik verleiht dem Stoff eine nahezu dreidimensionale Tiefe, die sich im Motiv plastisch vom andersfarbigen Untergrund abhebt“, erklärt Scagnellato, während sie sanft mit der Hand über den Samt streicht.Weil von so komplexen Stoffmustern pro Tag selten mehr als 30 Zentimeter entstehen, muss man je nach Muster pro Meter mit Preisen von 2500 Euro und mehr rechnen. Handwerker wie die Bevilacquas sind aber nicht nur Produzenten, sondern auch Hüter des immateriellen Kulturerbes Venedigs. Sie sorgen dafür, dass solche Traditionen nicht im Museum verschwinden.Bereits die Rezeption des Hotels Gritti Palace ist eindrucksvoll.Margit KohlAls ein Ort von seltener Historie erweist sich auch der „Hortus Redemptoris – der Garten des Erlösers“ auf der Insel Giudecca. Der geheimnisvolle Garten mit Blick auf die Lagune war einst Rückzugsort für Kapuzinermönche gleich neben der Basilica del Redentore. Nach einer aufwendigen Restaurierung durch die Venice Gardens Foundation ist die ein Hektar große Oase mit ihren mehr als 2500 Pflanzenarten nun wieder öffentlich zugänglich. Von Zypressen und Olivenbäumen beschattete Wege führen Besucher vorbei an duftendem Blauregen und Kletterrosen, heilenden Kräutern und regionalem Gemüse. Alles fügt sich zu einem harmonisch gestalteten Gesamtbild, so wie es Andrea Palladio im 16. Jahrhundert entworfen hatte.Bei privaten Führungen können Gäste des Gritti Palace hier sehen, wo ein Großteil des Gemüses wächst, das im Hotelrestaurant auf die Teller kommt. Eine perfekte Kooperation, mit der sich die kulturelle Verbundenheit auch in der lokalen Küche zeigt. Als venezianische Spezialität gelten dabei die sogenannten Castraure-Artischocken, die etwas kleiner als gewöhnlich sind. „Dafür sind sie um so aromatischer und würziger, schließlich werden die Pflanzen von salzhaltigem Lagunenwasser gespeist“, sagt Chefkoch Alberto Fol.Es ist ein anderes, ein magisches Venedig, das man auf diesen kuratierten Exkursionen erlebt, weil man dabei die ganz besonderen Orte riechen, schmecken, fühlen oder bestaunen kann. Sei es der duftende Klostergarten und sein aromatisches Lagunengemüse, die samtweichen Stoffe oder die prachtvollen Gemälde Tintorettos. Selbst ohne all das zu fotografieren, wie die meisten Touristen es tun, wird es einem immer in Erinnerung bleiben.Informationen: The Gritti Palace: 61 Deluxe-Zimmer und 21 Suiten, ab 1800 Euro pro Nacht, thegrittipalace.com. Die Initiative „Unlocking the Venetian Craft“ bietet Hotelgästen exklusive Expertenführungen zu außergewöhnlichen Meisterwerken.