Als sich vorige Woche die EU-Verteidigungsminister in Irland trafen, hatte die EU-Außenbeauftragte noch etwas Wichtiges mitzuteilen. Sie werde eine „neue ranghohe Gruppe für Verteidigung“ einberufen, „einige der klügsten Köpfe im Bereich Sicherheit und Verteidigung“, kündigte Kaja Kallas bei einer Pressekonferenz in den Bergen von Wicklow an. Die Gruppe solle „unkonventionelle Lösungen“ dafür präsentieren, wie die EU-Staaten Lücken in ihrer Verteidigung schließen könnten. „Unter meiner Schirmherrschaft wird die Gruppe ihre Erkenntnisse in einem Bericht zusammenfassen, der konkrete Empfehlungen für Europas Verteidigung enthält“, sagte sie.Doch am Sonntag, fünf Tage nach der Ankündigung, musste Kallas eine Vollbremsung machen, die ihren ganzen Apparat ins Schlingern brachte. Die für Montagmorgen in der Bibliothek Solvay, einer gediegenen Eventlocation im Brüsseler Europaviertel, geplante Auftaktveranstaltung wurde kurzerhand abgesagt. „Einige Mitgliedstaaten waren der Ansicht, dass dies zum jetzigen Zeitpunkt nicht der richtige Weg sei“, teilte ein EU-Beamter zur Begründung mit. „Nach einigen Gesprächen mit den Ministern haben wir beschlossen, die Initiative nicht weiterzuverfolgen.“ Also nicht bloß eine Verschiebung, sondern eine Absage.Für Kallas ist es der nächste Fehltritt. Im Juni hatte die frühere estnische Ministerpräsidentin mit einem kolportierten Apartheidvergleich zwischen Israel und Südafrika für Schlagzeilen gesorgt, den sie nicht dementierte. Einen Monat zuvor hatte sie eine Krebsmetapher herangezogen, um die Politik gegenüber China zu erläutern.Apartheidvergleich und Krebsmetapher„Wenn man eine sehr, sehr schwere Krankheit hat, etwa Krebs, dann hat man zwei Möglichkeiten“, sagte sie bei einer Konferenz in Tallinn, „entweder man erhöht die Morphiumdosis, oder man beginnt mit einer Chemotherapie.“ Gemeint war: Entweder reagiert Europa mit mehr Subventionen oder mit harten Gegenmaßnahmen auf chinesische Exporte. In beiden Fällen stellte sich die EU-Kommission nicht hinter Kallas, die immerhin auch deren Vizepräsidentin ist.Im jüngsten Fall hatte sich die Estin offenbar mit niemandem abgesprochen. Zwar erwähnte sie ihre Initiative nach Teilnehmerangaben kurz in der Sitzung der Verteidigungsminister, doch führte dies zu keiner Debatte. Daran war Kallas demnach auch nicht interessiert. Als dann intern durchsickerte, wen sie in das Gremium berufen wollte, soll einigen Verteidigungsministern der Kragen geplatzt sein.So soll der italienische Minister Guido Crosetto erzürnt gewesen sein, dass die frühere Verteidigungsministerin Roberta Pinotti für das Gremium vorgesehen war. Crosetto gehört der rechten Partei von Giorgia Meloni an, Pinotti dagegen den italienischen Sozialdemokraten. Auch in London war das Erstaunen groß, als die Labour-Regierung erfuhr, dass der frühere konservative Verteidigungsminister Ben Wallace eine Einladung bekam.Berlin verweist auf Rolle der NATODeutschland hätte vermutlich damit leben können, dass nach F.A.Z.-Informationen der frühere Viersternegeneral Christian Badia in die Achtergruppe berufen wurde. Badia war bis zu seiner Pensionierung im Sommer 2025 der stellvertretende Kommandeur des NATO-Kommandos für Transformation, er genießt einen guten Ruf.Allerdings gab es prinzipielle Vorbehalte, die ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Montag so zusammenfasste: „Grundsätzlich gilt, dass die Verteidigungspolitik und Rüstungspolitik in der Verantwortung der Mitgliedstaaten liegt und sich die Fähigkeitsplanung und die Verteidigungsplanung aus der NATO-Planung ableiten.“ Warum also sollte sich die EU-Außenbeauftragte in diesen Prozess einmischen, zumal sie gar keinen Zugang zu den geheimen Planungsprozessen hat? Dass sie mit Anders Fogh Rasmussen einen früheren Generalsekretär der Allianz als Vorsitzenden gewonnen hatte, machte es nicht besser. Der Däne ist für seinen Geltungsdrang bekannt.Offenbar taten sich am Wochenende mehrere Staaten zusammen, um ihre Bedenken in einem Brief zu formulieren. Der musste dann aber nicht mehr abgeschickt werden, weil Kallas von sich aus auf die Bremse trat. Dabei dürfte eine Rolle gespielt haben, dass die Außenbeauftragte ohnehin schon mit Berlin, Paris und Rom über Kreuz liegt.Die drei Staaten wollen den Europäischen Auswärtigen Dienst (EAD) zurechtstutzen, der Kallas untersteht. Die meisten Beamten sollen in die EU-Kommission überführt werden. Dort soll Kallas zwar als Vizepräsidentin gestärkt werden, müsste sich aber der Weisungsbefugnis von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unterwerfen. Das lehnte die Estin in Irland vehement ab. Mit dem jüngsten Manöver hat sie ihre Position allerdings weiter geschwächt.